Geboren im Schneetreiben: Junge Frau bringt Kind im Taxi zur Welt

Etwa auf Höhe des Golfplatzes bei Dörrenzimmern war der kleine Bub da. Dass er das einmal erleben würde, hätte Herbert Weiß aus Michelfeld nicht im Traum gedacht: Bei ihm im Taxi wird ein Kind geboren.

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Ein Taxi in voller Fahrt. Als Herbert Weiß eine Schwangere nach Hall ins Diak bringen will, wird er plötzlich zum Geburtshelfer.  Foto: 

Solche Geschichten kennt man eher aus Filmen - zuweilen kommen sie auch im richtigen Leben vor: eine Geburt im Taxi. "Der Hammer", beschreibt Herbert Weiß das Erlebnis. Seit 14 Jahren fährt der 65-Jährige aus Michelfeld aushilfsweise Taxi und hat viel erlebt. Doch noch nie so etwas Kurioses. Der hohe Adrenalin-Level aus jener Nacht ist ihm auch beim Erzählen eine Woche später anzumerken.

Die junge Mutter, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte, lächelt derweil ganz ruhig. Nebenan schlummert der kleine Bub in seinem Bettchen. Für seine Geburt hatte er ausgerechnet jene Nacht ausgesucht, als der Winter im Haller Land mit Macht zurückkehrt. Heftige Schneefälle haben schon am späten Nachmittag des Gumpendonnerstags den Verkehr lahm gelegt. In der Nacht zum Freitag schneit es weiter. Als die hochschwangere 19-Jährige daheim in einem Vellberger Teilort etwa um Mitternacht schlafen gehen möchte, setzen die ersten Wehen ein. Nie hätte sie gedacht, dass alles so schnell gehen würde: "Es war ein Tag nach dem errechneten Geburtstermin."

Sie ruft im Haller Diak an, wo man ihr rät, die gepackte Tasche zu nehmen und per Taxi nach Hall zu kommen. Das Diak benachrichtigt das Taxiunternehmen, Herbert Weiß soll die schwangere Frau abholen. So weit, so gut. Ernsthaft beunruhigt ist zu diesem Zeitpunkt noch niemand.

Lediglich der viele Schnee macht Weiß Sorgen. Als er ankommt, wartet die werdende Mutter bereits vor der Tür - zusehends aufgeregt. Dem Taxifahrer ist klar, er muss so schnell wie möglich ins Diak. Inzwischen liegen 20 bis 25 Zentimeter Schnee, die Räumfahrzeuge kommen erst am Morgen. "Anfangs kamen wir hier den Hang gar nicht hoch", erinnert er sich. Er lässt das Taxi rückwärts die Straße hinabrollen, um "Anlauf" zu nehmen. Dann gehts Richtung Hall, die Fruchtblase ist geplatzt.

Als wenige Kilometer später kurz vor Vellberg die junge Frau vom Beifahrersitz meldet, dass das Köpfchen da ist, kommt der Taxifahrer richtig ins Schwitzen. Ob er nicht rechts ranfahren könne, meint die werdende Mutter. Aber Weiß befürchtet, bei all dem Schnee dann gar nicht mehr weiterzukommen. Er fährt weiter, steht unterdessen im ständigen Telefonkontakt mit dem Diak und gibt der Gebärenden neben sich die Ratschläge weiter. "Sie ist eine so tapfere Frau", sagt er voller Respekt. Weiß ist selbst Vater dreier erwachsener Kinder. Doch bei deren Geburt konnte er nicht live dabei sein, weil er als gelernter Kaufmann beruflich unterwegs war. So erlebt er in jener Nacht eine echte Premiere.

Mit Dauereinsatz des Warnblinkers pflügt Taxifahrer Weiß durch das dichte Schneetreiben. Ein Glück, dass die anderen Verkehrsteilnehmer Platz machen - und dass er den richtigen Wagen hat, mit Frontantrieb und Automatik. Zwei Kollegen seien in jener Nacht liegengeblieben, erfährt er später.

Für Weiß ist diese denkwürdige Fahrt freilich "Adrenalin pur". In Vellberg biegt er auf die Bühlertalstraße in Richtung Hall, der kleine Bub drängt weiter ans Licht der Welt. "Die vom Diak sagten am Telefon, sie soll pressen", erzählt der Taxifahrer. Etwa auf Höhe von Dörrenzimmern ist es geschafft, der Kleine ist da. "Als ich das Kind schreien hörte, ist mir ein riesiger Brocken vom Herzen gefallen", sagt Herbert Weiß. Dieser Plumps hallt noch immer nach, wenn er von jenem großen, erleichternden Moment erzählt.

Angekommen am Diak-Kreisverkehr telefoniert Weiß noch einmal in die Klinik, man möge bitte gleich die Schranke aufmachen, damit er nicht bremsen müsse. Das klappt, doch dann kommt dem Geburtstaxi ein Räumfahrzeug entgegen. "Ich weiß noch, wie Sie geflucht haben", sagt die junge Mutter lachend zu Herbert Weiß. Der versierte Fahrer meistert aber auch diese Situation. Am Eingang steht das Personal schon mit einem Bett bereit. Die junge Frau kommentiert humorvoll: "Jetzt haben wir alle Klischees bedient." Weiß liefert Mutter und Kind wohlbehalten ab und genehmigt erst einmal eine Zigarette. Die Anspannung lässt nach, "und ich hab ich gemerkt, wie mir die Knie flattern".

Alles ist gut gegangen. Der kleine Bub bringt 3360 Gramm auf die Waage, misst 50 Zentimeter und ist putzmunter. Als Geburtsort ist Hall angegeben, "weil die Plazenta erst im Diak kam", so die Mutter. Auch sie hat die Strapazen dieser außergewöhnlichen Geburt sehr gut überstanden. Und Herbert Weiß wird diese Taxifahrt niemals vergessen.

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