Fünf Jahre auf der Walz

Fünf Jahre lang war Christian Lang auf der Walz. Die Wanderschaft begann in Norwegen und führte ihn durch Mexiko, Namibia und England. Die letzten Kilometer lief er durch die Gemeinde Mainhardt.

|
Christian Lang ist gerade von dem so genannten Stenz, dem Wanderstock, abgesprungen, den ihm seine Zimmermannskollegen als Treppe halten. Jetzt muss er nach alter Walz-Tradition über das Ortsschild klettern. Foto: Gustav Döttling

Neben dem Ortsschild von Wüstenrot-Finsterrot an der B39 am Ortsausgang in Richtung Mainhardt-Ammertsweiler stehen drei Kästen Bier, ein Spaten und ein Pickel. Ein Empfangskomitee wartet auf einen Walz-Heimkehrer, Zimmermann Christian Lang aus Finsterrot. Fünf Jahre lang war der 28-jährige Zimmermannsgeselle auf Wanderschaft. Nun soll er nach Walz-Tradition bei seiner feucht-fröhlichen Heimkehr über das Ortschild klettern und seine Utensilien ausgraben, die er beim Aufbruch am 7. Juni 2008 in der Nähe des Verkehrszeichens verbuddelt hat.

"Ich habe richtig Herzklopfen, die Sehnsucht ist riesengroß", sagt Petra Lang, die Mutter des Heimkehrers. Sie hat ihren Sohn letztmals vor eineinhalb Jahren getroffen. Zum Empfangskomitee gehören neben Familie und Freunden auch Menschen, die Christian Lang auf seiner Walz kennengelernt hat. Mit einer Flasche selbstgebranntem Pregler Schnaps sind Zimmermann Hannes aus Tirol und seine Ehefrau Christa angereist. "Der Christian hat Weihnachten 2012 bei uns verbracht und war mit mir auf der Jagd", erzählt Hannes. So sei eine richtige Freundschaft entstanden. "Wir haben in Tripsdrill an der Holzachterbahn zusammen gearbeitet", erzählt Zimmermann Thilo Juhnke aus Zaberfeld. Er gehört wie Heimkehrer Christian Lang zur "Rolandsbruderschaft" der Zimmerleute. "Er hat viel von der Welt gesehen, aber jetzt wird es Zeit, dass er heim kommt", meint Vater Alfred Lang, Inhaber des Zimmergeschäfts Finsterroter Mühle.

Kurz nach 17 Uhr sind Autohupen zu hören. Eine bunte Schar von 15 Gesellen in der Kluft ihrer Zünfte kommt im Gänsemarsch aus einem Feldweg auf die Bundesstraße. Mittendrin mit Stenz (Wanderstock) und einem Heubündel in einem blauen Tuch Christian Lang. Weil die Gesellen auf der B39 mehrmals im Kreis laufen, kommt der Verkehr zum Erliegen. Der erste Versuch des Zimmermanns, sein Heubündel über das Ortschild zu werfen, scheitert, erst der zweite Anlauf klappt. Seine Heimbringer bauen mit ihren Stenzen vor dem Ortschild eine "Treppe", über die Christian Lang sich auf das fast drei Meter hohe Verkehrszeichen schwingt. Oben angekommen wird ein kräftiger Schluck aus dem Bierstiefel genommen und geschaukelt. Dann lässt sich der Zimmermann rückwärst auf Finsterroter Seite in die Arme seiner Heimbringer fallen. Dabei verbiegt sich das Verkehrsschild.

Die Freudentränen fließen, als Vater, Mutter und Schwester Annika ihren Christian in die Arme nehmen. Die Suche nach der bei der Abreise vergrabenen Flasche Zimmermannslikör und der anderen Andenken dauert nicht lang. "Wir haben uns jeder eine Zahl gemerkt, und daraus die Entfernung zum Ortsschild berechnet", lüftet Lang sein Navigationsgeheimnis. Üblich ist, dass die Walz drei Jahre und einen Tag dauert. "Es gab so viele interessante Projekte, da hab ich beschlossen länger zu bleiben."

Seine erste Station war Norwegen. Die Wanderschaft führte ihn nach Kalifornien, Mexiko, Namibia und zuletzt über England nach Fulda, dem Sitz seiner Bruderschaft. Mit den Heimbringern, Gesellen, mit denen er auf seiner Walz gearbeitet hat, ging es dann zu Fuß und per Autostopp in die Heimat.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Gericht: Rassismus auf dem Jakobimarkt

Das Amtsgericht verurteilt einen Ordner wegen ausländerfeindlichen Äußerungen. Der 57-Jährige bestreitet die Vorwürfe. weiter lesen