Früher verbrannt, heute verheizt: Eine Hebamme im Quellhof-Gespräch

Susanne Otter, die Vorsitzende des Kreis-Hebammenverbandes, war Sommergast beim kulinarisch-musikalischen Jahreszeitengespräch am Quellhof.

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Moderator Markus Stettner-Ruff (Zweiter von links), Talkgast Susanne Otter und Küchenchef Thomas Tanzmann (rechts) lauschen den Cello-Klängen von Benjamin Kautter. Weitere Bilder von der Veranstaltung gibt es im Internet unter der Adresse www.hohenloher-tagblatt.de.  Foto: 

Viermal im Jahr lädt das anthroposophisch orientierte Seminar- und Tagungshaus Quellhof in Mistlau im Rahmen seiner Veranstaltungsreihe „Kunstwerk Mensch“ Persönlichkeiten aus der Region ein, die im Podiumsgespräch mit Moderator Markus Stettner-Ruff aus ihrem Leben erzählen.

Küchenchef Thomas Tanzmann hat das ansprechende Format, bei dem sich die Gesprächsgäste ihre Lieblingsmusik und ihr Lieblingsessen wünschen dürfen, mit entwickelt. Nach seinen launigen Begrüßungsworten verschwand er in die Küche, um letzte Hand anzulegen bei der Zubereitung des leckeren Feuerbohnengerichtes, das später in der Pause kredenzt wurde.

Der 17-jährige, hochtalentierte Cellist Benjamin Kautter aus Crailsheim, mehrfacher Preisträger beim Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“, eröffnete derweil  den Abend mit einer brillanten Bach-Interpretation. Danach zog man es angesichts der hochsommerlichen Temperaturen vor, den ersten Teil der Talkrunde draußen im Hof unter der großen Blutbuche zu verbringen.

In entspannter Atmosphäre wickelte Stettner-Ruff den roten Lebensfaden seines Gastes aus Satteldorf ab. Im Teilort Beeghof hat Susanne Otter gemeinsam mit ihrem Mann und ihren drei Kindern ihre Heimat gefunden. Ein altes Tagelöhnerhäuschen, das den zuvor in Backnang  lebenden Otters zunächst als Ferienhäuschen diente, haben sie zu einem gemütlichen Domizil ausgebaut. Die gute Gemeinschaft in dem kleinen Weiler und die „sehr lieben und hilfsbereiten Leute“ haben der Familie den Start in Hohenlohe leicht gemacht, erzählte Susanne Otter.

Einen spannenden Schwerpunkt des Gespräches bildeten die Ausführungen der 54-Jährigen über ihre Arbeit als Kreisverbandsvorsitzende Schwäbisch Hall-Crailsheim der Hebammen. Mit großem ehrenamtlichem Engagement setzt Otter sich ein für die Belange der Hebammen, die durch steil nach oben gestiegene Haftpflichtversicherungsforderungen vielfach vor der Berufsaufgabe stehen.

Was sie dazu motiviere, wollte der Moderator wissen. Es wäre ein großer Verlust für die Gesellschaft, wenn es keine Hebammen mehr gäbe, antwortete Otter. Als man in den USA vor rund 50 Jahren den Hebammenberuf abgeschafft habe, sei die Kindersterblichkeit nach oben geschnellt. Mittlerweile müsse wieder jeder Arzt bei der Geburt eine Hebamme hinzuziehen.

Die Geringschätzung ihres Berufsstandes habe eine lange Tradition, führte Otter weiter aus. „Früher verbrannt, heute verheizt“ – das war und ist für sie das Los der Hebammen. Weil sie schon immer diejenigen waren, „die Wissen über Leben und Tod hatten“, so Otter, weil sie  Bescheid wussten über Zeugung, Schwangerschaft und Geburt, aber auch über Verhütung und Abtreibung, waren sie der patriarchalischen Obrigkeit seit jeher ein Dorn im Auge.

Eine Folge der Hexenverbrennung sei gewesen, dass das Wissen um Verhütung und Geburtenkontrolle zu Beginn des 19. Jahrhunderts in der breiten Bevölkerung weitgehend verschwunden gewesen sei. „Ein Strom von Wissen wurde unterbrochen“, sagte Otter. Verheizt würden die Hebammen heute im Klinikbetrieb, wo sie mehrere Geburten gleichzeitig begleiten müssten, und durch umfangreiche Dokumentationspflichten von ihrer eigentlichen Arbeit abgehalten würden.

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