Freundschaft aus Kriegstagen

Als Kriegsgefangener hat Raymond Mabille viele Dinge erlebt, über die er nicht gern gesprochen hat. Seine Zeit auf dem Hof der Familie Steinbrenner in Wallhausen hat er jedoch in guter Erinnerung behalten.

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Freundschaft über Jahrzehnte, Generationen und Ländergrenzen hinweg: Michel Mabille (rechts) ist mit Tochter Cécile und deren Freund Joel Pire (links) zu Besuch bei Gertrud Kaufmann (Zweite von rechts) in Gröningen. Foto: Christine Hofmann

Die Geschichte der Familien Mabille aus Belgien und Steinbrenner aus Wallhausen ist eine, die zu Tränen rührt - Tränen des Leids und Tränen der Freude. Es sind viele Tränen geflossen in den mehr als 70 Jahren, in denen das Schicksal die Familien in schweren Zeiten zusammengeführt hat. Bis heute hat es sie nicht losgelassen, das beweist der Besuch, der bei Gertrud Kaufmann, geborene Steinbrenner, in Gröningen in der guten Stube auf dem Sofa sitzt. Michel Mabille, seine Tochter Cécile und deren Freund Joel begeben sich mit ihrer Gastgeberin Gertrud Kaufmann auf eine Reise in die Vergangenheit. Und sie feiern ein kleines Jubiläum: Vor 40 Jahren gab es den ersten Besuch der Familien Mabille und Steinbrenner-Kaufmann.

Und so beginnt die Geschichte: Raymond Mabille war von 1940 bis 1945 in Kriegsgefangenschaft. Der belgische Soldat wurde als Hilfskraft auf Bauernhöfen in der Region eingeteilt. 1942 kam er auf den Hof Steinbrenner in Wallhausen, wo seine Unterstützung dringend gebraucht wurde: Der Vater war als Soldat im Krieg, Mutter, Großmutter und drei kleine Mädchen mussten den Betrieb allein führen. "Raymond war für uns ein echter Glücksfall - sowohl in der Landwirtschaft, als auch als Mensch", erinnert sich Gertrud Kaufmann, die damals die jüngste der drei Schwestern war und viele Kindheitserinnerungen mit dem Kriegsgefangenen verbindet. "Raymond war mir jahrelang Vaterersatz, solange mein eigener Vater in Krieg und Gefangenschaft war", erzählt die 77-Jährige.

Der Belgier wurde für drei Jahre ein geschätztes Mitglied der Familie Steinbrenner. Nach Kriegsende kehrte er heim zu seiner eigenen Familie. Die Erinnerungen an Deutschland nahm er mit. "Mein Vater hat viel von dieser Zeit erzählt", berichtet Michel Mabille. "Er durfte bei Steinbrenners am selben Tisch essen wie die Familie - das war damals eigentlich verboten."

Im Jahr 1973 reiste Raymond Mabille mit seiner Ehefrau, seinem erwachsenen Sohn Michel und dessen Ehefrau und Kindern zum ersten Mal nach Kriegsende nach Deutschland. "Es gab ein großes Wiedersehensfest. Die Kinder spielten sofort miteinander und die Erwachsenen lagen sich in den Armen. Wir waren wie eine große Familie", berichtet Gertrud Kaufmann. Es blieb nicht bei diesem einen Treffen. Viele Besuche und Gegenbesuche folgten, die Kinder und Enkel verbrachten die Sommerferien in den Gastfamilien, bis heute gibt es regen Kontakt per Telefon, Post und übers Internet. Zu jedem Familienfest wird die befreundete Familie eingeladen.

Als Raymond Mabille 1981 starb, war die Freundschaft zwischen den Familien schon so gefestigt, dass sie hielt. Und sie wird weiterbestehen, daran haben Gertrud Kaufmann, Michel Mabille, Cécile und Joel keinen Zweifel, während sie in den Fotoalben blättern, gemeinsam ein paar Tränen vergießen und Pläne für die Zukunft schmieden.

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