Fluch und Segen liegen dicht beieinander

Gedanken zum Sonntag von Gemeindereferent Ulrich Müller-Elsasser, Katholische Gesamtkirchengemeinde Schwäbisch Hall.

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Ein Segen kann zum Fluch werden: Erdwärme-Bohrungen in der Gemeinde Staufen im Breisgau verursachten Risse in vielen Gebäuden. Archivfoto

Die Geschichte vom Turmbau zu Babel ist hinreichend bekannt. Von vielen wird sie als nettes Bibelmärchen angesehen, welches Gottes Kränkung beschreibt, weil die Menschen ihm zu nahe kommen wollen.

Jenseits dieses Klischees erzählt diese Episode eine tief greifende Wahrheit über den Menschen: Es geht um die Grenzen des Machbarkeits-Wahns. Der Versuch der Turmbauer endet in der kompletten Sprachverwirrung. Das Projekt scheitert.

Kürzlich bebte in St. Gallen die Erde nach Geothermie-Tiefenbohrungen. In einem Kommentar war dazu zu lesen: "Mahnung aus dem Untergrund". Und es wurde vermutet, dass es gelegentlich wohl solche "Dämpfer brauche, um den Glauben an die Machbarkeit in Schranken zu weisen". Da lag für mich der Gedanke an die Turmbaugeschichte zum Greifen nahe. Infolge der Beben waren dann Meinungen zu hören wie "Man muss besser forschen" oder auch "Man soll auf diese Versuche ganz verzichten" - das gegenseitige Unverständnis eingeschlossen. Babylonische Sprachverwirrung eben.

Als Christ bin ich davon überzeugt, dass Gott dem Menschen auch den Wunsch nach Erkenntnis und somit den Drang zur Forschung geschenkt hat. Erst dadurch ist es uns möglich, die Erde als Lebensort nutzbar zu machen. Gleichzeitig ist uns aber auch die Verantwortung für diese Schöpfung gegeben. Zuweilen habe ich den Eindruck, dass diese aus dem Blick gerät. Bei manchen Forschungen ist es sehr fraglich, ob sie der Menschheit langfristig wirklich dienen. Fluch und Segen sind nur einen Hauch voneinander entfernt.

Ich würde mir wünschen, dass bei allen Forschungen der indianische Ansatz gilt: Überlege bei Veränderungen, wie sie sich in der siebten Generation auswirken. Für den Alltag eines jeden übersetzt würde das außerdem heißen: Überlege stets, wie sich dein Verhalten auf deine Umgebung auswirkt. Wenn wir uns daran halten, dann braucht es keine Mahnungen aus dem Untergrund und babylonische Sprachverwirrungen wären seltener.

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