Fair auch ohne Siegel: Mexikanischer Kaffee vom "Wolkenvolk"

Ernst Rieger züchtet mit seiner Familie Wildblumensamen in Raboldshausen - und ist jetzt auch unter die Kaffeeproduzenten gegangen. Seinen "Kaffee der Freundschaft" gibt es nun auch in Crailsheim zu kaufen.

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Ernst Rieger weiß es jetzt genau: "Erst mit 18 Tonnen ist man jemand auf der Welt." In der Welt der Containerschiffe jedenfalls, denn als die Riegers Kaffee von Mexiko nach Deutschland verschiffen wollten, war diese Menge genau das Problem.

Doch der Reihe nach: Vor drei Jahren reisten Riegers mit einer Gruppe des Bündnisses "Gentechnikfreies Hohenlohe" und des "Evangelischen Entwicklungsdiensts" nach Mexiko, genauer gesagt in die Region Oaxaca (sprich: "Oachaka"). Dort kultivieren Menschen seit 10.000 Jahren Pflanzen, es gibt Hunderte von verschiedenen Maissorten - ein unschätzbares Erbe der Menschheit. Das interessierte die Reisegruppe, und deshalb lernten sie Kleinbauern kennen, die dort mehr schlecht als recht ihr Dasein fristen. Ihre Produkte - Kaffee zum Beispiel - werden sie nur schwer los, denn die Preise und die Bedingungen auf dem Markt diktieren andere.

18 Tonnen Kaffee?

"Die Kleinbauern sind auf uns zugekommen und haben gefragt, ob wir für sie nicht Kaffee verkaufen wollen", erinnert sich Ernst Rieger. Und natürlich wollten die Riegers, doch dann fingen die Probleme an. Die Probleme mit den 18 Tonnen, wie gesagt, "denn vorher ist man niemand". Zehn Cent kostet ein Kilo Fracht im Container, zwei Euro im Flugzeug. Doch ein Container fasst 18 Tonnen, weniger geht nicht. So viel wollten die Riegers aber nicht einkaufen.

Erstens ist Ernst Rieger Samenproduzent, kein Kaffeegroßhändler. Und zweitens konnten die Kleinbauern so viel auch gar nicht liefern. Sie haben ja nur kleine Flächen mit wenigen Kaffeepflanzen, "halbwild im Urwald. Drüber wachsen große Bäume, das hab ich gesehen", sagt Rieger. Es sind die Nebelwälder der Sierra Juarez, der Ozelot jagt dort, die Gegend ist bekannt für ihre Schmetterlinge. Die Ureinwohner sprechen zapotekisch und nennen sich selbst das "Wolkenvolk".

Monatelang hängte sich Rieger ans Telefon und suchte nach einer Lösung. "Dann sind wir zufällig auf der Grünen Woche auf ,El Puente gestoßen, einen Anbieter fair gehandelter Produkte. Die exportieren auch Kaffee aus Mexiko. Und ich konnte unseren Kaffee dazupacken."

1,5 Tonnen orderte Rieger erst einmal. Vor zwei Jahren kam er endlich hier an. Röster und Verpacker waren schnell gefunden - und Kunden auch. "Wir waren innerhalb von vier Monaten ausverkauft."

Ein Problem gibts mit dem Kaffee allerdings, doch bei genauem Hinsehen ist es keines: Der Riegersche "Kaffee der Freundschaft" hat kein Fair-Trade-Siegel. Rieger: "Das lohnt sich für die kleine Menge nicht. Das wäre für die Bauern viel zu teuer." Daran merke man übrigens, dass selbst der Segen der Siegel an den ganz Kleinen vorbeigeht. "Aber natürlich sind wir fair. Wir zahlen zwar mehr als alle anderen. Aber wir nehmen von jedem Kleinbauern auch nur 50 Kilo Rohkaffee ab.

"Die haben doch nichts"

So verteilt es sich und wir können auch den ganz Kleinen helfen, vor allem den Frauen und Witwen." Und das Bio-Siegel? Auch das fehlt auf der Verpackung. "Natürlich darf ich nicht sagen, dass der Kaffee ein Bio-Kaffee ist, denn er ist ja nicht zertifiziert. Aber wo sollen die Kleinbauern denn das Geld für Dünger und Spritzmittel hernehmen? Die haben doch nichts."

Rührende Briefe erreichen die Riegers. Die Hilfe kommt an und wird geschätzt. Im zweiten Jahr orderten die Riegers deshalb gleich sechs Tonnen, die derzeit verkauft werden - und wohl nur noch bis zum Sommer reichen, meint Rieger, der an dem Kaffee nichts verdient. Im Gegenteil. "Aber langfristig muss sich das Projekt natürlich tragen. Und das wird es auch." Deshalb wird jetzt wieder geordert - zehn Tonnen diesmal. Rieger: "Wir arbeiten auf die 18 Tonnen hin. Denn das ist das Ziel. Denn dann sind wir wer in der Welt der Containerschiffe. . .".

Info Der Kaffee der Freundschaft kann jetzt auch in der Region gekauft werden, in Crailsheim (Eberl-Markt und Café Kett), in Langenburg (Bäckerei Hölzle), in Blaufelden (Bäckerei Sohns), in Wallhausen (Hofladen Heck) und im Regionalmarkt Wolpertshausen.

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