Ex-ENBW-Chef Villis schaut in Braunsbach auf sein bewegtes Berufsleben zurück

Die Öffentlichkeit kennt den Ex-ENBW-Chef Hans-Peter Villis als Vertreter der Kernenergie. Das bekommt er oft unangenehm zu spüren. Umso entspannter war für ihn das Wintergespräch in Döttingen.

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Hans-Peter Villis erzählt gestenreich von seinen Erfahrungen. Im Braunsbacher Wintergespräch erinnert er sich - noch heute betroffen - wie er in Magdeburg 650 Mitarbeiter eines Braunkohlekraftwerks entlassen musste. Foto: Ufuk Arslan

Als prägendsten beruflichen Abschnitt hat der Sohn eines Bergmanns aus Castrop-Rauxel seine Zeit in Magdeburg erlebt. Dort hat er nach der Wende die Stadtwerke mit aufgebaut - und war als kaufmännischer Geschäftsführer für das Personal verantwortlich: "Vor 650 Leuten zu stehen, die alles gegeben haben, um ein Heizwerk mit dreckiger Braunkohle am Laufen zu halten, ihnen sagen zu müssen: Das wars! Das prägt einen", erinnert sich Villis immer noch betroffen. Es sei richtig gewesen, viel Geld in die Sanierung der Versorgungssysteme und Straßen im Osten zu stecken. "Die Menschen in den neuen Bundesländern sind das wert", bekräftigt er.

"Total marode Leitungssysteme" hat der Westfale als Manager beim Wasserversorger Gelsenwasser im Ruhrgebiet kennengelernt. "60 Prozent Wasserverlust hatten wir da", berichtet er, was Braunsbachs Bürgermeister Frank Harsch später zu dem stolzen Kommentar verleitet, in seiner Gemeinde würden nur sechs Prozent Wasser versickern. Eine große Gefahr sei damals die salzhaltige Lippe (ein Nebenfluss des Rheins) gewesen. "Wenn Salz ins Grundwasser gelangt wäre, hätte das eine Million Menschen betroffen", erklärt er.

Als er später für den Energiekonzern Eon nach Schweden ging, habe er ganz neue Erfahrungen gemacht: "Bei den Schweden stehen Kinder, Familie und Umwelt an erster Stelle." Selbstverständlich habe er Schwedisch gelernt. Das sei nicht so schwierig, weil es mit Plattdeutsch verwandt ist, meint er. "Für Sie vielleicht, aber sicher nicht für Schwaben", entgegnet ihm Moderatorin Tanja Kampe lachend.

Dann die Zeit bei der EnBW: Nach Fukushima und dem Entschluss zum Ausstieg aus der Atomenergie habe er sowohl im Aufsichtsrat der EnBW als auch bei der grün-roten Regierung nicht mehr genug Rückendeckung gehabt. Deshalb sei er aus dem Konzern ausgeschieden, sagt der 54-jährige Manager.

"Wir müssen darüber nachdenken im Notfall 100.000 Menschen vom Netz zu nehmen"

Es gebe für Deutschland keine Alternative zum Atomausstieg, aber die unkoordinierte Wende in der Energiepolitik bereite ihm Sorgen, sagte Hans-Peter Villis. "Wir brauchen die erneuerbaren Energien, aber wir müssen das klug machen", stellt er klar und fordert ein Konzept. Wenn Atomkraftwerke, die bisher die Grundlast abgedeckt haben, zu rasch vom Netz gehen, sei die Versorgungssicherheit gefährdet, meint Villis. Er fürchtet um den Wohlstand des Landes, wenn sich die Industrie nicht auf eine lückenlose Energieversorgung verlassen kann. "Ein Mega-Blackout droht sicher nicht, aber leider müssen wir darüber nachdenken, im Notfall 100.000 Menschen vom Netz zu nehmen", warnt er.

Optimistisch stimmt ihn, dass die Übertragungsnetzbetreiber einen Plan für den Ausbau des Stromnetzes erstellen. Ärgerlich findet er aber das Veto von Bürgerinitiativen. Die Energiewende zu befürworten, aber nicht bereit zu sein, Stromleitungen oder Windräder vor der Haustür zu akzeptieren, passe nicht zusammen, schimpft er.

Mitten im Gespräch kommt die Meldung aus dem Publikum: "Der VfL Bochum hat eins zu null gegen 1860 München gewonnen." Villis ist erleichtre. Er ist nämlich nicht nur seit 45 Jahren Fan des Ruhrpottclubs, sondern seit letzten Herbst auch dessen Präsident. "Der Sieg war ein wichtiger Schritt gegen den Abstieg", meint er. Sein großes Ziel für den Zweitligisten: auch ohne große Sponsoren wieder erstklassig werden - mit aktiver Jugendarbeit.

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