Er sieht die Welt ohne Augen

Er schaut sein Gegenüber an, ohne ihn zu sehen. Er sitzt im Stadion und jubelt über das Tor, das er nur hört und er lernt in der Schule, ohne die Gesichter der Lehrer und Mitschüler zu kennen.

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Maximilian (14), der im Kindesalter beide Augen verloren hat, das Gymnasium besucht und Fußball liebt.  Foto: 

Plötzlich hat er das Gesicht seiner Mama vergessen. "Ich weiß nicht mehr, wie du aussiehst." Was er aber weiß: Die Mama ist warm, weich, kuschelig und sie riecht gut. Das war vor gut acht Jahren, als sich die Welt von Maximilian verdunkelt und das Leben seiner Eltern Susanne und Kurt Heinke grundlegend verändert hat.

Längst hat sich die Familie an die neue Lebenssituation gewöhnt, längst ist vieles Routine. "Früher bin ich öfters am Türrahmen gelandet", erinnert sich der 14-Jährige "oder mit dem Schienbein gegen den Tisch gestoßen". Doch heute kennt er sich in der Wohnung bestens aus, geht er ohne Probleme von Zimmer zu Zimmer, weiß er seinen Platz am Esstisch, steuert er im Wohnzimmer zielstrebig auf das Sofa zu - und schlägt mit dem Kopf gegen die Dachschräge. Bis gestern stand an dieser Stelle ein kleiner Schrank, der ihm jetzt als Orientierungspunkt gefehlt hat. "Es muss immer alles ganz ordentlich sein", weiß seine Mutter, die früher schon immer wieder mal vergessen hat, den Staubsauger wegzuräumen. Inzwischen gibt es solche Stolperstellen nicht mehr und kann sich Maximilian auf (fast) jede Veränderung einstellen.

In seinem Zimmer hängt das Bild eines kleinen Jungen mit Brille. Man erkennt nicht, dass er ein Glasauge trägt. Maxi ist noch keine drei Jahre alt, als Ärzte hinter dem linken Auge einen Tumor entdecken. Die Eltern stehen unter Schock und werden vor eine schwere Entscheidung gestellt: Soll ihr Kind nicht erblinden und weitere gesundheitliche Schäden erleiden, muss das Auge entfernt werden. Maxi wird am 8. Dezember 2000 operiert.

Die vorher aus den Fugen geratene Welt scheint bald wieder in Ordnung. Der kleine Maxi besucht den Kindergarten, als er auf dem Weg dorthin plötzlich alles wie im Nebel sieht, wie sich seine Mutter erinnert. Auch das rechte Auge ist von einem Tumor befallen. Für die Familie folgt eine lange, unvorstellbar schwere und schwierige Zeit, eine Zeit unmenschlicher Belastung, eine Zeit zwischen Bangen und Hoffen. Die Eltern lassen ihr Kind in einer Spezialklinik behandeln, und die Ärzte unternehmen alles um das Auge zu retten. "Nach 60 Narkosen haben wir aufgehört zu zählen", blicken die Eltern zurück. Maxi gefällt es im Krankenhaus, weil er so viele Geschenke erhält. Doch letztendlich gibt es keine Chancen mehr, müssen die Eltern die Entscheidung treffen: Am 13. Januar 2004 wird auch das zweite Auge entfernt. Für die Eltern stellt sich jetzt nur noch eine Frage: Wie kann und wird das Leben weitergehen?

Aus dieser großen Herausforderung heraus entsteht ein neuer Anfang und bildet sich eine Entwicklung, die große Bewunderung höchsten Respekt und Anerkennung verdient. Der Besuchter trifft auf eine äußerst aufgeschlossene Familie, die nicht mit ihrem Schicksal hadert, die sich nicht entmutigen lässt und zuversichtlich in die Zukunft schaut. In fremder Umgebung gibt sich Maxi eher zurückhaltend, daheim hingegen ist er aufgeweckt, offen, direkt und humorvoll. Die Eltern entscheiden sich nicht für eine Blindenschule, sondern für die Sprachheilschule in Crailsheim, wo in kleinen Klassen unterrichtet wird. Und sie entscheiden sich für die Schloss-Schule in Kirchberg, wo Maximilian mit offenen Armen aufgenommen und eines Tages das Abitur ablegen wird. Er wird von "Assistenzkraft" Julian begleitet, nimmt wie alle anderen am Unterricht teil. Der einzige Unterschied ist das Lehr- und Lernmaterial. Maximilian "schaut mit den Fingern", tastet mit ihnen über die Blindenschrift oder den speziellen Globus. Er baut sich vor seinem geistigen Auge seine eigene Welt auf, stellt sich das Gesprochene und Geschriebene auf seine ganz eigene Art und Weise und in seinen eigenen Bildern vor. Er weiß, dass ihm in dieser seiner Welt viele Bilder fehlen und immer fehlen werden, weil er sie aus eigener Anschauung heraus einfach nicht kennt und kennenlernen wird.

Umso aufmerksamer hört er zu, weil er sich auf diese Weise seine eigenen Bilder machen kann. So sitzt der Fan des VfB Stuttgart zusammen mit seinem Vater im Stadion, verfolgt das Geschehen auf dem Rasen über Kopfhörer, genießt die Atmosphäre und stellt sich vor, "wie die Kerle da rumspringen", wie er sagt. Obwohl er Tiere "eigentlich gar nicht mag": Von "Warrior Cats" ist Maximilian hellauf begeistert, weshalb er auch alle Hörbücher hat. Er besucht mit seinen Eltern die Muswiese, wo er liebend gern Karussell fährt, er geht (wenn auch nicht gerne) zum Einkaufen mit, zum Stadtbummel oder Spaziergang. Damit nicht alles gleich ist, wie er sagt, ist er bei allem auf Beschreibungen angewiesen. Ob er Wünsche hat: "Eigentlich nicht" und er vermisse auch nichts, sagt er nach kurzem Überlegen. Seine Eltern hingegen haben einen Wunsch: dass Maxi auch ohne sie etwas unternimmt, wofür er allerdings eine Begleitperson braucht.

Info Wer im Rahmen eines freiwilligen sozialen Jahres oder Bundesfreiwilligendienstes Maximilian als Assistenzkraft begleiten oder ihn anderweitig unterstützen möchte, kann sich bei der Familie Heinke (079 53 / 6 15) oder der Diakoniestation Blaufelden melden.

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