Enslinger Hebammen auf der Spur

Liselotte Kratochvil stöbert seit Jahren in Kirchenbüchern und Archiven - auf der Suche nach geschichtlichen Hintergründen und Menschen. Mit Christa Bauer referierte sie über Enslinger Hebammen.

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    Die Füße eines Neugeborenen hängen bei der Untersuchung durch eine Hebamme aus dem Beutel. Foto: 
  • Christa Bauer und Liselotte Kratochvil beim Foto: Margitta Schmidt 2/2
    Christa Bauer und Liselotte Kratochvil beim Foto: Margitta Schmidt Foto: 
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"Es ist extrem mühsam, etwas über diesen wichtigen Berufsstand zu finden. Obwohl sie eine zentrale Rolle ausübt, wird die Hebamme nicht erwähnt", sagt Liselotte Kratochvil am Mittwoch im Gasthaus Krone bedauernd. Daher ist sie den ersten Pfarrern, die 1588 mit Einträgen in Kirchenbücher begannen, sehr dankbar, auch wenn sich diese zunächst nur auf wenige Sätze beschränken.

Zehn Taufen sind 1588 in Enslingen vermerkt. Nicht bei allen Geburten war eine Hebamme anwesend. 1596 fand nur eine Entbindung von 14 gemeldeten im Beisein der Geburtshelferin statt. Üblicherweise wurden die erfahrenen älteren Frauen nur gerufen, wenn Komplikationen auftraten.

Den meisten Pfarrern waren diese "Weibsleute" nicht ganz geheuer, verfügten sie doch über das Recht, im Beisein von Zeugen "Jähe- oder Noth-tauffen" durchzuführen. So beschwerte sich 1645 ein Kirchenmann über die eigenmächtige Hebamme, die ein schwaches Kind ohne Benachrichtigung nottaufte.

Interessant sei, so Kratochvil, dass die Hebamme im 17. Jahrhundert Armen und Reichen gleich dienen sollte - "ingedenkt, dass dem Armen so viel an Weib und Kind gelegen ist, wie dem Reichen".

Erst 80 Jahre nach Beginn der Aufzeichnungen tauchte die Hebamme namentlich in den Büchern auf: "Kunigunde, Wendel Kettemanns Hausfrau, Hebamme im 69. Jahr", wohnhaft im Enselbachweg 1. Nach dem Tod ihres Mannes musste sie das halbe Haus verkaufen.

Hebammen mussten "ehrbares Leben" führen

Um Hebamme zu werden, mussten die Frauen von einem Mediziner examiniert werden, ein ehrbares Leben führen, gesund und geschickt sein und ihre Kunden nicht übermäßig zur Kasse bitten. Amtsrechnungen sind Fundgruben. Darin sind Namen, Einsatzorte und besondere Vorkommnisse vermerkt.

Gespannt lauschen nur fünf Zuhörerinnen Biographien und Schicksalen und erfahren, dass der Verdienst 1923 bei 50 Milliarden Mark und nach der Währungsreform noch 60 Mark betrug. Die Aufzeichnungen enden 1957 mit der freien Hebammenwahl. Abschließend genannt werden Ella Schumacher für den Bereich um Enslingen und Waltraud Ruoff für den Haller Raum.

Vor drei Jahren machten sich Liselotte Kratochvil und Christa Bauer gezielt auf die Spurensuche nach heimischen Hebammen. "Durch das kontinuierliche Aufarbeiten der Bücher entwickelt sich Thema für Thema. Und wenn man erst einmal eine Spur gefunden hat, dann folgt man ihr und fragt sich, irgendwo muss doch noch mehr sein", begründet Kratochvil die Themenwahl. "Ich fand das so toll, dass sich jemand die viele Arbeit macht, um das Leben der Hebammen aufzuarbeiten", meint die Haller Hebamme Sybille Weigand nach dem geschichtlich fundierten Vortrag.

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