Eine unterhaltsame Zeitreise

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Gunter Haug bei der Lesung in der Stadtbücherei Schrozberg.  Foto: 

Gunter Haug nahm das Publikum in Schrozberg mit auf eine ausgefallene Zeitreise in die eigenen sechs Lebensjahrzehnte. Die privaten wie beruflichen Stationen des Autors erwiesen sich mit ihren Turbulenzen als äußerst unterhaltsam. Zwar keine reine ­Biografie, aber „mein bisher lustigstes Buch”, wie Haug selbst sagt.

Das fast 400-seitige Werk heißt „Ohne Worte – Wie ich den Froschkönig besiegte”, aber es ist ganz das Gegenteil – nämlich sehr wortgewaltig. Die Sache mit dem Froschkönig ist für Gunter Haug besonders hart: Da hat er doch glatt als Fünfjähriger den Einsatz in der Schauspielrolle seines Lebens versaut und im Kindergarten-Spiel das „Quak“ verpasst. Doch es änderte nichts an der später folgenden Karriere.

„Schimmel macht gscheit“

Durch Lebensbeschreibungen sowohl einfacher Leute, aber auch solcher  Größen wie Robert Bosch oder Ferdinand Porsche, über Krimis zu Tatsachenromanen und Dokumentationen, hat er sich als Autor einen Namen gemacht, wobei ihn nicht nur das Werk „Niemands Tochter” mit der bewegenden Geschichte des Lebens seiner Großmutter Maria Staudacher aus Rothenburg als Bestseller-Autor (über eine halbe Million Leser) ausweist. Die eigene Verwandtschaft bot quasi den Einstieg in gesellschaftsrelevante und sozialkritische Themen, aber diesmal ging es im Schrozberger Schloss um Erheiterndes. Dabei outet sich der Autor als Schwabe „mit fränkischem Migrationshintergrund“, dank seiner Mutter aus Rothenburg.

Bei dem Erlebten fällt es ihm leicht, ein dickes Buch zu füllen. Leser und Zuhörer nimmt Haug wie ein Reiseleiter mit zu persönlichen Stationen. Titel wie „Kaiser Wilhelm, Welschkorn und Radieschen”, „Schimmel macht gscheit”, „Der Seggel“, „Pest, Cholera, von dr Alb ra” oder „Alptraum Rothenburg” verlocken zum Lesen.

In der Schrozberger Stadtbücherei begrüßte deren Leiterin Anette Brändle zur Lesung fast nur Damen. Dazu merkte Haug an: „Die Kerle leset ja net.“ Während sein Stammpublikum auch tragische Schicksale gewohnt ist, bleibt diesmal vergnügliche Lektüre angesagt, in der aber trotzdem nachdenkliche und kritische Bezüge stecken.

Wenn er sich erinnert, dass Kriegsversehrte zu seinen Kindheitsbildern gehörten, skizziert er nicht nur erheiternde Alltagsbilder aus der Republik der Sechziger- und Siebzigerjahre, sondern Sozialhintergründe.

Im „Epizentrum Untertürkheim“ sei er aufgewachsen, betont Haug, und lässt nebenbei literarisch geschickt den gesellschaftlich-sozialen Wandel deutlich werden. So wie die Zeit, als der Tante-Emma-Laden verschwindet und in Stuttgart der erste Lebensmittel-Markt ein neues Zeitalter einläutet. Dass er als Achtjähriger mit den Eltern auf die Schwäbische Alb nach Gomadingen zieht, erschien wie die Verbannung ins kalte, „schwäbische Sibirien“. Haug fand später als Gymnasiast am Münsinger Gymnasium Kontakt zur Lokalzeitung und begann seine ungeahnte Medienkarriere beim Alb-Boten, studierte dann in Tübingen Neuere Geschichte und empirische Kulturwissenschaft. 1976 wurde er freier Mitarbeiter beim damaligen Sender SDR.

Seine Eigenschaft, sich nicht verbiegen zu lassen, Hintergründe gnadenlos aufzudecken und kein Blatt vor den Mund zu nehmen, machte ihn schließlich bei den Sender-Chefs recht unbequem. Haug erhielt den „blauen Brief“, klagte sich aber wieder erfolgreich in der Sender zurück und wählte letztlich die Karriere als freier Schriftsteller, der „die Gosch net hält“ und zum Beispiel gegen „Stuttgart 21“ vorgeht.

Neues Werk schon in Arbeit

Ob die Entstehungsgeschichte seiner Bestseller oder die Kindheitstraumata vom Hasenbraten sowie die köstlichen Lokalreporter-Erlebnisse – es macht Spaß, in das Buch hineinzulesen. Das Werk ist auch ein Spiegel, der den Wandel aufzeigt, denn heute tickt die Welt ganz anders als in den Fünfziger- und Sechzigerjahren.

Gunter Haugs großer Fan-Kreis darf sich freuen: Er arbeitet schon am nächsten Werk, da geht es um eine durchaus bekannte „Suppen-Dynastie” aus Heilbronn...

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