Eine graue Maus zieht den Hut

Nur wenige Langenburger haben vor 1987 gewusst, dass sich hinter ihrem unauffälligen Mitbürger Dr. Gerhard Klopfer eine Nazi-Größe verbarg, die an der berüchtigten Wannsee-Konferenz teilgenommen hatte.

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  • Dr. Silvester Lechner, der frühere Leiter der KZ-Gedenkstätte "Oberer Kuhberg" in Ulm (links), und Buchautor Markus Heckmann. Fotos: Heinrich Eppe 1/2
    Dr. Silvester Lechner, der frühere Leiter der KZ-Gedenkstätte "Oberer Kuhberg" in Ulm (links), und Buchautor Markus Heckmann. Fotos: Heinrich Eppe
  • Der wuchtige Grabstein des Dr. jur. Gerhard Klopfer (1905 bis 1987) auf dem Friedhof in Bächlingen. 2/2
    Der wuchtige Grabstein des Dr. jur. Gerhard Klopfer (1905 bis 1987) auf dem Friedhof in Bächlingen.
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Dr. Gerhard Klopfer, SS-Gruppenführer und Staatssekretär in der Parteikanzlei der NSDAP, gehörte zu jener SS-Elite, die aus freien Stücken am Mord von Millionen Frauen, Kindern und Männern mitgewirkt hatte, und die, wie es ihr Chef Heinrich Himmler ausdrückte, dabei "innerlich sauber geblieben" war. Er hatte an der berüchtigten Wannsee-Konferenz teilgenommen.

Markus Heckmann, der 2010 ein Buch über Klopfer veröffentlichte, zeichnete in einem Vortrag im Langenburger Philosophenkeller den Aufstieg Klopfers in der NS-Verwaltung und die verschonende Behandlung durch die Nürnberger Spruchkammer ("minderbelastet") und die Einstellung des Strafverfahrens durch die Staatsanwaltschaft in Ulm (1962) nach (wir haben ausführlich berichtet). Doch es bleibt eine Lücke, räumte der frühere Leiter der Ulmer KZ-Gedenkstätte "Oberer Kuhberg", Silvester Lechner, ein: Über das Leben des Ulmer Rechtsanwalts Klopfer in Langenburg weiß man wenig. Kleine Berichte und Anekdoten kamen aus dem voll besetzten Saal.

Einige Langenburger erinnerten sich an den zuvorkommenden, hilfsbereiten, "unscheinbaren Spießbürger", der mit dem Rucksack durch Langenburg ging, beim Grüßen den Hut zog und die graue Maus spielte. Er hatte sich ein Haus, Obstgärten, Felder und alte Hütten gekauft. Mit Leidenschaft baute Klopfer in Oberregenbach Dinkel an. Für ihn, den völkischen Öko-Freizeitlandwirt, war Dinkel ein arisch-germanisches Getreide, das schon die Öko-Fraktion in der NS-Führung (Heinrich Himmler, Rudolf Hess) verehrt hatte.

Markus Heckmann kannte einen Hinweis aus dem Freundeskreis Klopfers, dass er einen Getreidevorrat, für die kommende Zeit des "Kampfes gegen den Bolschewismus" angelegt habe. Eine Zuhörerin konnte das bestätigen. Sie hatte den Dinkel auf seinem Dachboden gesehen.

In seiner Familie regierte Klopfer autoritär und redete auch bei Tisch gerne im Stehen. Als er beerdigt wurde, fiel auf, dass viele dicke Limousinen in Bächlingen parkten. Waren es nur Autos seiner früheren Ulmer Anwaltskollegen? Oder waren auch Kameraden aus dem eng geknüpften Helfer-Netzwerk der SS-Führungsriege gekommen? Denn Klopfer war Antidemokrat und unbelehrbarer Nazi geblieben. Gewissensbisse quälten ihn wohl nicht.

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