Eine Glatze wie ein Gleichnis

Gedanken zum Sonntag von Pastoralreferent Wolfram Kaier, katholische Kirche Schwäbisch Hall

|

Zurzeit geht eine wunderbare Geschichte um die Welt: Der achtjährige Sohn Mahan der kurdischen Arbeiterfamilie Rahimi aus der westiranischen Kleinstadt Mariwan wurde krank. Zuerst magerte er ab, dann fielen ihm alle Haare aus. Die Ursache blieb unbekannt. Seine Klassenkameraden zeigten kein Mitgefühl, im Gegenteil, sie verspotteten ihn. Der gezeichnete Junge zog sich immer mehr zurück und seine Noten wurden schlechter.

Sein Klassenlehrer Ali Mohammed Mohammedian machte sich Sorgen und war ratlos, wie er dem Mobbing in der Klasse wehren konnte. Um sein Mitgefühl mit Mahan auszudrücken, scherte er sich kurzerhand eine Glatze und stellte ein Foto davon mit einer Erklärung auf seine Facebook-Seite. Die Resonanz im In- und Ausland war enorm.

Lob und Anerkennung erhielt der Pädagoge auch vom Iranischen Präsidenten Hassan Ruhani. Das kranke Kind ließ der Präsident zu Untersuchungen nach Teheran holen. Proben wurden auch nach Deutschland geschickt. Obwohl Mahan dadurch noch nicht gesund wurde, tat ihm doch die Aufmerksamkeit sichtlich gut. Noch mehr dürfte er nach seiner Rückkehr die Solidarität seiner 23 Klassenkameraden genossen haben: Alle hatten sich eine Glatze scheren lassen.

Dieser Pädagoge tut weit mehr als das, was man von einem Lehrer erwarten kann. Er weiß, wo Ermahnungen ins Leere laufen und wo er als Mensch gefragt ist. Die Haare abrasieren, sich dem Opfer gleichmachen. Alle haben das Zeichen verstanden. Sie haben nicht nur mit dem Mobbing aufgehört, sondern den ausgegrenzten Mahan in ihre Gemeinschaft zurückgeholt.

Diese Geschichte rührt mich an. So viel Wärme, so viel Menschlichkeit. Für mich damit auch eine göttliche Geschichte. Jesus hätte sie ohne Weiteres als ein Gleichnis heranziehen können, wer Gott für uns Menschen ist. Wie der Mann aus Samaria zum Beispiel, der dem Niedergeschlagenen und Ausgeraubten beisteht, während Tempeldiener zum Gottesdienst eilen. Oder wie der Vater, der seinen nichtsnutzigen Sohn wieder mit Freude aufnimmt, nachdem dieser das Erbe durchgebracht hat. Oder wie dieser kurdische Lehrer eben, der sich für einen gemobbten Schüler eine Glatze schert.

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Fichtenau sagt Ja, was sagt Kreßberg?

Großprojekt: Das gemeinsame Gewerbegebiet der Gemeinden Kreßberg und Fichtenau, das in Bergbronn entstehen soll, hat die nächste Hürde genommen. weiter lesen