Ein Wasserfleck erzählt eine Geschichte

In Fichtenhaus leben heute 27 Personen aus vier Generationen in acht Häusern. Früher wurde hier Wagenschmiere gebrannt.

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Trafostation, Bushaltestelle und acht Wohngebäude – das sind die sichtbaren Merkmale von Fichtenhaus. Der Ortsteil von Frankenhardt hat eine interessante Geschichte, die im Jahr 1797 beginnt.  Foto: 

Eine Trafostation, ein Buswartehäusle und acht Häuser stehen in Fichtenhaus, einem kleinen Ortsteil der Gemeinde Frankenhardt, kurz nach der Abzweigung der Landesstraße in Richtung Oberspeltach gelegen. 27 Einwohner zählt der Weiler heute. Sie verteilen sich auf vier Generationen und acht Häuser. Der Ort, so klein er auch ist, hat Zukunft: Es leben fast so viele Kinder wie Erwachsene hier. „In meiner Kindheit lebten hier drei Familien“, erzählt Reinhold Joos (80), der gleich im ersten Haus an der Straße, mit zwei Kastanienbäumen auf dem Hof, aufgewachsen ist.

Der Pfarrer im Ruhestand, der seit einigen Jahren in Gründelhardt lebt, hat immer noch eine enge Beziehung zu diesem Weiler, an dem, wie er herausgefunden hat, die Familie Joos seit 1811 wohnt – heute also schon in der siebten Generation. Im Jahr 2011 lud er sämtliche Verwandte zu einem großen Joos-Treffen nach Fichtenhaus ein, und man feierte gemeinsam, dass die Familie seit 200 Jahren an diesem Ort lebte.

Heimatkunde gehört dazu

Reinhold Joos hat erst im Ruhestand mit der Ahnenforschung begonnen. „Ich habe sehr schnell gemerkt, dass man Ahnenforschung immer im Zusammenhang mit Heimatkunde betrachten muss, sonst kommt man nicht weiter“, sagt er und blick über die Bücher, die sich im Regal seines Arbeitszimmers in großer Zahl aneinanderreihen. Denn neben den Menschen, die an einem Ort lebten, spielt auch eine Rolle, zu welcher Kirche sie gehörten und von welchem Amt die Ortschaft regiert wurde. Und beides, das hat der 80-Jährige bei seinen Recherchen längst festgestellt, wechselte im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte immer wieder.

So gibt es neben einem weit verzweigten Stammbaum der Familie Joos auch einen Aktenordner, der prall gefüllt ist mit über die Jahre zusammengetragenen Dokumenten, Verträgen und Kirchenbuchauszügen über den Weiler Fichtenhaus. „Freud und Leid liegen beim Forschen nah beieinander“, berichtet der Pfarrer im Ruhestand. „Man findet etwas heraus – und sogleich tauchen neue Frage auf, die beantwortet werden wollen.“ Die Sammelphase will er deshalb jetzt abschließen, obwohl er freilich noch in zahlreichen weiteren Kirchenbüchern und Archiven stöbern könnte. „Ich glaube nicht, dass ich jemals wirklich fertig werde.“

Dabei hat Reinhold Joos bereits eine Menge herausgefunden: Fichtenhaus wurde 1797 als Industriebetrieb gegründet. Ein Schmierbrenner stellte hier Wagenschmiere her, indem er Harz aus dem nahen Fichtenwald am Fuß des Burgbergs zu Schmierstoffen brannte. Wegen der erhöhten Feuergefahr wurde die Schmiere vorzugsweise fernab von dichter Besiedlung hergestellt. Da bot sich Fichtenhaus natürlich an.

Der erste Schmierbrenner in Fichtenhaus war wohl Joseph Bernd, der ursprünglich vom Bautzenhof stammte. Auch wenn der Beruf inzwischen ausgestorben ist, sprechen die Einheimischen noch immer von „Schmierofen“, wenn sie Fichtenhaus meinen.

Feldlazarett im Hof

An die Kriegs- und Nachkriegszeit hat der 80-Jährige sogar noch eigene Erinnerungen. Zum Beispiel wie die Amerikaner in den letzten Tages des Zweiten Weltkriegs auf Höhe des zehnten Längengrads zwischen Fichtenhaus und Oberspeltach aus dem Wald kamen. Sie schlugen ihr Feldlazarett bei Familie Joos auf und stellten ein großes Küchenzelt in den Hof. „Die untere Etage unseres Wohnhauses wurde beschlagnahmt.“ Für Reinhold Joos und seine Geschwister war das – aus Sicht von Kindern – eine aufregende Zeit.

„An eine Szene erinnere ich mich besonders gut“, erzählt Reinhold Joos. „Auf unserem guten Wohnzimmerbüfett lag ein nasser Stahlhelm eines US-Soldaten. Meine Mutter hat den Helm genommen und auf den Fußboden gelegt.“ Glücklicherweise gab es kein Nachspiel, die amerikanischen Soldaten wunderten sich wohl nur über die deutsche Reinlichkeit, die auch in Kriegszeiten dominierte. Den Wasserfleck auf dem Büfett, das heute in Reinhold Joss‘ Haus in Gründelhardt steht, kann man übrigens heute noch ­sehen.

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