Ein Mekka der Himmelsgucker

Die Zeiten, in denen die Himmelsforscher sich mit ihren Teleskopen im dunklen Schwäbischen Wald herumtrieben und zu RAF-Zeiten von der alarmierten Polizei aufgeschreckt wurden, sind vorbei. Seit 25 Jahren gibt es die Sternwarte in Langenberg bei Welzheim. Das Jubiläum wird am 8. September gefeiert.

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  • Die totale Sonnenfinsternis vom 11. August 1999: Letztes Licht vor der vollständigen Bedeckung, der „Diamantring-Effekt“, fotografiert von Martin Gertz. 1/4
    Die totale Sonnenfinsternis vom 11. August 1999: Letztes Licht vor der vollständigen Bedeckung, der „Diamantring-Effekt“, fotografiert von Martin Gertz. Foto: 
  • Von Anfang an in der Sternwarte in Langenberg dabei: Der Astronom Professor Hans-Ulrich Keller (links) und Hauptobservator Martin Gertz in der Ostkuppel vor einem Zeiss-Refraktor, einem Simon-Teleskop. 2/4
    Von Anfang an in der Sternwarte in Langenberg dabei: Der Astronom Professor Hans-Ulrich Keller (links) und Hauptobservator Martin Gertz in der Ostkuppel vor einem Zeiss-Refraktor, einem Simon-Teleskop. Foto: 
  • Die Welzheimer Sternwarte mit einer drehbaren Kosmos-Sternkarte. 3/4
    Die Welzheimer Sternwarte mit einer drehbaren Kosmos-Sternkarte. Foto: 
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Durch eine Initiative der Stadt Welzheim konnte auf der Markung Langenberg ein geeigneter Standort für eine Sternwarte gefunden werden. Die klimatischen Verhältnisse sind im Welzheimer Wald zur Beobachtung der Gestirne besonders geeignet, die Schadstoffbelastung ist minimal und der Sternenhimmel noch einigermaßen nachtdunkel.

Aus dem Jahr 1989 datiert der Beschluss zum Bau der Welzheimer Sternwarte. Die Stadt errichtete mit Unterstützung durch das Land Baden-Württemberg und den Rems-Murr-Kreis die Sternwartengebäude samt Kuppeln, während die Landeshauptstadt Stuttgart die Teleskope sowie die technischen Einrichtungen beisteuerte.

 Der Bau der Sternwarte wurde in den Jahren 1991 und 1992 umgesetzt. Am 6. September 1992 ging die Sternwarte Welzheim offiziell in Betrieb. Sie dient seither als Beobachtungsstation des Planetariums der Landeshauptstadt Stuttgart. Neben den öffentlichen Sternführungen gehört zur Hauptaufgabe des Welzheimer Observatoriums, Himmelsaufnahmen für die Gestaltung der Sternenvorführungen im Stuttgarter Planetarium zu gewinnen.

Mann der ersten Stunde

Professor Hans-Ulrich Keller (73) ist der Mann der ersten Stunde, und Hauptobservator Martin Gertz gesellte sich schon nach einem halben Jahr dazu. Astronom Keller ist Gründungsdirektor des Carl-Zeiss-Planetariums Stuttgart (1976 bis 2008) und Professor für Astronomie an der Universität Stuttgart. Er hatte vor rund 30 Jahren einen Aufruf nach einem geeigneten Standort für die Himmelsbeobachtung veröffentlicht.

Der damalige Bürgermeister Hermann Holzner hatte die Weitsicht, diese Beobachtungsstation nach Welzheim zu holen, mit dem Ziel, die Stadt weiter aufzuwerten. Eine Rundfahrt mit dem Herrn Professor endete schließlich in Langenberg. „Hier hat die Stadt noch ein Grundstück aus der Flurbereinigung, das für die Himmelsbeobachtung genutzt werden könnte.“ Zunächst war nämlich gar nicht an eine weitere Sternwarte gedacht gewesen. Vielmehr hatten die Suchenden nach geeigneten Wassertürmen, ehemaligen Gasthäusern und alten Scheunen Ausschau gehalten.

Wie es geendet hat, ist bekannt. Seit der feierlichen Inbetriebnahme strömen an sternklaren Abenden Scharen von Besuchern nach Langenberg, um einen Blick in den Himmel zu werfen. Unter vielen prominenten Gästen war auch der erste deutsche Astronaut Ulf Merbold.

Vorbei sind die siebziger und achtziger Jahre, als zur Terroristenzeit die Astronomen um ihr Wohlbefinden fürchten mussten. Ein Landwirt hatte nämlich einst einen solchen Hobby-Sternbeobachter in der Nacht entdeckt. Er ist in der Annahme, es handle sich um einen Terroristen, mit seiner Schrotflinte zur Tat geschritten und hat dem Sterngucker eine Ladung Schrot ins Hinterteil geschossen. Zum Glück, so Martin Gertz, ging die Sache vergleichsweise glimpflich aus, und der Geplagte kam mit einer Fleischwunde davon. Aber lustig war der Zwischenfall wirklich nicht. Das hätte übel enden können.

In der Geschichte der Sternwarte ist ansonsten von anderen, positiven Höhepunkten zu berichten. Dazu zählt der Bau einer zweiten Kuppel zur totalen Sonnenfinsternis im Jahr 1999. Professor Hans-Ulrich Keller erinnert sich, dass sowohl im Welzheimer Wald als auch in Stuttgart der Himmel an jenem Tag wolkenverhangen war und die Beobachter das Schlimmste befürchteten. Aber kurz vor der Sonnenfinsternis riss der Himmel über Langenberg auf. Kurz nach der Sonnenfinsternis war der Himmel wieder wolkenverhangen. Wer da wohl Regie geführt hat?

Die dritte Sternwartekuppel wurde bei dem extrem seltenen Ereignis eines Venustransits im Jahr 2008 in Betrieb genommen. Ein weiterer Höhepunkt ist die Inbetriebnahme des 90-Zentimeter-Spiegelteleskops im Jahr 2006. Damit beheimatet die Sternwarte Welzheim das größte Teleskop in Baden-Württemberg.

Von Welzheim ins Weltall

Außer den Sternführungen für die Öffentlichkeit, für Schulklassen sowie Gruppen und Vereine werden exklusive Himmelsaufnahmen auf der Welzheimer Sternwarte von Martin Gertz hergestellt. Diese sind für die Sternenführungen im Planetarium in Stuttgart bestimmt. Außerdem stehen sie für astronomische Fachveröffentlichungen zur Verfügung.

Und kein Geburtstag ohne Geschenk: Zum 25-jährigen Bestehen erhält die Sternwarte ihre vierte Kuppel, die Pluto-Kuppel, die aus dem Nachlass eines passionierten Hobby-Astronomen stammt. Dazu gibt es eine Sonderausstellung im Museum Welzheim mit dem passenden Titel „Von Welzheim ins Weltall“, die am Sonntag, 3. September, eröffnet wird. Vor Ort gefeiert wird am Samstag, 9. September. Der genaue Ablauf ist derzeit noch nicht bekannt. Angedacht ist eine Wanderung von der Laufenmühle über den Planetenweg zur Sternwarte. Dort soll dann der Festakt stattfinden mit Bewirtung, Ansprachen und Sterneschauen. Außerdem wird die dann fertiggestellte Festschrift präsentiert.

Öffentliche Sternführungen (nur bei sternklarem Wetter) von Oktober bis März: Montag, Mittwoch, Samstag 20 Uhr; April und September: Montag, Mittwoch, Samstag 21 Uhr; Mai bis August: nur Samstag 22 Uhr. Die Führungen beginnen pünktlich zu den angegebenen Zeiten und dauern etwa eineinhalb Stunden. Zu spät kommenden Besuchern kann unter Umständen aus Sicherheitsgründen kein Einlass mehr gewährt werden. Bei wolkigem oder bedecktem Himmel oder an gesetzlichen Feiertagen finden keine Führungen statt. Der Eintritt ist frei.

Spenden für den Betrieb der Sternwarte in Welzheim-Langenberg sind stets willkommen. Die Gesellschaft zur Förderung des Planetariums Stuttgart und der Sternwarte Welzheim führt deshalb ein Sonderkonto zur Förderung des Sternwartenbetriebes: Deutsche Bank AG Stuttgart, IBAN DE18 6007 0070 0122 0383 00, BIC DEUTDESSXXX. Zuwendungen sind steuerlich abzugsfähig, auf Wunsch werden Spendenbescheinigungen ausgestellt.

Lehrpfad Seit Juli 2010 verfügt die Stadt Welzheim über eine neue touristische Attraktion, einen so genannten Planetenweg. Auf diesem ist es im wahrsten Sinn des Wortes möglich, die Dimensionen unserer näheren kosmischen Heimat, des Sonnensystems, anschaulich zu erwandern.

Modell Planetenwege sind maßstabsgetreue Modelle des Sonnensystems. Vom Zentralgestirn, der Sonne, ausgehend, sind sie in maß­stabsgetreuen Abständen als „Planetenstationen“ aufgestellt. Mit zunehmender Entfernung von der Sonne werden die Abstände von Station zu Station immer größer und die Gehzeit wird immer länger.

Route Der Welzheimer Planetenweg führt vom Parkplatz Laufenmühle hinauf an der Kesselgrotte vorbei zur Sternwarte Welzheim. Die Positionen der Planeten sind durch Tafeln markiert, auf denen die wichtigsten Eigenschaften und Kenndaten der einzelnen Wandelgestirne vermerkt sind.

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