Ein Mann mit Prinzipien

Mehr als 19000 Menschen machte er zu deutschen Staatsbürgern: Hubert Kiesel. Der langjährige Leiter des Amtes für Migration hat sich in den Ruhestand verabschiedet. Er freut sich auf neu gewonnene Freiheiten.

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Hubert Kiesel ist leidenschaftlicher Jäger, sein Schreibtisch steht in seinem Jagdzimmer. Foto: Bettina Lober

Wenn Hubert Kiesel etwas anpackt, dann richtig. Der Beruf, die Familie, die Jagd - bei dem 63-Jährigen gibt es keine halben Sachen. Und wenn der Kreisoberverwaltungsrat nach 46 Dienstjahren nun im Ruhestand ist, dann ist ihm vor dem berüchtigten Loch, in das andere Rentner oft fallen, überhaupt nicht bange. Im Gegenteil. Bei all seinen Verpflichtungen in den vergangenen Jahrzehnten freut er sich nun umso mehr auf die "neu gewonnenen Freiheiten", wie er sagt. Die Familie, das Haus in Bühlerzell, dazu der Wald - "das ist mein kleines Paradies auf Erden". Wie der frisch gebackene Pensionär das so sagt, glaubt man ihm das sofort, er möchte nirgendwo sonst sein - ein bodenständiger, mit Land und Leuten verbundener Familienmensch.

Als "zielgerichtet und geradlinig, aufrichtig, pflichtbewusst und fleißig", hat Landrat Gerhard Bauer den langjährigen Leiter des Amtes für Migration beim Abschied gewürdigt. Für Kiesel gehören diese Charaktereigenschaften zu seinem Selbstverständnis: "Nicht nur in der Wirtschaft braucht man Persönlichkeiten, die Wertvorstellungen vorleben können, sondern auch in der Verwaltung." Werte wie soziale Gerechtigkeit sind tief in dem Bühlerzeller verwurzelt. "Wir waren zehn Leute am Tisch", berichtet Kiesel aus seiner Kindheit, "die Eltern, sechs Kinder, ich war der jüngste, und ein Flüchtlingsehepaar". Er deutet auf eine gerahmte Fotografie an der Esszimmer-Wand - ein Familienbild, die beiden Vertriebenen gehören einfach dazu. Seine Stimme stockt ein wenig, als er davon erzählt, wie wichtig es ist, zusammenzuhalten. Fürsorge und Hilfsbereitschaft erlebte er in seiner Familie, das hat ihn tief geprägt.

Auch die Leidenschaft für die Jagd liegt bei den Kiesels in der Familie. Seit rund 200 Jahren ist ihr Revier der so genannte "große Wald". Einer der Jagdgäste seines Vaters war Bürgermeister, erzählt Hubert Kiesel. Dieser meinte, der Junge sollte eine Verwaltungslaufbahn einschlagen. So wurde er Diplomverwaltungswirt und trat 1972 in den Dienst des Landkreises Hall ein. Er war in verschiedenen Abteilungen tätig, leitete das Amt für Wohnungsbauförderung und wurde 1990 Leiter des Eingliederung- und Ausgleichsamtes, wie das Amt für Migration damals noch hieß.

Es ist sicherlich eines der schwierigeren Ämter, um das sich Kiesel 22 Jahre lang mit Leib und Seele gekümmert hat. Er rief Integrationsmessen ins Leben, für viele Flüchtlinge und Asylbewerber hat er gekämpft, "immer im Sinne des Gesetzes", betont er. Täglich hatte er Kontakt zu Botschaften in der ganzen Welt. Mehr als 19000 Menschen hat er zu deutschen Staatsbürgern gemacht, das entspricht etwa zehn Prozent der Einwohner im Kreis Hall. "Die glücklichen Gesichter werde ich nie vergessen." Migranten für den Arbeitsmarkt fit zumachen, soziale Gerechtigkeit, all das liegt Kiesel am Herzen: "Dem Stärkeren braucht man nicht zu helfen", sagt er.

Überdies hat der Kreisoberverwaltungsrat über 30 Jahre lang als Lehrbeauftragter für das Regierungspräsidium Beamtenanwärter unterrichtet - zum Beispiel in Fächern wie Staatsrecht, Völkerrecht, Ausländer- und Asylrecht. Besonderen Wert hat er darauf gelegt, Persönlichkeiten mit heranzubilden, ihnen Prinzipien zu vermitteln: "Das Thema Grundwerte zieht sich durch mein Leben."

So gerne Kiesel gearbeitet hat, so sehr freut er sich jetzt, mehr Zeit mit seiner Frau Heidi, den beiden Söhnen und ihren Familien zu verbringen. Die vier Enkelkinder, ein Mädchen und drei Buben, halten Hubert Kiesel fit und sind sein ganzer Stolz. Auch ihnen möchte er Werte mit auf den Weg geben. Sein Lebensmotto lautet: "Leben und leben lassen". Kiesel nimmt die Enkel gerne mit in den Wald - ein Ort, an dem er sich schon immer besonders wohl fühlte.

Denn die Jagd ist für Kiesel nicht nur ein Hobby, sie ist Passion. Das sieht man dem Haus in Bühlerzell mit zahlreichen Trophäen im Treppenhaus oder im Jagdzimmer auch an. 1967 hat Hubert Kiesel als jüngster Teilnehmer die Jägerprüfung absolviert. 25 Jahre lang hat der Jagdpächter, Hundeführer, Jagd- und Parforcehornbläser selbst Jungjägerkurse gegeben. Von 1989 bis 2001 war er Kreisjägermeister. Beim Abschied erhielt er die goldene Ehrennadel des Landesjagdverbandes. Die Jägervereinigung Hall ernannte ihn zum Ehrenkreisjägermeister. Das bedeutet ihm viel, das ist zu spüren.

Mittlerweile sei die Jagd durch das viele Schwarzwild infolge massiven Maisanbaus manchmal auch eine Plage, räumt Kiesel ein. Dennoch: Die Ruhe im Wald beim Ansitz bringe ihm gute Gedanken - eine Zeit der Besinnung. Und seiner Jagd-Passion geht Kiesel auch am Schreibtisch nach: Er arbeitet an einer Jagdchronik über die Jägervereinigung Hall. Das wird ein stattliches Werk - Kiesel macht keine halben Sachen.

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