Ein Halt über dem furchtbaren Abgrund

Gedanken zum Sonntag von Pfarrer Alfred Holbein vom evangelischen Pfarramt in Kirchberg.

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Bei einer Kundgebung in Stuttgart wurde mehr Hilfe für die verfolgten Menschen im Nordirak gefordert.  Foto: 

Allein die Anfechtung lehrt aufs Wort merken." (Jesaja 28,19, Luther)

Der Beginn des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren ist allenthalben in den Medien. Mir scheint, der Unterton ist überall derselbe: "So etwas könnte heute nicht mehr passieren." Doch das Erschrecken über diese Katastrophe nach dem geglaubten Sieg von Aufklärung und Humanismus war groß, besonders auch beim großen Theologen Karl Barth. Dieses Entsetzen über die Vernichtungsmaschinerie vor Verdun, über den Giftgaskrieg, über den "Menschenverbrauch" der "Materialschlacht", über Verstümmelungen und Traumatisierungen nach dem "Delirium" der Kriegsbegeisterung lässt Karl Barth zurückkommen auf den Satz "Allein das Entsetzen lehrt auf das Wort merken".

In der Haltung des Bittens und in aufrichtiger Demut sucht er im Wort Gottes Zuflucht und Zukunft. Durch die endgültige Zerstörung der so sicher geglaubten Fortschrittsgläubigkeit und in der Erfahrung, dass es nichts gibt, dessen der Mensch nicht fähig ist, sucht er einen Halt über dem Abgrund. Die Tatsache der Vernichtungslager in der NS-Zeit wird sich einer Bewältigung noch radikaler entziehen. Und die unvorstellbar brutale Terrormiliz "Islamischer Staat" im Nordirak, die sich einen Völkermord an den Jesiden und die Vertreibung der Christen auf die Fahnen geschrieben hat, begeht furchtbare Verbrechen. Die Zigtausende Flüchtlinge, die in die Nachbarländer fliehen, haben alles verloren. Und die Flüchtlinge, die es nach Europa schaffen, sollen hier Schutz und eine menschenwürdige Aufnahme erfahren.

Doch das "zu Tode erschrocken sein" darf man niemals hinter sich lassen, sondern durch das Erschrecken muss jede Aussage des christlichen Glaubens immer wieder hindurch. Dann wird die Betroffenheit, die nicht alsbald wieder zur Tagesordnung übergeht, zur Buße führen als dem wichtigsten Gebot des evangeliumsgemäßen Glaubens. Und Buße ist keine Sache, die in die Sackgasse führt, sondern sie weist den Weg aus der Sackgasse heraus und zwar zur Freude. "Buße tun heißt, umkehren in die offenen Arme Gottes. Dazu gehört, dass wir die Sünden herzlich erkennen, vor Gott und in gewissen Fällen auch vor Menschen bekennen, bereuen, hassen und lassen und im Glauben an Jesus Christus in einem neuen Leben wandeln", erklärt Martin Luther. Deshalb verdankt sich die in der Dankbarkeit wurzelnde Buße in ihrem tiefsten Grund nicht dem Nein zu dem Entsetzlichen, sondern dem Ja Gottes zu uns Sündern.

Und dieses Ja Gottes zu hören, heißt, die Worte der Bibel zu hören. Worte wie: "Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig" (2. Korinther 12,9). Und dieser Schwache, von Gottes Geist gestärkt, "der kritisiert nicht, der erzieht nicht, er betet, oder er erzieht, indem er betet". (Karl Barth zu Römerbrief Kapitel 15 in seiner 2. Auflage, Seite 699)

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