Ein Großer an der Tuba

Den Lehrberuf und die Politik hat Karl Ulreich an den Nagel gehängt. Die Musik ist geblieben. Sie hält den Tubisten jung und fit für seine vielen Hobbys. Eines hat er jetzt neu entdeckt: das Kochen.

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Karl Ulreich und seine Tuba, in der sich ein Teil des Übungsraums spiegelt. Im Hintergrund sitzen Ulreichs Vereinskollegen an ihren Instrumenten. Foto: Ufuk Arslan

Karl Ulreich ist im Sternzeichen Zwilling geboren. Und damit ist er ein Tausendsassa, auf Achse, offen und neugierig. Ungebremst seit 75 Jahren. Was er tut, tut er mit Leidenschaft. Oder aus Pflichtgefühl. Auch das ist typisch für den Zwilling. Zwei Gesichter, ein Leben. Versteckt hinter einer großen Tuba.

Das war nicht immer so. Denn Ulreich ist ein Kriegskind, geboren im Mai 1939 in Zwittau im Sudetenland. Nach dem Krieg wurden Millionen Deutsche aus ihrer Heimat vertrieben. Darunter auch die Familie Ulreich. Sie kam im Sommer 1946 nach Schorndorf, wo der damals siebenjährige Karl eingeschult wurde. "Unser Klassenzimmer war der Raum, in dem wir die ersten zwei Wochen nach der Aussiedlung untergebracht waren, bevor uns Wohnungen zugeteilt wurden", erinnert sich Ulreich an die Grundschulzeit. Die hinterließ Spuren - er wollte Lehrer werden. "Ich wäre ja gern aufs Gymnasium gegangen, aber das kostete Schulgeld", erklärt er den Umweg über die Mittelschule. Der noch einen Schlenker nahm, als er dem Vater zuliebe eine Ausbildung als Bankkaufmann anschloss.

Bei dieser Bank arbeitete seine heutige Ehefrau Inge. Ihr erzählt Karl von seinem Traumberuf Lehrer. Und sie bestärkt ihn in seiner stillen Absicht, das Abitur in einer Abendschule nachzuholen. Trotz räumlicher Trennung - das Abendgymnasium war im 30 Kilometer entfernten Stuttgart-, trotz wenig gemeinsamer Zeit, denn tagsüber arbeitete Ulreich fortan bei einer Bank in der Landeshauptstadt. Nach Feierabend drückte er die Schulbank. Am Wochenende kehrte er müde und mit einer Tasche voller Hausaufgaben in die Heimat zurück. Die Beziehung mit Inge hielt - auch als Ulreich im Jahr 1963 nach Heidelberg zog und Geschichte, Politik und Englisch auf Lehramt studierte.

Den beruflichen Traum in die Wege gebracht, verwirklichte er 1964 auch seinen privaten Traum und heiratete Inge. Aus der Wochenendbeziehung wurde eine Wochenendehe. Nach der Geburt des zweiten Sohnes wechselte Ulreich die Uni und schloss sein Studium heimatnah in Schwäbisch Gmünd ab. Er bewarb sich an der Haller Kreismittelschule, der heutigen Leonhard-Kern-Realschule im Schulzentrum West, die just in jenem Jahr eine Außenrealschulklasse in Bühlertann einrichtete. Die Aufgabe wurde "dem Neuen" übertragen.

So zog Ulreich mit Frau und Kindern 1967 ins Bühlertal. 35 Jahre lehrte er dort an der Schule. Wer aus dem Dorf die Realschule besuchte, der hatte es mit dem Lehrer Ulreich zu tun. Wer aus dem Dorf Klarinette, später Tuba lernte, der hatte es mit dem Musiker Ulreich zu tun. "Neben meiner Lehrtätigkeit bin ich vor allem durch die Musik im Bühlertal angekommen. Egal ob im Verein oder in der Beerdigungskombo", sagt Ulreich. Die Auflistung ist ein musikalisches Synonym für Heimat: Traditionsbewahrung im Verein, wenn Ulreich am ersten Mai früh morgens um sechs Uhr mit den Musikern zur Tagwacht durch die Gemeinde zieht. Wertschätzung in der Beerdigungskombo, wenn Ulreich zum letzten Geleit für heimgegangene Gemeindemitglieder auf dem Friedhof mit seiner Tuba aufspielt. Ulreich rockt auch an Fasching auf der Prunksitzungsbühne unvergesslich als "Karl Cocker" ab. "Musik zählt für mich zu den höchsten Kulturgütern."

Und Politik? "Dazu habe ich mich als Bürger verpflichtet gefühlt", erwidert Ulreich sachlich und nüchtern. Und grinst schon wieder. "Ich habe ein neues Hobby: Kochen. Eigentlich wollte ich es nur ausprobieren, mit Ossobuco à la Wolfram Siebeck", erzählt er begeistert, während seine Hände gedanklich schon in der Küche hantieren.

Inzwischen bekoche er nicht mehr nur seine Frau, sondern auch gute Freunde oder seine Großfamilie, die es inklusive Enkelkindern immerhin auf 15 Personen bringt, wie Ulreich erzählt. Dann macht er eine kleine Pause. Er lächelt. Und redet gern über das "Dinner for Two" (Dinner für Zwei): "Meine Frau kann so wunderbar mein Essen loben", verrät er mit einem breiten Grinsen.

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