Ein Gespräch über zu niedrige Preise, missliebige Staatshilfen und den Bauernverband

Streitbarer Milchbauer: Für Daniel Kießecker aus Wittenweiler befindet sich die deutsche Landwirtschaft auf einem Irrweg. Hier erklärt er, warum – und wen er dafür verantwortlich macht.

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    Idyllisch ist es auf der Jungviehweide von Daniel Kießecker. Foto: 
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Idyllisch ist es auf der Jungviehweide von Daniel Kießecker. Die Sonne brennt, ein Falke zieht lautlos seine Runden, die Rinder fressen sattes Grün. Kießeckers Zorn will nicht so recht in dieses Postkartenpanorama passen - aber er ist da, und er muss raus, denn: "Der Zorn treibt die Vernunft an, um gegen das Böse zu kämpfen", zitiert der Milchbauer einen mittelalterlichen Papst und lacht. Nun denn, los gehts.

HOHENLOHER TAGBLATT: Herr Kießecker, würden Sie Ihrem Sohn raten, Milchbauer zu werden?

DANIEL KIESSECKER: (zögert) Ich glaube schon.

Weil das Positive überwiegt?

KIESSECKER: Ja. Weil es immer noch ein schöner Beruf ist und weil man - eingeschränkt zwar - immer noch sein eigener Herr ist.

Trotzdem kritisieren Sie seit Jahren die Entwicklung der Landwirtschaft. Was läuft falsch?

KIESSECKER: Die zentrale Frage ist doch: Was will die Gesellschaft, was wollen wir Bauern? Wollen wir eine industrielle oder eine bäuerliche Landwirtschaft? Die politischen Anreize sind ganz klar in Richtung einer industriellen Landwirtschaft gesetzt. Seit Jahrzehnten.

Aber die Politik hat doch Mitte der 1980er-Jahre eine Milchquote eingeführt. Würde es Ihren Betrieb ohne diese überhaupt noch geben?

KIESSECKER: Das ist hypothetisch. Tendenziell eher nicht. Weil der sogenannte Strukturwandel sich turbomäßig beschleunigt hätte. Das haben wir jetzt aber auch, weil die Mengenregulierung in ihrer Funktion völlig ad absurdum geführt wurde - indem man die Quote schrittweise erhöht hat, obwohl keinerlei Bedarf da war am Markt.

Um sie auslaufen zu lassen. 2015 soll die Quote wegfallen.

KIESSECKER: Das wurde ganz bewusst so gemacht, um nach außen kommunizieren zu können: Schaut her, die Quote funktioniert ja nicht! Was wollt ihr?

Würden ohne Quote die Schleusen geöffnet?

KIESSECKER: Es wäre noch mehr Milch am Markt. Es ist aber ein Irrglaube, dass wir die Quote abschaffen und dann wird nichts mehr geregelt. Dann übernehmen die Molkereien die Mengenregelung eben in ihrem Interesse.

Wenn eine Quote nötig ist, damit ein ordentlicher Preis zustande kommt, gibt es dann nicht schlicht immer noch zu viele Milcherzeuger?

KIESSECKER: Es liegt nicht an der Menge der Produzenten, sondern an der Menge der Milch. Und egal, ob wir nur noch 10.000 Milchbauern hätten in Deutschland oder, wie jetzt, vielleicht 70.000, das würde an der Menge nichts ändern.

Aber ist das nicht ein normaler Konzentrationsprozess, der auch in anderen Branchen vonstatten geht?

KIESSECKER: Zum einen ist so ein Konzentrationsprozess immer äußerst kritisch zu sehen. Familienbetriebe werden aufgegeben und aufgekauft. Was bringt es denn den Menschen, den Verbrauchern, den Leuten, die dort beschäftigt sind? Zum anderen glaube ich, dass die Lebensmittelsicherheit und Ernährungssouveränität eine bedeutende Rolle spielen sollten in einer Gesellschaft.

Die Lebensmittel-Industrie argumentiert, die Bevölkerung sei noch nie so gut mit hochwertigen Produkten versorgt gewesen wie heute.

KIESSECKER: Wo sind die Lebensmittelskandale passiert? So gut wie nie in bäuerlichen Betrieben, immer in agrarindustriellen Anlagen. Garant für Lebensmittelsicherheit ist die bäuerliche Landwirtschaft. Das Problem ist, dass die kleineren Bauern überhaupt nicht organisiert sind am Markt. Wir Erzeuger sind viele, die Verarbeiter nur noch wenige und die Händler drei oder vier. Wie will da ein Landwirt Einfluss nehmen auf den Preis? Nicht möglich! Preise werden durch Absprachen gemacht.

Der Bund deutscher Milchviehhalter - Ihr Verband - schlägt bei der Milch eine "flexible Mengenanpassung" vor. Was heißt das?

KIESSECKER: Man produziert freiwillig weniger und bekommt für diesen Verzicht eine Entschädigung.

Von wem? Vom Staat?

KIESSECKER: Eben nicht. Selbst finanziert, durch eine Umlage.

Der Bauernverband ist dagegen.

KIESSECKER: Der Bauernverband ist kein Verband für die Bauern, sondern für die Agrarindustrie. Er bezieht seine Macht aus der Nähe zur Politik und vor allem zur Industrie. Er bekommt seine Anweisungen von oben, von so einem unschuldigen Verein wie der Fördergemeinschaft Nachhaltige Landwirtschaft. Vorsitzender: der deutsche Bauernverbands-Präsident Joachim Rukwied, Mitglieder: BASF, Bayer, die komplette Agrarchemie, die Saatgutzüchter und so weiter!

Sie wollen aber doch wohl nicht behaupten, jeder Bauernverbands-Vertreter wolle industrielle Ziele durchsetzen?

KIESSECKER: Im Gegenteil! Der Fisch stinkt vom Kopf her. Die Ortsobmänner leisten gute Arbeit, mühen sich ab, sind loyal und werden immer um den Erfolg betrogen.

Sie werfen dem Bauernverband auch vor, dass er sich für eine Aufrechterhaltung der Subventionierung einsetzt. Warum?

KIESSECKER: Wenn wir Subventionen bekommen - für unseren neuen Stall etwa - müssen wir von den letzten drei Jahren die Buchführung offenlegen und die nächsten sieben Jahre auch. Das macht uns gläsern und die Molkereiwirtschaft weiß genau, wo sie das Preisniveau ansetzen muss, damit wir nicht aufhören und sie keinen Cent zu viel bezahlt. Da kannst du gerade so deine Rechnungen bezahlen, aber hast einen Stundenlohn von vier Euro.

Also weg mit den Subventionen?

KIESSECKER: Weg mit den Subventionen! Sie betrügen uns um einen fairen Preis und sind ungerecht verteilt. Warum subventioniert eines der reichsten Länder der Welt seine Landwirtschaft? Wem dient das? Mir als Bauer? Dann würden wir ja nicht immer so rumjammern. Der Gesellschaft? Die muss viel Geld aufbringen. Ganz sicher dient es einer Handvoll Konzerne. Ihre Rohstoffe werden so nämlich künstlich verbilligt und sie können ihre Gewinne maximieren.

Aber gehen ohne Staatshilfen nicht noch mehr Familienbetriebe kaputt?

KIESSECKER: Nicht, wenn faire Preise bezahlt werden, es eine deutschlandweite Erzeugergemeinschaft gibt, wir eine funktionierende Mengenregulierung haben und eine europaweite Monitoring-Stelle, um zu erfassen, was am Markt gebraucht wird. Einer Marktwirtschaft muss man Regeln auferlegen, damit sie den Menschen dient. So einfach ist das.

Das ist bei uns nicht mehr gegeben?

KIESSECKER: Spätestens seit dem Mauerfall nicht mehr. Alles, was multinationale Konzerne einschränkt, musste weg. Und die Zeche zahlen die Menschen! Bei den Kühen auf der Weide ist die Stärkere Chef. Aber wir haben doch den Anspruch, dass alle am Gemeinwesen und am Wohlstand partizipieren.

Sind Sie optimistisch, was die weitere Entwicklung angeht?

KIESSECKER: Eigentlich ja. Es wird eine Wende geben, schon aufgrund der Tatsache, dass die konventionelle Landwirtschaft so nicht weiter machen kann, weil sie auf Erdöl basiert. Bis dahin werden wir erhebliche ökologische Schäden verursachen und viele Familienbetriebe verlieren. Die Politik reagiert eben erst, wenn Katastrophen passieren.

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