Ein Gespräch über Musik in Crailsheim, Kritik vom Stammtisch und die Lichtfigur Kretschmann

Sturmgeschütz der Koalition: So hat ein Politikerkollege den SPD-Fraktionsvorsitzenden im Landtag, Claus Schmiedel, genannt. Auch im Interview lässt dieser nichts auf Grün-Rot kommen.

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    Claus Schmiedel hat die Wahl 2016 fest im Blick - und glaubt an einen Sieg von Roten und Grünen. Foto: 
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    Claus Schmiedel im Gespräch mit HT-Redakteur Sebastian Unbehauen. Foto: 
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Die SPD-Landtagsfraktion hat kürzlich in Schwäbisch Hall getagt - um mehr Gefühl für den ländlichen Raum zu entwickeln? Gar nicht nötig, würde Claus Schmiedel sagen. Beim Gespräch in der Crailsheimer HT-Redaktion unterstrich er den Einsatz der Landesregierung auch für Regionen abseits der Zentren.

HOHENLOHER TAGBLATT: Herr Schmiedel, Crailsheim ist Ihnen nicht fremd. Als junger Musiker standen Sie in den McKee-Barracks auf der Bühne. Erinnern Sie sich?

CLAUS SCHMIEDEL: Ja, klar. Unsere Band war zuerst in Turnhallen aktiv, dann kamen wir in Discos, sind schließlich zu den Amis gewechselt und auf Soulmusik und natürlich auch auf andere Sachen umgestiegen. Crailsheim war der äußerste Rand unseres Wirkungsbereichs. Ohne Autobahn. Das war eine richtige Weltreise. Meine schulischen Leistungen hat das natürlich beeinträchtigt, aber mich persönlich weitergebracht.

Sie sind zuletzt wieder musikalisch aufgefallen - beim SPD-Sommerfest, als Sie Ihrer grünen Kollegin Edith Sitzmann ein "Wonderful tonight" entgegenhauchten. Sind Sie eigentlich eine der letzten Rampensäue der deutschen Politik?

SCHMIEDEL: Das sollte demonstrieren, dass wir uns manchmal politisch reiben, aber uns menschlich gut verstehen. Da kann man schon mal so eine Einlage machen. Das lockert auf. Der Mensch will unterhalten sein, auch von der Politik. Nicht nur Fakten, Fakten, Fakten.

Hier ein paar gesammelte Schmiedel-Zuschreibungen aus Zeitungen: Polterer, Quälgeist, Wadenbeißer, Reizfigur, Dauer-Querulant, Polarisierer. Finden Sie sich wieder?

SCHMIEDEL: Das ist natürlich eine ausgesuchte Rubrik.

Ich musste nicht lange suchen. . .

SCHMIEDEL: Der Streit wird in der Politik lieber beobachtet als die Harmonie. Und es gehört zu meinen Aufgaben, auch ein Stück weit zu polarisieren und Grenzen aufzuzeigen. Aber die SPD-Fraktion steht hinter mir. Das geht nur, wenn man auch harmonisierend wirkt.

Sie gehen dennoch keinem Streit aus dem Wege. Also setzen wir uns doch einmal symbolisch an einen Hohenloher Stammtisch und hören uns an, was da so über die Landesregierung geschwätzt wird. Bereit?

SCHMIEDEL: Ja.

Dann los: Die Grünen und die Sozen scheren sich nicht um den ländlichen Raum! Der Schmid sagt, es sei ihm egal, ob im Schwarzwald das eine oder andere Tal zuwachse!

SCHMIEDEL: So hat er das nicht gesagt!

Wir sind am Stammtisch!

SCHMIEDEL: Ja, ja. Was er mit seiner verunglückten Aussage ausdrücken wollte: Dass der ländliche Raum mehr ist als Landwirtschaft. Die CDU-Politik war sehr stark geprägt von der Unterstützung der Landwirtschaft. Das machen wir auch, aber es kommt dazu, dass man sich um die Verkehrsinfrastruktur, die Bildungsinfrastruktur, die soziale Infrastruktur kümmert. Hohenlohe ist ökonomisch sehr gut aufgestellt, hat aber ein Problem: Junge Leute verlassen die Region. Also muss man die Rahmenbedingungen schaffen, dass sie bleiben.

Unsere Straßen haben Dritte-Welt-Niveau und der Hermann schickt Millionen zurück nach Berlin!

SCHMIEDEL: Wir sanieren und bauen mehr Straßen als unsere Vorgängerregierung jemals in einem Jahr verbaut hat! Und zwar regelmäßig. Verkehrsminister Hermann hat ein Problem: Er hat am Anfang der Regierungszeit den Eindruck erweckt, als hielte er nichts von Straßen. Das haftet jetzt an ihm. Aber die faktische Politik ist eine andere.

Thema Polizeireform: In Crailsheim gibt es keine Kripo mehr, in Hall keine Polizeidirektion - und das will uns die Regierung auch noch als Verbesserung verkaufen!

SCHMIEDEL: Die neue Polizeistruktur ist in vielen Bereichen eine objektive Verbesserung, auch wenn sichs vielleicht anders anfühlt. Im neuen Kriminaldauerdienst etwa, den es in jedem Präsidium gibt, sind rund um die Uhr Profis für Kapitalverbrechen am Werk. Das sichert die Qualität, und zwar in der ganzen Fläche.

Im schnöden Alltag aber kanns passieren, dass man nach einem Wildunfall auf einer kleinen Straße steht und der Polizei in Aalen umständlich erklären muss, wo diese genau liegt.

SCHMIEDEL: Das hat jetzt nichts mit der Kripo zu tun. . .

Aber mit der Polizeireform.

SCHMIEDEL: Das hat mit einer Sache zu tun, die auch ein Qualitätssprung ist: das zentrale Lage- und Einsatzzentrum. Heute haben Sie rund um die Uhr professionelle Einsatzleiter. Das dauert jetzt vielleicht ein paar Wochen oder Monate, bis diese in jedem Winkel daheim sind. Dann aber ist das ein Quantensprung für die Qualität.

Jetzt stellen sie uns auch noch zig Windräder in die schöne Landschaft, damit sie in Stuttgart fleißig Strom verbrauchen können!

SCHMIEDEL: Die Wertschöpfung aus der Energieproduktion ging bisher aus dem ländlichen Raum weg. Wir wollen die Chance eröffnen, dass sich immer mehr lokal entwickelt. Das führt zur Beschäftigung von Handwerkern vor Ort und stärkt die Rolle der Stadtwerke. Die Energiewende ist ein Glücksfall für den ländlichen Raum.

Kein Glücksfall sind die Demografie und ihre Auswirkungen auf die Schulen. Also, letzter Stammtischsatz: Eine Schule nach der anderen macht dicht, die Wege werden immer weiter - Frechheit!

SCHMIEDEL: Dem kann man zustimmen, und es beschreibt die Zeiten der CDU-Regierung. Die CDU hat ein Jahrzehnt verschlafen, denn die zurückgehenden Schülerzahlen gibts seit 2002. Sie hat alles gelassen, wie es ist. Das heißt: pro Schule immer weniger Schüler. Wenn wir die Schüler nicht mehr auf drei Schulen aufteilen, ergibt sich ein ganz anderes Potenzial. Das bringt die Schulen näher an den Wohnort.

Bleiben wir bei der Schule. Herr Schmiedel, Sie sind Befürworter des neunjährigen Gymnasiums. Kultusminister Stoch und Ministerpräsident Kretschmann haben sich dagegen klar für das G 8 ausgesprochen. Ist es nicht endlich Zeit für klare Verhältnisse in der Bildungspolitik?

SCHMIEDEL: Die Einführung des G 8 ist heftig missglückt. Einer der Gründe ist, dass man die Reform allen vorgeschrieben hat. Wir haben daraus gelernt, dass wir nichts verordnen. Das heißt, wer sich dem Reformprozess unterzieht, hat ihn gewollt und sich vorbereitet. All dies ist beim G 8 nicht geschehen. Stoch sagt: Ich traue mir zu, die Qualität zu verbessern.

Und Sie trauen es ihm nicht zu?

SCHMIEDEL: Doch, Stoch ist da dran. Ich sage nur: Probleme in einzelnen G 8 sind unübersehbar. Und darunter hat die Akzeptanz gelitten.

Die CDU im Land hat seit der Bundestagswahl Oberwasser. Thomas Strobl und Guido Wolf bringen sich als mögliche Kretschmann-Nachfolger in Stellung. Zittern Sie schon?

SCHMIEDEL: Das sind nun nicht die Kaliber, vor denen man sich fürchten muss.

Das Problem ist nur: Die SPD hat auch nicht wirklich ein Wahlkampf-Zugpferd.

SCHMIEDEL: Wir haben jetzt erst durch eine Umfrage bestätigt bekommen, dass Nils Schmid einen sehr hohen Bekanntheitsgrad hat und auch eine hohe Kompetenz. Man muss aber offen zugeben: Das ist noch nicht in Wählerstimmen bei der SPD angekommen.

Ein geborener Wahlkämpfer ist Schmid nicht.

SCHMIEDEL: Er ist es auf seine Art. Er ist nicht die Rampensau, die von links nach rechts über die Bühne hüpft. Aber er hat eine sehr sachorientierte, konzentrierte Art. Wir sind froh, dass wir so einen haben.

Der Garant für einen möglichen Wahlerfolg der Regierung aber heißt Kretschmann. Danken Sie Gott jeden Tag für diesen Mann?

SCHMIEDEL: Wir sind nicht gram, dass es diese Lichtfigur gibt. Ohne Kretschmann sind die Grünen zehn Prozent weniger wert. Wir müssen aber aufpassen, dass die Wähler nicht denken: Alles macht Kretschmann. So ist es nämlich nicht. Das erklärt, warum ich manchmal auf den Tisch haue.

Das Interview führte HT-Redakteur Sebastian Unbehauen.

Der Gesprächspartner

Claus Schmiedel wurde 1951 in Ludwigsburg geboren. In seiner Jugend spielte er in einer Band und machte bisweilen auch in Crailsheim Station. 1972 trat Schmiedel mit seinen Musikerkollegen in die SPD ein - "wegen des Versuchs, Willy Brandt zu stürzen", wie er sich im Gespräch mit HT erinnert. Schmiedel studierte Politikwissenschaft und Deutsch. Bis 1992 arbeitete er als Berufsschullehrer. Seit jenem Jahr sitzt er für die SPD im Stuttgarter Landtag. Von 2000 bis 2008 war er wirtschaftlicher Sprecher seiner Fraktion, seit 2008 ist er ihr Vorsitzender.

SEBU

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