Ein Gespräch über die Abgründe des Landlebens, die Zukunft des Dialekts - und eine Quelle

Heimatdichter ohne Heimattümelei: Der Schriftsteller Manfred Kern stammt aus Wettringen im benachbarten Landkreis Ansbach – in Hohenlohe gilt er noch als literarischer Geheimtipp.

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  • "In Franken ist ja auch der Blues daheim": Der Schriftsteller Manfred Kern schaut seinen fränkischen (und damit auch den hohenlohischen) Landsleuten tief in die Seele. Seinem scharfen Blick entgehen auch nicht die Abgründe. Fotos: Ufuk Arslan 1/2
    "In Franken ist ja auch der Blues daheim": Der Schriftsteller Manfred Kern schaut seinen fränkischen (und damit auch den hohenlohischen) Landsleuten tief in die Seele. Seinem scharfen Blick entgehen auch nicht die Abgründe. Fotos: Ufuk Arslan
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    Manfred Kern (links) im Gespräch mit HT-Redakteur Harald Zigan. Foto: 
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Gut möglich, dass aufmerksame Hohenloher schon auf Spuren von Manfred Kern gestoßen sind, ohne den aus dem nahen Wettringen stammenden Schriftsteller und sein Werk zu kennen: Bei seinen Wanderungen, die ihn über die Landesgrenze hinweg auch in das Land an Kocher und Jagst führen, lässt der Mundart-Autor an markanten Plätzen von Mutter Natur liebend gerne Kärtchen mit literarischen Kostproben aus seiner Feder zurück.

HOHENLOHER TAGBLATT: Sie sind auf einem Bauernhof in Wettringen aufgewachsen. Standen da mehr als nur eine Bibel und der Bauernkalender im Regal?

MANFRED KERN: Irgendwann sind meine Eltern in den Bertelsmann-Lesering eingetreten. Grimms Märchen gab es auch, ein ganz wichtiges Buch für mich neben den Geschichten von Wilhelm Busch. Und meine Mutter hat uns Kindern auch aus Büchern vorgelesen. Aber als Kind hat mich Literatur eigentlich gar nicht so brennend interessiert. Ich war nicht der Typ, der mit einem Buch in der Ecke hockt. Mein Ding waren damals Comics wie "Sigurd", "Tibor" oder "Falk". Und ich spielte viel im Freien.

Haben Sie schon früh erste Gehversuche mit dem Schreiben gemacht?

KERN: Bereits als kleiner Bub habe ich Märchen in ein Heft geschrieben, das für mich sofort ein "Buch" darstellte und als Geschenk für meine Mutter diente. Liebend gerne habe ich auch die Bände des Leserings sortiert, zum Beispiel nach Autoren, Größe und Farben.

Gibt es ein Schlüsselerlebnis, das Sie in die Welt der Literatur entführte?

KERN: Mit 14 Jahren wurde ich schwer krank, ich hatte eine Herzmuskelentzündung, lag lange Zeit im Bett und begann intensiv zu lesen und zu schreiben. Ich habe gefühlt, dass die Literatur zu meinem Gesundwerden dazugehört. Zwischen Schreiben und Gesundheit besteht seither bei mir ein enger Zusammenhang - der Weg, schriftlich zum Reden zu kommen, wenn Schweigen herrscht wie über viele Jahre hinweg zwischen meinem Vater und mir.

Ihre Bücher kreisen immer wieder um Wettringen - warum lässt Sie Ihr Heimatdorf nicht los, obwohl Sie schon seit fast 30 Jahren im oberfränkischen Coburg leben?

KERN: Literatur braucht eine Verortung - einen Ort, wo sie sich abspielen kann. Wettringen ist einfach das Dorf, mit dem ich zutiefst verwurzelt bin und für mich ein guter Ort, eine Geschichte anzusiedeln. Ein Dorf gleicht ja einem Mikrokosmos - hier passiert dasselbe wie in einer Großstadt, nur halt im Kleinen, aber deutlich erkennbaren Maßstab. In Wettringen liegt der Grund und Boden, auf dem meine Sachen wachsen können.

Machten Sie bestimmte Erlebnisse in Ihrer Kindheit und Jugend zu einem Außenseiter im Dorf?

KERN: Ich fühle mich überhaupt nicht als Außenseiter. Ich war eigentlich immer jemand, der Dinge organisierte, zum Beispiel Fußballspiele mit Nachbardörfern, einen Jugendtreff oder eine Art Beat-Club, wo man eigene Hitparaden wählte und Schallplatten verloste. Außerdem bin ich Initiator des örtlichen Sportvereins.

Wodurch wurde eigentlich Ihr scharfer und schonungsloser Blick für die Abgründe des Landlebens und seine Autoritäten geschult?

KERN: Das hat sicher mit dem Dreigestirn Schule, Kirche und Familie zu tun und der Gewalt, die hier ausgeübt wurde. Schon im Kindergarten gab es das "schwarze Loch" - ein lichtloser Keller, in den Kinder hineinverfrachtet wurden, wenn sie nicht brav waren. Ich habe mich damals mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, in den Kindergarten zu gehen, haute oft ab, wurde aber immer wieder zurückgejagt in die "Obhut" der bigotten Diakonissinnen. Und dann der lauthals brüllende Pfarrer in der Schule: Der Schmiedsgehilfe in der Nachbarschaft hat Lieder gepfiffen, um den Pfarrer zu übertönen. Der Rohrstock war noch in der ersten Klasse ein völlig normaler Begleiter des Schulalltags - und daheim war es nicht viel besser. Solche Erlebnisse haben mich von Anfang an eigensinnig und rebellisch gemacht. Ich weiß noch, dass ich damals dachte: Wenn ich mich da jetzt füge, bin ich verloren für mein ganzes Leben.

Hegen Sie eine Art Hassliebe zu Ihrem Heimatdorf?

KERN: Auf keinen Fall: Ich habe Wettringen nichts vorzuwerfen. Hass und Wut bezieht sich eher auf Dinge, die hier passiert sind. Da kann das Dorf an sich aber nichts dafür, das kann überall passieren. Dass mir die manchmal herrschende Verbohrtheit, Intoleranz und Heuchelei nicht gefallen, das ist etwas anderes.

Sind die Wettringer eigentlich stolz auf "ihren" Schriftsteller oder gelten Sie im Dorf bis heute als "Exot"?

KERN: "Die" Wettringer als Masse gibt es nicht - das sind einzelne Individuen wie in jedem Dorf. Es gibt welche, die lesen meine Bücher und zeigen auch Reaktionen. Und stolz kann man eigentlich nur auf eigene Leistungen sein. Die größte Ehre für einen Schriftsteller ist es jedenfalls, wenn man ihn ernst nimmt und sich mit seinem Werk auseinandersetzt.

In Ihren Büchern wie zum Beispiel über Ihre Großmutter spielt auch die eigene Familie immer wieder eine tragende und zuweilen tragische Rolle. Gibt es da ein Trauma, das Sie sich von der Seele schreiben müssen?

KERN: In dem Buch "Meine Oma" habe ich eine Form dafür gefunden, was ich erlebt habe. Mit dem Buch habe ich mich auf eine Spurensuche gemacht, die erst ganz harmlos angefangen und dann eine Brisanz entwickelt hat. In dem Moment, in dem ich diese Form für meine Erlebnisse gefunden hatte, konnte ich sie ansehen und begreifen.

Sie benutzen in vielen Ihrer Bücher den fränkischen Dialekt, wie er in Ihrem Heimatdorf gesprochen wird. Schränkt das nicht von vorneherein den Leserkreis stark ein?

KERN: Das stimmt im Grunde schon. Wer aber bereits ans Verkaufen denkt, bevor er das Produkt überhaupt hergestellt hat, der sollte sich lieber etwas anderes suchen.

Können Sie sich mit der Mundart besser ausdrücken als auf Hochdeutsch?

KERN: Ich möchte beide Sprachformen nicht missen. Das sind verschiedene Seiten und Identitäten von mir, die ich damit ausdrücken kann. Die Mundart kommt aus ganz anderen Wurzeln heraus - sie ist emotionaler. Mit der Hochsprache kann ich allerdings abstrakte Dinge besser ausdrücken.

Wie beurteilen Sie die Zukunft der Mundart-Literatur - ist sie eine aussterbende Art? Zumindest in Hohenlohe ging die Zahl der Autoren aus diesem Genre in den letzten Jahren stark zurück, talentierter Nachwuchs ist hier nicht in Sicht. Sieht es in Franken anders aus?

KERN: Die Situation ist in Franken kaum anders: Ich zähle hier mit meinen 58 Jahren zu den "jüngeren" Autoren. Es gibt schon noch eine Reihe von guten Mundart-Autoren in Franken und in Deutschland, die ich als Mitglied im Internationalen Dialektinstitut schon bei Tagungen kennengelernt habe. Aber auf lange Sicht sehe ich eher schwarz: Wenn in den Dörfern der Dialekt verschwindet, gibt es auch keine Basis mehr für die Mundart-Literatur.

Seit Oktober 2013 sind Sie Träger des Gottlob-Haag-Ringes. Was verbindet Sie mit dem Altmeister der hohenlohischen Mundartdichtung, was trennt Sie von Haag?

KERN: Der Lyriker steht mir da näher als der manchmal zum Moralisieren und zum gerechten Zorn neigende Schriftsteller. Gottlob Haag, den ich persönlich leider nie kennenlernte, hat wunderbare Gedichte über die Natur, die bäuerliche Welt und ihren Niedergang geschrieben, die mich an meine eigene Kindheit erinnern und die mir sehr ans Herz gehen.

Mit dem Musiker Harry Düll aus Rothenburg ob der Tauber wagten Sie 2008 ein Experiment: eine CD mit Rezitationen Ihrer Gedichte, begleitet von der Gitarre. Blues, Folkmusik und Fränkisch - passt das denn zusammen?

KERN: Wunderbar passt das zusammen. In Franken ist ja auch der Blues daheim. Man muss sich nur mal in eine Wirtschaft an den Tisch setzen. . . Und unsere Mundart besitzt schließlich auch eine schöne Sprachmelodie, die gut mit der Musik korrespondiert, wie ich finde.

In knapp zwei Wochen, am Sonntag, 7. September, wird bei der Buchpremiere im Wildbad in Rothenburg ob der Tauber Ihre jüngste Arbeit vorgestellt - eine fränkische Übersetzung des schwäbischen Erfolgstitels "Die Geschicht vom Mose ond de zehn Gebote" von Gerhard Raff. Das muss für einen Nicht-Schwaben doch eine wahre Sisyphusarbeit gewesen sein. . .

KERN: Ganz und gar nicht - das hat mir kaum Schwierigkeiten und große Freude gemacht. Schwäbisch und Fränkisch sind nicht so weit voneinander entfernt, wie man vielleicht denkt. Eine Übersetzung eins zu eins ist es natürlich nicht, das hätte wirklich keinen Sinn gemacht. Es ist eine Übertragung auf fränkische Verhältnisse.

Zum Schluss noch eine Frage, die die Gemüter diesseits und jenseits der Landesgrenze bis heute zutiefst bewegt: Entspringt die Tauber nun in Weikersholz in Württemberg oder in Wettringen in Mittelfranken?

KERN: In der fränkischen Fassung der "Gschichd vom Mose und de zehn Gebode" wird diese fundamentale Frage beantwortet: "Awwer doa hadm derr Herrgodd grood noch gsteggd, er sell doch mid seim Stegge uff denn Felse doa globfe, noa sprudled dess frische Wasser doa raus wi aus em Wasserhouhne. Odder glei wi aus derr Weddemer Dauwerquelle. Und uuglouche, dess had fei dadsächli noukaud." Das ist der Beweis.

Das Interview führte HT-Redakteur Harald Zigan

Der Gesprächspartner

Manfred Kern stammt aus Wettringen im Landkreis Ansbach. Das mittelfränkische Dorf liegt nur wenige Kilometer hinter der Landesgrenze zum württembergischen Kreis Schwäbisch Hall. Er wuchs dort auf einem Bauernhof auf. Nach dem Fachabitur und einem abgebrochenen Architektur-Studium absolvierte Manfred Kern in Würzburg eine Ausbildung zum Buchhändler. 1985 zog er mit Frau und Tochter ins oberfränkische Coburg, wo er seither als freier Schriftsteller lebt und arbeitet. Seine erste Erzählung ("Der Abgang") erschien im Jahr 1999. Es folgten acht weitere, zum Teil auch in mittelfränkischer Mundart verfasste Werke mit Lyrik und Prosa, zuletzt im Jahr 2013 "Meine Oma" - die zutiefst beeindruckende Geschichte von Kerns eigener Familie.

HAZ

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