Ein Genie beherrscht das Chaos

Traditionelles Handwerk stirbt aus. Man lernt nicht mehr Schmied, sondern Metallbauer mit Fachrichtung Metallgestaltung. In Bühlertann gibt es einen echten Schmied mit einer Werkstatt wie im Freilichtmuseum.

|
Vorherige Inhalte
  • Die Werkstatt von Bühlertanns Saalschmied Hans Schöllmann könnte genauso gut im Freilichtmuseum Wackershofen stehen. Beim Schmieden von Ringen kommt sein wahres Talent zu Tage. Foto: Michaela Christ 1/2
    Die Werkstatt von Bühlertanns Saalschmied Hans Schöllmann könnte genauso gut im Freilichtmuseum Wackershofen stehen. Beim Schmieden von Ringen kommt sein wahres Talent zu Tage. Foto: Michaela Christ
  • 2/2
Nächste Inhalte

"Er weiß alles. Er kann alles. Und er findet auch alles!" Mit diesen drei Attributen umschreibt der Bühlertanner Volksmund den Saalschmied in der Ellwanger Straße. Früher wurden dort, vor dem starken Anstieg nach Fronrot, die Pferde der durchreisenden Salzhandelsleute beschlagen. Daher kommt der Hausname: Salzschmied, im Bühlertanner Dialekt Saalschmied genannt.

Mittlerweile in der vierten Generation heißt er seit 1989 Hans Schöllmann (68) - was nicht jeder weiß, den Meisterschmied aber nicht stört. "Wer in meine Werkstatt kommt, der will zum Schmied und nicht zum Hans", erklärt Schöllmann lachend. "Der Witz ist gut", ertönt es da vom Eingang der Schmiede. Franz Klein (74) war mit dem Rad beim Metzger einkaufen und schaut auf dem Heimweg gerne in der Schmiede vorbei. Nicht als Kunde der Werkstatt, sondern als Teil der Männerrunde, die sich wie zufällig trifft und diskutiert.

In dieser Angelegenheit kommt heute Xaver Schneider (73) vorbei. Ihn führte sein Weg vom Besuch der gegenüberliegenden Apotheke in den Hof des Schmieds. Denn auch ohne Alibi eines vorgeschobenen schmiedebedürftigen Problems hat sich der Männertreff etabliert.

Schöllmann verlegt seine Arbeit von drinnen nach draußen. Und baut den Schnörkelbieger auf, um eine spezielle Vorhangstange anzufertigen. Das ist ein ruhiges Geschäft, bei dem man nebenbei auch reden kann. Der Schmied erklärt seinem Publikum sein selbst gemachtes Werkzeug und zeigt auch einen Prototyp. "Machsch im neue Papst sein Stab?", fragt da Rudel Knapp (79), der sich der Runde in diesem Moment anschließt. Die Männer lachen. Sie kommen vom Hölzchen aufs Stöckchen. Manchmal so lange, dass der Schmied nicht mehr zum Schmieden kommt.

Aber auch das gehört zum Unternehmen Saalschmied. Zeit kenne der Schmied nicht, nimmt sich Schöllmann selbst auf die Schippe. Eine alte Uhr neben der Esse steht still auf zwei Uhr mittags und dient hauptsächlich als Werkzeugständer. Sie unterstreicht die Firmenphilosophie auf Schöllmanns Einsatzwagen: www.saalschmied.com . . . doch bitte! . . . gut Ding hat Weil.

Sind alle Männer weg, geht auch der Schmied zurück an seinen Arbeitsplatz. Die Esse ist angefeuert und verbreitet eine wohlige Wärme in der sonst kalten Werkstatt. Schöllmann teilt mit der Metallsäge einen Rundstab, zieht Kappe und Fellweste aus. "Beim Schmieden muss es schnell gehen, da muss ich mich bewegen können", erklärt er den Striptease. Er hebt den Stahl in die heiße Schmiedekohle, bis er glüht.

Den Zeitpunkt hat er im Gefühl, weil ihm der Stahl vertraut ist. Weil Schmied und Stahl beim Schmieden eins werden. Vom Feuer gehts zum Rundschlagen auf den Amboss. "Klack, klack", macht es in dumpfen Schlägen, wenn der Hammer den Ring trifft. Dazwischen helle Schläge, wenn der Hammer auf den Amboss schlägt und Schöllmann den Ring dreht und prüft.

Es sieht ganz einfach aus. Auch das anschließende Aneinanderfügen der Ringenden. Schöllmanns konzentrierter Blick aber verrät die Kunst, die sich dahinter verbirgt. Seine geschickten Bewegungen verweisen auf die jahrelange Praxis und Erfahrung. Der Glanz in seinen Augen auf die Leidenschaft, mit der der Schmied hier schmiedet.

Die Vielfalt mache die Faszination des Berufs aus, erklärt Schöllmann. Und reiche vom Meißelschärfen für lokale Unternehmen, über Wasserleitungsbau und Reparatur für die Gemeinde bis hin zu 53 antiken Außenleuchten für das Schloss Solitude in Stuttgart. Besonders reize ihn das Herstellen von verloren gegangenen Schlüsseln für alte Kirchenschlösser. In solchen Herausforderungen könne er sich ganz verlieren. "Und dabei mein Geländer vergessen", rügt ihn Marion Greiner (50) mit einem freundlichen Lächeln. Sie kommt mit ihrem Spültischwasserhahn, bei dem das Dichtungsringlein porös ist. Zum Schmied? "Klar, seine Werkstatt ist das Tante-Emma-Lager der Handwerker", verrät Greiner. Stimmt! Schöllmann taucht in seiner Werkstatt ab und nur wenige Minuten später mit dem passenden Ersatzteil wieder auf.

"Im Frühjahr besuch ich dich dann täglich und leiste dir Gesellschaft, bis mein Geländer fertig ist", verabschiedet sich die Kundin grinsend. Der Saalschmied lacht ihr kopfschüttelnd hinterher: "Ich freu mich drauf!"

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Welche Partei passt zu Ihnen?

Webanwendungen sollen bei der Wahl der richtigen Partei helfen und Orientierung geben. Neben dem etablierten Wahl-o-Mat gibt es mittlerweile aber auch zahlreiche Alternativen. weiter lesen