Ein bisschen Politik gemacht

Die Terre des hommes-Arbeitsgruppe Gaildorf hat drei Alterspräsidentinnen. Alle drei  sind über 80 und engagieren sich seit Jahrzehnten für Kinder.

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Sie sind Terre des hommes Gaildorf (vorne, von links) die Mitbegründerin Karin Nachbauer, die beiden Alterspäsidentinnen Ruth Frey und Helga Graf, Gabi Bucher, in der zweiten Reihe: Bärbel Ulmer, Charlotte Denninger, Ellen Hofmann-Heer, Doris Vogel, hinten stehen Annegret Engel, Angelika Strohmeier, Giselinde Dieterle-Stephani und Elisabeth Diemer. Auf dem Foto fehlen Gabi Bass, Ute Buck, die dritte Alterspräsidentin Irmgard Peters, Neni Ulmer-Montecartine und Eva-Maria Melms.   Foto: 

An das Jahr erinnert sie sich nicht mehr so genau, aber an das Fest im Schlosshof. „Wir hatten damals die landesweite Regionalkonferenz in Gaildorf, und da war hier alles versammelt, was Rang und Namen hatte.“ Ruth Frey erinnert sich lebhaft: „Ich habe alle angeschnorrt, und man hat niemanden zweimal bitten müssen. Alle haben gespendet, und am Ende war die Büchse rappelvoll. War ich da stolz.“

Zehn, elf Jahre war sie Kassiererin der Arbeitsgruppe Gaildorf. Karin Nachbauer, Frau der ersten Stunde, hat sie 1976 in die Arbeitsgruppe geholt. Sie kannten sich von der Schule, ihre Söhne waren Klassenkameraden. „Wir haben mit Freuden gebastelt.“ Im Schlepptau von Betty Kröger hat sie einige bundesweite Treffen besucht, erzählt die 82-Jährige. Die Themen Straßenkinder, Kindersoldaten, Kinderarbeit bewegen die Seniorin nach wie vor. „Ich war schon als Kind politisch interessiert“, sagt sie und erzählt, wie sie eine Zeitung mit einer Karikatur über den britischen Premier Chamberlain versteckt hat. „Das interessierte mich brennend.“ Das Dritte Reich habe sie, obwohl noch ein Kind, bewusst erlebt. Auf der Flucht sah sie Erfrorene auf Bahnsteigen liegen, Bilder, die sie bis heute verfolgen.

Ruth Frey ist nie einer Partei beigetreten, „ich habe keine gefunden, die mir ganz genügt“. Bei Terre des hommes könne sie mitarbeiten, weil sie voll hinter der Arbeit des Kinderhilfswerks stehe. „Wenn man auch nicht viel bewegen kann, so macht es doch Spaß, ein bisschen Politik zu machen.“

Selbstverständlich gab es während der letzten vier Jahrzehnte Höhen und Tiefen, „aber wo ist schon alles hundertprozentig gut“. Die Gruppe ziehe an einem Strang. „Das ist immer noch so“, sagt Ruth Frey. Sie versäume kaum ein Treffen. Die Atmosphäre bezeichnet sie als schwesterlich. „Stellen Sie sich vor, die Treffen werden extra so gelegt, dass sie nicht mit meinen Dialyseterminen kollidieren und ich teilnehmen kann.“ Dieser Tage habe sie erst die nächste Einladung per E-Mail bekommen. Ist sie auch online unterwegs? Die Urgroßmutter lacht: „Klar doch, das hat mit meinem Beruf zu tun, ich war technische Zeichnerin.“ Aber auf Facebook sei sie lediglich angemeldet, um zu wissen, „was mit meinen Enkeln los ist“.

Helga Graf lebt mit ihren bald 90 Jahren im Graf-Gottfried-Stift. Dort sitzt sie im Café und hat eine halbe Stunde Zeit, ehe ihre Freundinnen zum Rummy-Cupspielen einlaufen. „Für mich war die Terre-des-hommes-Gruppe eine Heimat. Wir alle waren fremd hier, Gaildorfer ­gehörten keine dazu.“ Helga Grafs Leidenschaft war Basteln, und das hat die Gruppe in erster Linie gemacht, jeden Mittwoch, Woche für Woche wurde gestrickt, gehäkelt, gemalt und gesägt. Ihre Patchworkarbeiten waren sehr gefragt, und brachten ordentlich Geld in die ­Kasse.

Mit dem Verkaufserlös haben die Frauen die Projekte unterstützt. „Das Basteln hat sich verloren“, bedauert Helga Graf, denn politische Diskussionen haben sie nie sonderlich gereizt. Die Seniorin hat die Kriegsjahre in Leipzig verbracht und viele Nächte im Luftschutzkeller. „Das Höchste für uns war damals, einmal wieder ein Nachthemd zu tragen und eine Nacht durchzuschlafen.“ Diese Zeit habe sie sehr geprägt. „Die Ängste sind geblieben“, sagt Helga Graf und schaut nach draußen in den Park. Im Nieselregen fallen Blätter von den Bäumen. In der Mitarbeit im Kinderhilfswerk habe sie einen Sinn gesehen, „es war nützlich“.

Als die Kinder aus dem Haus waren, hat sich Irmgard Peters bei Terre des hommes eingebracht, vor allem als Bastlerin. Sie ist die Mutter der Terre-des-hommes-Puppen und die Bäckerin der Hutzelbrote und Lebkuchenhäuschen, die bei den Weihnachts- und Oster­basaren schnell Absatz finden. „Es macht mir doppelte Freude, wenn ich arbeiten und damit Gutes tun kann.“ Schule und Bildung sei für Kinder das wichtigste Startkapital, sagt die fünffache Urgroßmutter. Deshalb habe sie über all die 22 Jahre gerne bei Terre des hommes mitgearbeitet.

Karin Nachbauer hatte bei ihr das Interesse für den Einsatz für Kinder in Not geweckt. „Da bin einmal hin und dabeigeblieben.“ Im Lauf der Jahre haben sich tiefe Freundschaften entwickelt. „Es war eine reiche Zeit, und ist es heute noch“ sinniert die 84 Jahre alte Frau. Die Atmosphäre in der Gruppe sei herzlich, „obwohl es Frauen in verschiedenen Lebenssituationen und Alters sind“. Wenn sie auch nicht mehr alle Treffen besucht, das Benefizkonzert von „Ohser Chor“ zum 50-jährigen von Terre des hommes Deutschland am letzten Sonntag hat sie nicht versäumt.

Die Gruppe wurde 1973 gegründet. Sie trifft sich einmal im Monat, um Aktionen zu planen und über inhaltliche Themen zu sprechen. „Wir sind davon überzeugt, dass es sinnvoll ist, etwas für Kinder in Not zu tun. Außerdem macht es uns Spaß, gemeinsam etwas zu erarbeiten, zu planen und durchzuführen“, sagt Elisabeth Diemer. Das Kontakttelefon der Ansprechpartnerin: 0 79 71 / 91 17 30. ka

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