Ein anderes Ich

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Die "Goldene Sonja" bei ihrer Hallia-Venezia-Premiere. Foto: Köpf

Das hat mit Fasching nichts zu tun! Es ist nicht besser und nicht schlechter, es ist einfach anders. Die einzige Gemeinsamkeit besteht in der Überwindung, kostümiert auf die Straße zu gehen. Soll ich wirklich zu Hallia Venezia raus gehen, mich den Menschen, die mich alle ansehen werden, zur Schau stellen?

Ich parke nahe der Kunsthalle. Ich weiß, dass von hier die nach venezianischem Vorbild verkleideten Menschen durch die Altstadt streifen. Die ersten Schritte sind nicht leicht. Ich bewege mich zu flink. Ich schaue meine verkleideten "Kollegen" an und versuche, mir etwas von deren Anmut abzuschauen. Ich hätte ein Accessoire mitnehmen sollen. Einen Fächer oder einen Stab, dann hätte ich gewusst, wohin mit meinen Händen.

Man schaut mich an, macht Fotos. Ich lächle unter meiner Maske. Ein Reflex. Manche Fotografen suchen meine Augen. Der einzige Punkt, wo man von Mensch zu Mensch kommunizieren könnte. Manch einer bedankt sich für das Foto. "Bitte" kann ich nicht sagen. Das Kostüm wirkt: Ich nicke bedächtig mit leicht schrägem Kopf.

Mein Kostüm ist improvisiert. Nicht gerade das, wonach sich alle umdrehen. Ich fühle mich wie das hässliche Entlein unter Schwänen. Wenn nicht hin und wieder die Linse auch auf mich gehalten würde, fühlte ich mich ziemlich einsam in meiner Anonymität.

Ich sehe eine Maske, die ich vom Maskenbau-Kurs kenne. Sie ist weiß und rot. Ich war dabei, wie die Frau die Pailletten aufgeklebt hat. Sie hat sich ein sehr schönes Kleid dazu genäht. Wie fühlt sie sich? Es ist auch ihre Premiere bei Hallia Venezia. Aber Reden ist verboten - ein ungeschriebenes Gesetz. In diesem Kostüm steckend, verstehe ich es. Man kann nicht losquatschen, fragen, wo hast du geparkt? Ist dir kalt? Weißt du, wo ich mal aufs Klo kann?

Langsam schreite ich die Treppe hinunter zur Mauerstraße. Anmut kommt fast zwangsläufig, weil das Sichtfeld eingegrenzt ist und man nicht nach unten blicken kann. Auf dem Roten Steg schreite ich hinter zwei anderen Maskenträgern her; beide viel schöner als ich. Die erste trägt eine Rokoko-Perücke und einen Vogelkäfig in weiß behandschuhten Händen. Auf dem Unterwöhrd nähert sich eine Frau. Sie führt ihren Finger zum Mund. "Pscht!" Ich versteh nicht. Fliegt meine Kopfbedeckung weg? Gerade kommt eine Böe und das Ding sitzt nicht sehr fest. Sie nimmt meinen Finger und führt ihn zu meinem Maskenmund. Ach so! Ich soll auch "Pscht" machen. Anfängerpech.

"Pscht" mache ich jetzt öfter, das gefällt den Fotografen. Eine Frau fotografiert mich. Ich spüre etwas an meinem Bein. Ihre zwei Kinder haben sich nah zu mir gestellt. Soll ich ihnen meine Hände auf die Schultern legen? Bevor ich mich entschließe, ist das Bild gemacht und die Kinder sind bei ihrer Mutter.

Ich denke an den Masken-Kurs. Eine erfahrene Hallia-Venezia-Teilnehmerin erzählt mir, dass sie verstehen können, dass junge Frauen gern Model werden wollen - vor allem dann, wenn sie selbst die Große Treppe vor St. Michael im Defilée hinunterwandle. Ja, ich verstehe das auch. Seit heute.

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