Distelfink-Zwitschern und süßer Schlaf

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Federico Mechelli-Uhl war in der Gaggstatter Kirche als Solist zu hören, begleitet wurde er vom Concertino Ensemble.  Foto: 

Le quattro stagioni“ (Die vier Jahreszeiten) von Antonio Vivaldi sind immer noch eines der Lieblingswerke von Zuhörern und zaubern Konzertveranstaltern ein seliges Lächeln ins Gesicht, weil sie nach wie vor für volle Häuser sorgen. Das konnte man auch in der Jugendstilkirche in Gaggstatt nachvollziehen, wo das von Professor Petru Munteanu einstudierte und aus jungen Nachwuchsmusikern zusammengesetzte „Concertino Ensemble“ beim Hohenloher Kultursommer zu erleben war.

Die Kirche war bis auf den letzten Platz besetzt. Über 300 Liebhaber klassischer Musik wollten die Vivaldi-Jahreszeiten hören. Den Solopart auf der Violine hatte der 1996 in Florenz geborene Federico Mechelli-Uhl übernommen. Er legte in seiner Interpretation besonderen Wert auf klangliche Klarheit mit einer allerdings weniger an historischer Aufführungspraxis, sondern mehr an gesanglichem Ausdruck orientierter Spielweise.

Das zeigte sich nach dem Herausstellen der Vogelimitationen im Eingangssatz des Konzertes „La primavera“ (Der Frühling) gleich im langsamen Mittelsatz, der mit seinem sanft getönten Melodieren wunderbar dem „Säuseln der Zweige und Blätter“ und dem Schlaf des Schäfers entsprach, den Vivaldi in dem Konzert zugeordneten Sonett beschreibt.

Auch die folgende „Danza pastorale“ blieb in dieser Interpretation eher weich getönt, wobei das tänzerische Moment weniger scharf herausgearbeitet wurde. Im „L‘estate“-Concerto (Der Sommer) zeigte sich eine weitere Besonderheit der Jahreszeiten-Wiedergabe. Mechelli-Uhl war zusammen mit dem Cellisten Andreas Schmalhofer und dem Cembalisten Georgij Munteanu, die beide den Basso-continuo-Part übernommen hatten, in Solo-Ritornellen als musikalisch zupackend agierender Violinvirtuose zu erleben, der Klangeffekte schön auslotete: seien es hohe Triller für das Distelfink-Zwitschern oder tiefe Töne für das Stöhnen von Mensch und Vieh über die „glühende Sonne“.

Schön gelang der beklemmende Ton, die Angst vor Unwetter und Blitzen im Adagio-Satz ausdrückend. Der Ausbruch des Gewitters mit Donner, Blitz und Hagel wurde vom „Concertino Ensemble“ dann weniger geräuschhaft, weniger klanglich gepeitscht umgesetzt, als man es durch Barockensembles mittlerweile gewöhnt ist. Klangliche Genauigkeit stand mehr im Mittelpunkt des Konzerts.

Tänzelnd wirkte der Beginn des „L‘autunno“ (Der Herbst). Mechelli-Uhl ließ die Freude der Bauern über die „glückliche Ernte“ in schnellen Skalen geradezu hervorschießen, konterkariert durch berauschtes Klangpoltern. Der „süße Schlaf“ nach dem Fest erklang zart zuückgenommen mit später im Cembalo schön unterstrichenen Harmoniefortschreitungen. Starken Kontrast bot das kraftvolle Betonen der Jagd im Schlusssatz, ergänzt durch schnelle und virtuose Figurationen, die Mechelli-Uhl mit Verve vortrug.

Ähnlich entschieden gestaltete er seinen Solopart im „L‘invero“ (Der Winter), der sonst durch wunderbare Lautmalerei des Zitterns und des Heulens eines „grauenhaften Sturmes“ bestach. Ihm folgte eine sanft ausgebreitete und vom Ensemble einfühlsam begleitete Violinkantilene, die in sinnierende wie aufgewühlte Töne des Finales mündete.

In Streichquartettbesetzung waren zwischen den Vivaldi-Concerti „Verano porteño“ (Sommer) und „Otoño porteño“ (Herbst) aus Astor Piazzollas „Jahreszeiten“ zu hören. Leidenschaftlich aufgewühlte und aufgekratzte Klangmomente trafen dabei auf weit gespanntes, bisweilen hinreißend musiziertes Melodieren voller Sehnsucht. Die Zuhörer sparten nicht mit Beifall für die Jahreszeitenmusik.

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