Die Stunde der Brandstifter

BIEDERMANN: Was ist in diesen Fässern? EISENRING: Benzin. BIEDERMANN: Machen Sie keine Witze! Ich frage zum letzten Mal, was in diesen Fässern ist. Sie wissen so gut wie ich, dass Benzin nicht in den Dachboden gehört - (. . .) Ist das Benzin oder ist das kein Benzin? (. . .) Antworten Sie!

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  • Am 30. Januar 1933 gelangten die Nazis an die Macht - und bald wehten auch in Hohenlohe die Hakenkreuz-Fahnen, wie hier in Crailsheim. Foto: Stadtarchiv 1/2
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BIEDERMANN: Was ist in diesen Fässern?

EISENRING: Benzin.

BIEDERMANN: Machen Sie keine Witze! Ich frage zum letzten Mal, was in diesen Fässern ist. Sie wissen so gut wie ich, dass Benzin nicht in den Dachboden gehört - (. . .) Ist das Benzin oder ist das kein Benzin? (. . .) Antworten Sie!

BIEDERMANN: Was ist in diesen Fässern?

EISENRING: Benzin.

BIEDERMANN: Machen Sie keine Witze! Ich frage zum letzten Mal, was in diesen Fässern ist. Sie wissen so gut wie ich, dass Benzin nicht in den Dachboden gehört - (. . .) Ist das Benzin oder ist das kein Benzin? (. . .) Antworten Sie!

EISENRING: Es ist.

SCHMITZ: Es ist.

BEIDE: Eindeutig.

Die ganze Stadt ist in Aufruhr. Brandstifter gehen um. Auch Herr Biedermann fürchtet sich. Gleichwohl nimmt er zwei Gesellen auf, die bald die Benzinfässer in den Dachboden karren, bald nach einem Streichholz fragen - und endlich steht alles in Flammen. Das Drama "Biedermann und die Brandstifter" des Schweizer Autors Max Frisch ist von vielen als Parabel auf die nationalsozialistische Machtübernahme gelesen worden. Tatsächlich hielt die NSDAP mit ihren Absichten nicht hinter dem Berg, tatsächlich durfte sie nahezu unbehelligt ihre Fässer karren, tatsächlich brannte die Welt - und auch Hohenlohe - am Ende lichterloh.

Heute vor 80 Jahren wurde die Lunte gelegt und der in Gerabronn erscheinende "Vaterlandsfreund" titelte lapidar: "Das Kabinett Hitler ernannt." Reichspräsident Paul von Hindenburg hatte nach einigem Zögern den Vorsitzenden der NSDAP, Adolf Hitler, mit der Regierungsbildung beauftragt und gab der Weimarer Republik damit den Todesstoß. Die nationalkonservativen Kräfte glaubten noch an eine "Bändigung" der braunen "Bewegung" - und reichten doch bloß als Biedermänner die Streichhölzer.

Zwölf Jahre später waren 55 Millionen Menschen in einem schrecklichen Weltkrieg gestorben, mehr als sechs Millionen Juden wurden Opfer einer industriellen Tötungsmaschinerie, in Brettheim hingen drei aufrechte Männer an den Friedhofslinden, Crailsheim lag in Schutt und Asche.

Vom Ende her betrachtet erscheint freilich manches offensichtlich, was im tatsächlichen Geschehen hinter Milchglas lag. Hitler war noch nicht der von Mythen umrankte "Führer", Regierungswechsel gehörten zum Alltag der Republik in den Jahren der Wirtschaftskrise. Die Bündelung nationalkonservativer und nationalsozialistischer Kräfte begriff man zwar als Einschnitt, der Weg in die Diktatur aber wurde schrittweise zurückgelegt. Die HT-Serie zur Machtergreifung macht diese Schritte zum Thema - in loser Folge, immer genau 80 Jahre nach dem Geschehen, mit dem Fokus auf Hohenlohe.

Eine wichtige Quelle hierfür ist der Jahrgangsband 1933 des "Vaterlandfreundes". Die streng-nationale Gesinnung des Blattes war offensichtlich, aber auch kritische Stimmen fanden in den Wochen nach dem 30. Januar noch Platz.

So berichtete die NSDAP von einem Aufmarsch von SA und SS in Rot am See: "Sturm, Sturm, Sturm läuten die Glocken vom Turm. Begeisterte SA- und SS-Männer marschierten heute um die Mittagsstunde durch unseren Ort. (. . .)." Zwei Tage später schrieb ein Leser: "Um einen Irrtum aufzuklären, muss man den NSDAP-Artikel vom 20. Februar von Rot am See dahin berichtigen, dass die Glocken vom Turm weder Sturm geläutet haben noch der Rede des Herrn Hauptlehrer Besser eine Weihe geben wollten, sondern ganz einfach und schlicht zum Nachmittagsgottesdienst riefen. (. . .)."

Der Schreiber stellte die hellsichtige Frage: "Ob wohl im Dritten Reich die Kirchenglocken zu politischen Umzügen und Reden geläutet werden müssen?"

Ach, hätten nur mehr Menschen dieselben Schlüsse gezogen wie der württembergische Staatspräsident Eugen Bolz (Zentrumspartei). Der "Vaterlandsfreund" berichtete am 22. Februar von einer Wahlveranstaltung des Politikers in Hall: "Der Staatspräsident (. . .) betonte zum Schluss, wenn die neue Freiheit so aussehe, wie sie sich bereits jetzt in den Versammlungs- und hunderten Zeitungsverboten ankündige, dann sei der moderne Sklavenstaat nach dem Vorbild Italiens schon unter der Verfassung fertig."

Eugen Bolz wurde am 23. Januar 1945 in Plötzensee von den Nazis erhängt.

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