Die individuelle Kluft des Fußballfans hat ausgedient

Früher war sie ein "Muss" für jeden eingefleischten Fußballfan, heute ist sie eine nostalgische Erinnerung. Trotzdem wird die Fankutte aufbewahrt wie ein Schatz, und der Altkleidersack kommt nicht infrage.

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Satteldorf - Die Fankutte, jede ein Einzelstück und jede selbstgestaltet, ist Abbild der eigenen Fangeschichte - so auch für Jochen Baumann aus Satteldorf.

Der Vorsitzende des VfB-Fanclubs "Rot-Weiße-Kameraden" erinnert sich genau, wie alles angefangen hat. Mit ein paar Kumpels fuhr er regelmäßig ins Stadion nach Stuttgart. "Merchandising in der Art wie heute gab es damals nicht. Aber eine Jeansjacke hatte jeder zu Hause, also Ärmel weg und Aufnäher drauf", erinnert sich Jochen Baumann. Auf jeden Fall gehörte auf eine richtige Fankutte das große Vereinsabzeichen in der Mitte des Rückens. Wer dann noch eine Dauerkarte für den A-Block besaß, der hatte auch diesen Aufnäher gut sichtbar auf dem Rücken. "Bei Heimspielen gab es damals Stände mit Aufnähern und da hat man immer geschaut, was einem gefällt", sagt der 36-Jährige. Dazukamen dann Aufnäher von befreundeten Fanklubs. Mit der Zeit gab es dann natürlich auch ein Fanklub-Logo.

"Die Aufnäher hat jeder selbst mit der Hand aufgenäht", lacht Jochen Baumann und zeigt auf die groben Stiche auf der Kutte. "Hier sieht man noch, wie schlampig das ist, da hat man schon geflucht, wenn man sich in den Finger gestochen hat." Die Ärmel und der Abschluss der Jacke wurden auch individuell mit selbstgedrehten Kordeln oder mit Fransen in den Vereinsfarben umsäumt. Auch die Knöpfe wurden geschmückt mit den Kronkorken der konsumierten Bierflaschen während des Fußballausflugs. "Man hat sich die Kutten der anderen Fans schon genau angeschaut und auch mal gefragt, wo man einen bestimmten Aufnäher bekommt."

Eine Zeitlang war es auch Mode, eine Trillerpfeife an der Kutte zu tragen, doch die seien dann nach und nach bei den Spielen einkassiert worden. Sogar die Mamas und Omas duften sich an dem einzigartigen Gesamtkunstwerk oft beteiligen, sei es nun durch das Stricken von passenden Schals und Pullovern oder durch Hilfe beim Aufsteppen der verschiedenen Verzierungen.

Dabei waren die Träger der Kutten so mit ihren Unikaten verbunden, dass es verpönt war, die Kutte an andere auszuleihen.

Mittlerweile hat die Fankutte in dieser Form ausgedient. In Zeiten von Digitaldruck und Merchandising kleiden sich die Fanklubs in einheitlich bedruckte Shirts und Jacken. Doch Jochen Baumann beobachtet in den Fanblöcken seit geraumer Zeit eine andere Art, die Liebe zum Verein kreativ auszuleben: "Die Jungen heutzutage werden kreativ bei Fahnen und Bannern. Dazu denken sie sich bestimmte Choreografien aus. Mir persönlich gefällt dieses neue Bild im Stadion fast besser."

Wehmütig wird er dann aber doch, als er seine Kutte noch einmal vorführt, aber er schmunzelt: "Man wird halt auch älter, da läuft man nach dem VfB-Sieg einfach nicht mehr in der Kutte rum!"

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