Die gängigen Formen anbieten

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Schon seit einiger Zeit wird in Crailsheim eine Diskussion über moderne Formen der Bestattung geführt. Im November des vergangenen Jahres machte der Gemeinderat schließlich den Weg für einen Bestattungspark und eine Urnenwand auf dem Hauptfriedhof frei. Doch nur wenige Wochen später wurde vom Gremium die Vergabe von Planungsleistungen abgelehnt. Vor diesem Hintergrund hat die HT-Redaktion den Crailsheimer Pfarrer und Stadtrat Dr. Thomas Knöppler gebeten, sich einmal grundsätzliche Gedanken zur Bestattungskultur und zu Formen der Bestattung zu machen. Nachfolgend der Aufsatz des Theologen:

Auf unseren Dörfern werden noch weit überwiegend Erdbestattungen durchgeführt. In der Stadt hingegen steigt die Zahl der Urnenbeisetzungen deutlich an. Insgesamt hat sich ihr Anteil in Crailsheim im Zeitraum von 2005 bis 2008 mehr als verdoppelt. Im Jahr 2010 lag er geringfügig unter dem Wert von 2008: bei 39 Prozent. Im Bundesdurchschnitt sind es gegenwärtig 55 Prozent.

Zur Daseinsvorsorge einer Kommune gehört auch das Bestattungswesen. Für künftige Verstorbene sind Ruheplätze in ausreichender Zahl zur Verfügung zu stellen. Zwar muss eine Kommune nicht Angebote für jede nur mögliche Bestattungsform vorhalten. Aber sie sollte die gängigen Formen als Wahlmöglichkeit anbieten.

Manche Bürger treibt der Wunsch nach einem Bestattungspark oder gar einem Friedwald um. Hier muss die Kommune prüfen, ob sie sich einen solchen finanziell aufwändigen Ort der Kultur gönnen will. Von untergeordneter Bedeutung ist die Frage, ob durchweg Urnenfelder angeboten oder auch Urnenwände aufgestellt werden. Es ist nicht zu verkennen, dass Urnenwände und -stelen reduzierte Möglichkeiten der persönlichen Trauerbewältigung bieten. Die individuelle Gestaltung eines Grabfeldes ist hier nicht möglich. Das freilich ist kein Grund, ganz auf sie zu verzichten.

Die Bestattungskultur hat auch eine religiöse Dimension. Die Kommune hat die Belange der verschiedenen Religionsgemeinschaften nach Möglichkeit zu berücksichtigen. So wurde etwa auf dem Crailsheimer Hauptfriedhof auch ein muslimisches Grabfeld angelegt. Der verstorbene Muslim muss nun nicht mehr in die Türkei überführt werden. Eine Feuerbestattung ist nach islamischem Recht ausgeschlossen. Der in Tücher gewickelte Tote soll seitlich in die Erde gelegt werden, sodass sein Gesicht nach Mekka schaut. Der verstorbene Christ wurde und wird, sofern möglich, auf dem Rücken liegend mit Blick nach Jerusalem begraben. Er soll keinesfalls anonym bestattet werden. Denn der Mensch hat bei Gott einen Namen. Gott hat ihn geschaffen, sich ihm in der Taufe zugewandt und ihn zum Glauben berufen. Als Alternative zur anonymen Beisetzung wird daher mancherorts eine Urnengemeinschaftsgrabstätte angeboten.

In den alten vorderasiatischen und europäischen Kulturen war ursprünglich die Erdbestattung üblich. Im 2. Jahrtausend v. Chr. setzte die Verbrennung von Verstorbenen und die Beisetzung in Urnen ein. Dieser Brauch entstand in Anatolien. Er verbreitete sich über Nordsyrien bis in den ganzen östlichen Mittelmeerraum hinein.

Entsprechend lässt auch der griechische Dichter Homer seine im Kampf gefallenen Helden verbrennen. Nach mehrtägiger Aufbahrung werden die sterblichen Überreste auf den Scheiterhaufen verbracht. Dort werden sie zusammen mit reichen Grabbeigaben den Flammen übergeben. Die Asche wird in ein Gefäß gefüllt. Über diesem Gefäß wird Erde aufgehäuft. Ein Grabhügel erinnert an den toten Helden.

Der römische Dichter Vergil teilt mit, dass die Einäscherung bei den Eliten Roms beliebt war. Bot doch das Ritual der Verbrennung mit anschließender Beisetzung der Urne Raum für einen ausgestalteten Ritus.

Die Germanen, Kelten und Slawen pflegten ihre Toten mit Feuer zu bestatten. Anders die Juden. Sie praktizierten allein die Beerdigung. Das Kammergrab ist die einzige Grabform, die im Neuen Testament erwähnt wird. Im Judentum zur Zeit Jesu gab es daneben auch noch das Senkgrab, wie es bei uns heute weithin üblich ist.

Die Erdbestattung war in der Alten Kirche von ihren Anfängen an selbstverständlich. Schon früh war die römische Gemeinde aber mit dem Feuertod von Märtyrern konfrontiert. Kaiser Nero ließ Christen als lebendige Fackeln zur Illumination seines Parks hinrichten. Möglicherweise kam es hier zu einem ersten Nachdenken der Christen über die Feuerbestattung. In einem späteren Fall wurden christliche Märtyrer verbrannt und ihre Asche in die Rhone gestreut. Hinter diesem Vorgang stand die Absicht, die christliche Auferstehungshoffnung zu verhöhnen. Die gleiche Absicht findet sich später bei Aufklärern, Materialisten und Freidenkern.

Seit dem ersten Jahrhundert n. Chr. befand sich die Einäscherung im Osten des römischen Reiches auf dem Rückzug. Sie wurde zunehmend durch die Erdbestattung bzw. durch die Bestattung in einem Sarkophag verdrängt. Im dritten Jahrhundert n. Chr. setzte sich die Körperbestattung schließlich auch im Westen durch. Diese Entwicklung war weniger durch religiöse als vielmehr durch kulturelle Gründe bedingt. Dazu trat die fortschreitende Abholzung des Waldes im Mittelmeerraum. Im Jahr 786 n. Chr. schließlich erließ Kaiser Karl der Große ein Gesetz, das die Verpflichtung zur Erdbestattung festschrieb.

1527 schrieb Martin Luther die Schrift "Ob man vor dem Sterben fliehen möge". Darin prangert er die miserablen sanitären Verhältnisse auf den Kirchhöfen an. Damit stößt er eine neue Phase der Bestattungskultur an. In Zeiten großer Seuchen hatte es immer schon Begräbnisse auf dem Feld außerhalb der Siedlungen gegeben. Diese Totenäcker müssen aber in einem erbärmlichen Zustand gewesen sein. Ihnen fehlte die vormalige kultische Mitte in Form des Kirchengebäudes. Auch gab es noch nicht die spätere ästhetische Ordnung. Erst in der Aufklärung setzte man neue Impulse. Das Friedhofsgelände wurde mit einer angemessenen architektonischen Formgebung gestaltet.

Entscheidend wurde dann der Reformwille Kaiser Josephs II. von Habsburg. Er war der Sohn von Kaiserin Maria Theresia. Anders als seine konservative Mutter stand er dem Fortschritt aufgeschlossen gegenüber. Das wirkte weit über Österreich hinaus. Aus hygienischen Gründen verordnete er 1782 die "Abstellung der Begräbnisse in den Gruften und in der Stadt". Zur Schonung des Holzbestandes sollte man in Zukunft auf Särge verzichten. Stattdessen wurden die Toten in Leinen eingehüllt und jeweils sechs Leichname in einer Grube beerdigt. Für den Transport bis zum Grab wurden die Leichen in Särge gelegt, die unten eine Klappe hatten. Über dem Grab wurde diese Klappe geöffnet. So konnten die Leichname im eigentlichen Sinne des Wortes "in die Grube fahren". Deswegen bekam Wolfgang Amadeus Mozart kein Einzelgrab. Das war 1791 bei seiner Beerdigung in Wien die Regel.

Dem Kaiser schlug ob dieser Reform aus allen Schichten der Bevölkerung heftiger Zorn entgegen. Daher erteilte er später durch neue Dekrete wieder die Erlaubnis, Grabbauten über den Gräbern zu errichten. Dabei legte er fest, dies habe zu geschehen mit der "nöthigen Einschränkung, damit durch übermäßige Größe, oder Anzahl dergleichen Gruften den allgemeinen Friedhöfen nicht zu viel Raum benommen werde".

Das hatte zur Folge, dass im 19. Jahrhundert auf den Friedhöfen die individuelle Gestaltung überhand nahm. Die Errichtung von großen Gruften und Grabmonumenten war fortan eine Frage des Geldes. Darüber hinaus setzte sich durch, dass das Grab eines jeden Verstorbenen gekennzeichnet war. Das hat bis heute seine Auswirkungen. Nach der Beerdigung steht in der Regel ein schlichtes Holzkreuz mit dem Namen des Verstorbenen am Grab.

Die Reaktion auf das ausufernde Individualrecht blieb nicht aus. Die Freie Hansestadt Hamburg etwa unterstellte die Errichtung eines Grabmals auf ihrem riesigen Ohlsdorfer Friedhof der Genehmigungspflicht. Auch unsere Friedhofsordnungen treffen Regelungen. Sie bemühen sich um einen vernünftigen Ausgleich zwischen Individualismus und Gemeinwohl.

Im Jahr 1878 konnte die Firma Siemens einen brauchbaren Ofen liefern. In Gotha wurde daraufhin das erste Krematorium in Deutschland errichtet. Diese Bestattungsform sahen viele als ästhetischer und hygienischer an. Denn die bei der Erdbestattung übliche Verwesung des Leichnams im Boden konnte so vermieden werden. Auch hoffte man auf eine Verringerung der Bestattungskosten. Zwar gab es areligiöse Verbände, die meinten, hier ein Zeichen gegen die christliche Auferstehungshoffnung setzen zu können. Die liberal gesonnenen, evangelischen Pfarrer von Gotha standen der nun möglichen Feuerbestattung gleichwohl positiv gegenüber.

1886 befasste sich die Glaubenskongregation der Katholischen Kirche damit. Sie wandte sich gegen Katholiken, die für den Fall ihres Ablebens testamentarisch die Feuerbestattung verfügen. Sie entschied, dass ihnen die kirchliche Bestattung und der Platz auf einem katholischen Friedhof zu versagen sei. 1917 wurde diese Entscheidung kanonisches Recht. Hier jedoch hat sich die Katholische Kirche gewandelt. 1963 hob sie das Verbot der Feuerbestattung auf. Die Katholische Kirche empfiehlt die Erdbestattung. Und sie toleriert die Feuerbestattung, sofern sie nicht aus Protest gegen die Hoffnung auf die Auferstehung vorgenommen werde.

Die Evangelische Kirche reagierte zunächst etwas zögerlich. Dann aber erklärte sie recht bald die Feuerbestattung für einen Vorgang, der den Glauben nicht berühre. Denn sie stehe in keinem notwendigen Gegensatz zur christlichen Auferstehungshoffnung. Die leibliche Auferstehung werde durch Feuerbestattung so wenig gehindert wie durch die natürliche Verwesung. Damit entfallen die theologischen Gesichtspunkte für eine spezifisch kirchliche Stellungnahme. Und damit werden andere Beweggründe für die Feuerbestattung akzeptiert: seien sie finanzieller, praktischer oder ästhetischer Natur.

Es ist freilich nicht zu verkennen, dass die Feuerbestattung für den Prozess der Trauer Nachteile bietet. Zunächst erschwert die Wartezeit zwischen Gottesdienst und Urnenbeisetzung den Trauerprozess für die Angehörigen. Zudem zwingt die Verkleinerung des verstorbenen Menschen auf einen Urneninhalt dazu, von der körperlichen Gestalt abzusehen. Gerade der leibliche Mensch aber erfährt sich als Geschöpf Gottes. Der Dienst der Kirche bei Bestattungen sollte das berücksichtigen. Er sollte die Unverwechselbarkeit des Verstorbenen zum Vorschein bringen. Und seine Identität, die durch den Namen bezeichnet ist.

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