Deutliche Worte für Gerabronn

Den Blick öffnen und Denkgewohnheiten durchbrechen - das hatte sich Franz Raßl für seinen Rundgang durch Gerabronn vorgenommen. Der Bildhauer fand an vielen Stellen deutliche Worte.

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Die "Lamm"-Scheune kann sich mancher Gerabronner eines Tages als Markthalle vorstellen.

Beispiel Marktplatz: Das vor Jahren bei der Stadtsanierung zwischen dem "Lamm" und der Kirche verlegte Pflaster bezeichnet Raßl als "Notdurft" und "Katastrophe". "Das ist betoniert in die Hose gegangen", meinte er am Samstag beim Stadtrundgang, zu dem die Begegnungsstätte "Offen-Bar" eingeladen hatte. Gleich nebenan bemängelte Raßl, dass an der Mauer um den Brunnen vor der Kirche die Steine auseinanderfallen. Diesen Brunnen wiederum habe ein mit Kreide aufgezeichnetes männliches Genital geziert, das mehr als zehn Jahre lang niemand entfernt habe - "Wurstigkeit" diagnostizierte der Bildhauer hier.

Dabei war es dem Künstler, der seit mehr als 30 Jahren in Gerabronn lebt, gar nicht um einen verbalen Rundumschlag gegangen. Vielmehr ging es ihm - in Fortsetzung eines Diskussionsabends in der "Offen-Bar" zu Fragen der Stadtentwicklung - darum, dass sich ein Kreis von Bürgern zusammenfindet, die ihre Ideen einbringen und der Frage nachgehen: "Was wollen wir für diese Stadt?".

Franz Raßl wollte vor allem der Gewöhnung entgegenwirken. Dies wurde schon beim ersten Objekt der Besichtigungstour deutlich: bei der Baulücke, die gegenüber der Volksbank klafft, dort wo vor Jahren das Haus Schwaderer abgerissen wurde. "Man gewöhnt sich daran, dass da nichts mehr ist", bedauerte Raßl. Diesen Gewöhnungseffekt stellte Raßl immer wieder fest, sei es bei einem ehemaligen Bauernhof mitten in der Stadt, beim ehemaligen Penny-Markt in der Schulstraße oder bei einem ehemaligen Blumenladen in der Hauptstraße.

Als eine "bildnerische Katastrophe", geeignet für einen Horrorfilm, bezeichnete Raßl den Weg zwischen dem evangelischen Gemeindehaus und der Gartenstraße, auf dem der Fußgänger zwischen Zäunen eingezwängt sei. Raßl verschonte auch das Gerabronner Wahrzeichen nicht, den Gerhiltebrunnen in der Unteren Gasse, der bezeichnenderweise gerade von einem Auto zugeparkt war. Der Brunnen befinde sich in einer "stiefmütterlichen Situation" und bedürfe einer Aufwertung, erläuterte Raßl den fast 50 Teilnehmern seines Rundgangs, der über zwei Stunden dauerte. Während der Tour entwickelten sich immer wieder Diskussionen, in denen nicht alles, was Raßl vortrug, ohne Widerspruch blieb. Doch die meisten Teilnehmer waren sich darin einig, dass Gerabronn eine vorausschauende Planung über mindestens den Zeitraum einer Generation brauche.

Welche Rolle die Zeit in der Stadtentwicklung spielen kann, wurde beim Blick auf das soeben renovierte Oberamt in der Hauptstraße deutlich. "Das Gebäude ist saniert worden, dass man sich daran freuen kann und dass man dafür dankbar sein kann", meinte Raßl. Zuvor jedoch habe es die Familie Hohbaum jahrzehntelang vor dem Verfall bewahrt.

Nicht weniger Lob fand das Anwesen Rosenthal in der Kirchgasse, das samt Scheune liebevoll hergerichtet worden ist. Von hier ging der Blick zur "Lamm"-Scheune, von dem sich mancher Teilnehmer vorstellen kann, dass sie eines Tages als Markthalle dienen könnte. Und nur um die Ecke führte der Weg auch in die Kirchgasse zwischen Kirche und Grabenstraße, die zwar einen desolaten Eindruck erweckt, für Franz Raßl aber ein "traumhaftes Ensemble" ist, bei dem man sich nicht vom jetzigen Zustand täuschen lassen dürfe.

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