Der Schwan stirbt

Acht Jahre stand der Gasthof Schwanen leer. Ein Käufer hatte sich nicht gefunden. Nicht einmal verschenken ließ sich das historische, aber marode Obersontheimer Gebäude. Jetzt wurde es abgebrochen.

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Vom ehemaligen Gasthaus Schwanen in der Obersontheimer Ortsmitte ist heute nicht mehr viel zu sehen. Mit dem Bagger werden Baustoffe wie Balken, Träger und Steine getrennt. Das Bild entstand während der Abbrucharbeiten. Foto: Ufuk Arslan

Etwas wehmütig ist Werner Unfried schon. Schließlich ist der Gasthof Schwanen sein Elternhaus. "Es ist nicht schön, wenn das fällt", meint der pensionierte Lehrer. Er habe glückliche Jahre dort verbracht. Auf der anderen Seite überwiege die Erleichterung, nicht mehr verantwortlich dafür zu sein. Sieben Jahre habe er mit dem Denkmalschutz gekämpft.

Werner Unfried hätte das Haus gern erhalten, aber das sei einfach zu teuer. "Das ist ein Fass ohne Boden", stellt er fest. Gern hätte er das Haus verschenkt, aber er fand niemanden. Auch dem Freilandmuseum in Wackershofen habe er das Haus angedient. Das wollte es aber auch nicht. Immer wieder hat Werner Unfried Reparaturen am Dach ausführen lassen. Zuletzt musste ein Netz darüber gespannt werden, damit niemand durch herunterfallende Ziegel zu Schaden kommt.

Seit im Jahr 2006 seine Mutter starb, war der Gasthof geschlossen. Die Eltern hatten die Wirtschaft 1950 in dritter Generation übernommen. Der erste Gastwirt aus seiner Familie war sein Urgroßvater mütterlicherseits, der den Schwanen 1888 kaufte.

Der Hauptbau mit dem Giebel Richtung Straße stammt aus 1540-er Jahren. Das Gebälk ist eine einmalige Konstruktion: freitragend über rund 16 Meter Länge und 13 Meter Breite. Deshalb war der Dachstuhl historisch gesehen wertvoll. Das bestätigt Friedrich Kurr, der im Schwäbisch Haller Landratsamt für Denkmalschutz zuständig ist. Der jetzige Abriss erfolgt in Absprache mit dem Amt, weil sich niemand fand, der das Haus restauriert. Rund eineinhalb bis zwei Millionen Euro wären dafür nötig gewesen. Es habe zudem die Gefahr bestanden, dass die vordere Hausmauer auf die Straße drückt und abrutscht, erläutert Denkmalexperte Kurr. Inzwischen ist das Gebäude schon mehr als zur Hälfte abgerissen und ein Schuttberg türmt sich oberhalb der Straße auf. Alles läuft nach Plan. "Die machen das richtig professionell. Da fällt kaum etwas auf die Straße", stellt Bürgermeister Siegfried Trittner fest, der von seiner Amtsstube im Rathaus die Baustelle im Blick hat.

Wegen der feuchten Witterung staubt es beim Abriss des Gebäudes kaum. Doch für alle Fälle liegt ein Wasserschlauch bereit. Auch der Lärm hält sich in Grenzen. "Das Problem ist das Sortieren und Entsorgen: Erde, Steine und Holz - das Haus ist aus Fachwerk mit Decken und Böden aus Holz und Lehm", sagt der Baggerfahrer. Noch etwa zwei Wochen sind die Arbeiter wohl beschäftigt, dann ist die Ortsdurchfahrt wieder ungehindert befahrbar. Auch wenn das Haus unwiederbringlich verloren ist, hat das Denkmalschutzamt dafür gesorgt, dass ein Bauhistoriker das Gebäude samt Innenleben dokumentiert.

Einiges hat auch Werner Unfried zu erzählen, der 1947 dort geboren wurde. Damals hatte der Schwanen oben noch einen Tanzboden. Bald danach sind dort Wände errichtet worden und seine Großtante zog in die 120 Quadratmeter große Wohnung ein. Sie führte unten im Haus ein Kolonialwarengeschäft.

In seiner Kindheit wurde das geräumige Haus von der ganzen Großfamilie bewohnt: Großeltern, Eltern, Großtante und Knechte für die Landwirtschaft, die die Eltern neben der Gaststätte betrieben. Außerdem gehörte auch noch die Metzgerei dazu, die der Vater führte. Oft feierten große Gesellschaften mit 60 bis 80 Leuten im Schwanen Hochzeit oder Konfirmation. "Wenn es noch mehr Gäste waren, kam das ausgeräumte Wohnzimmer als Nebenraum dazu", erinnert sich Unfried, der heute in Hüttlingen im Ostalbkreis lebt.

Neben Fotos bleibt als Erinnerung an sein Geburtshaus das metallene Aushängeschild des Schwanen. "Das möchte mein Sohn in Ehren halten", so Unfried, der das Areal an die Gemeinde verkaufen will. "Etwas Bauliches ist dort nicht geplant", verspricht der Bürgermeister. Auf alle Fälle wird der Bereich um das Hospital mit dem freien Blick aufs Schloss attraktiver.

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