Der mit der Wurst tanzt Über Schweinemetzger aus Hohenlohe

Alles Wurst. Das war das Motto des Vortragsabends, zu dem der Liederkranz Ilshofen am Freitag lud. Denn die Wurst aus Hohenlohe hat im 19. Jahrhundert in England eine ganz eigene Karriere hingelegt.

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Karl-Heinz Wüstner ist passionierter Heimatforscher. Er hat sich der Wurst verschrieben - der Hohenloher Wurst in England. Denn Karl-Heinz Wüstner hat herausgefunden, dass im 19. Jahrhundert Hunderte von Hohenlohern nach England ausgewandert sind, um dort als Schweinemetzger zu arbeiten. "Als Metzger war man Geschäftsmann. Das war für viele der Bauernburschen ein sozialer Aufstieg", erklärt Wüstner. Und den englischen Arbeiterfrauen kam der deutsche "pork butcher" grade recht. "Sie arbeiteten oft, hatten keine Zeit zum Kochen. Und in den wachsenden Industriestädten war kein Platz für Schweinehaltung."

Die deutschen Metzger stießen also in eine Marktlücke, die ihnen schnell Wohlstand verschaffte. "Das sprach sich rum", sagt der Heimatforscher den knapp 50 Besuchern, die ins Ilshofener Feuerwehrmagazin gekommen waren. Akribisch hat Wüstner die Archive durchstöbert und festgestellt, dass es kaum ein Hohenloher Dorf gab, aus dem nicht mindestens einer nach England gegangen war.

Selbst den ersten Auswanderern kam er auf die Spur. Es waren wohl die Brüder Ebert aus Künzelsau, die sich um 1820 in Sheffield niederließen. "Beide kamen in gute Verhältnisse", wie eine alte Chronik vermerkt. Das vermeldeten die Brüder natürlich nach Hause, und bald folgten Verwandte und Freunde nach.

Auf diese ganz spezielle Migration ist Wüstner nur durch Zufall gestoßen. Als Heimatforscher hat er sich intensiv mit Hohenloher Bauernschränken auseinander gesetzt. Auf der Suche nach den Schreinern stieß er in Familienchroniken immer wieder auf den Satz: "Ist in England Metzger geworden"; oder: "Hat in England einen Metzger geheiratet". Eines Tages gab ihm ein Verwandter aus Irland ein Buch über deutsche Schweinemetzger in England. "Ich erkannte, dass diese Deutschen vor allem aus Hohenlohe stammten." So kam Wüstner einer Migrationsbewegung auf die Spur, die die Forschung bislang nicht erkannt hatte. Er vergrub sich jahrelang in deutsche und englische Archive, wertete Briefe aus, sichtete Fotos. Heute reist er zu Kongressen, hält als anerkannter Experte Vorträge in Deutschland, England und den USA.

Denn die Geschichte der Hohenloher Metzger ist spannend und tragisch zugleich. Bis zum ersten Weltkrieg waren sie angesehene Geschäftsleute. Nachdem aber die Lusitania mit über 1000 Zivilisten an Bord von den Deutschen versenkt worden war, kippte die Stimmung. Einst treue Kunden warfen Schaufenster ein; die Metzger wurden auf der Isle of Man interniert.

Nach dem Krieg kamen viele als gebrochene Männer zurück. Andere blieben in England, vor allem diejenigen, die früh die englische Staatsbürgerschaft angenommen hatten. "Die haben oft ihren Namen geändert. Sie hießen dann nicht mehr Grün sondern Green", weiß Wüstner. "Insgesamt erfolgte nach dem Krieg der Niedergang der deutschen Schweinemetzger in England. Von den viel gepriesenen Spezialitäten sei nichts geblieben.

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