Der Mensch ist immer ein Spielender

Gedanken zum Sonntag von Pfarrer Wolfram Niethammer vom evangelischen Pfarramt Rechenberg.

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Im Spiel findet der Mensch zu seiner schöpfungsgemäßen Bestimmung. Archivfoto: dpa

Spiele für Kinder und aber auch für Erwachsene gibt es wie Sand am Meer. Brettspiele wie "Mensch ärgere dich nicht" oder "Monopoly" gehören seit Jahrzehnten zu den Klassikern unter den Spielen. Andere Spiele wie Schach sind noch viel älter und werden in der ganzen Welt gespielt. Heute sind Computerspiele in, die man entweder allein an seinem Laptop oder über das Internet mit und gegen andere spielt. Der Mensch ist vielleicht nicht immer ein Homo prudens (Weiser), aber immer ein Homo ludens (Spielender). Nirgendwo entspannt sich ein gestresster Zeitgenosse so sehr wie beim selbstvergessenen Spiel.

Gleichzeitig kann man als gegenläufige Entwicklung beobachten, dass viele Erwachsene mit dem Verlust der Kindheit auch das Spielen verloren haben. Sie kümmern sich nur noch um den "Ernst des Lebens" und haben deshalb manchmal sogar das Lachen verlernt. Entwicklungspsychologisch steht das Spielen im individuellen menschlichen Lebenslauf lange vor dem Eintritt in das Arbeits- und Berufsleben. Aus dem Spiel erwächst das Lernen, das zunächst ein spielerisches Lernen im Kindergarten- und Grundschulbereich ist. In der weiteren Schullaufbahn treten die spielerischen Elemente des Lernens immer stärker zugunsten eines theoretisch-abstrakten und praktisch orientierten Lernens in den Hintergrund. Das Lernen wird immer stärker von den Erfordernissen der Arbeits- und Berufswelt dominiert.

Auch in biblisch-theologischer Hinsicht ist der Vorrang des Spielens vor der Arbeit auszumachen. Auf den ersten Seiten der Bibel lesen wir von Adam und Eva im Paradies. Diese beiden ersten Menschen hatten die schöne Aufgabe, den Garten Eden zu bebauen und bewahren. Dies werden sie in Freude mit Spiel und Spaß getan haben. Erst nach ihrer Vertreibung aus dem Paradies heißt es dann, dass der Mensch im Schweiße seines Angesichts sein Brot essen und sich mit Mühsal vom Acker ernähren soll. Die "Erfindung" der Arbeit darf daher im biblisch-theologischen Sinne durchaus als ein Produkt des Sündenfalls des Menschen gesehen werden. Nicht umsonst träumen die meisten Menschen von einem sorgenfreien Leben ohne Arbeit, möglichst im Liegestuhl an einem weißen Sandstrand unter Palmen mit Blick auf das herrlich blaue Meer.

Arbeit - und übrigens auch Schule - ist also eine nachparadiesische Erfindung, während das Spielen in Gottes großem Schöpfungsgarten dem Menschen von Anfang an zu eigen ist. Wer spielt, lässt seine Arbeit ruhen und erlebt einen paradiesischen Zustand. Freilich gehören Arbeit und Leistung in unserer nachparadiesischen Welt selbstverständlich zu unserem Leben, schenken Sinn und Erfüllung. Nicht umsonst kann man die Teilhabe an Arbeit zu den menschlichen Grundrechten zählen.

Doch erinnert das Spielen daran, dass der Mensch eben mehr ist als nur ein arbeitendes Wesen, dass das Leben Wert und Sinn auch jenseits der Leistungsfähigkeit besitzt. So wichtig und wertvoll Arbeit und Leistung für unsere Gesellschaft sein mögen, findet der Mensch erst im selbstvergessenen Spiel zu seiner ursprünglichen schöpfungsgemäßen Bestimmung, nämlich zu sich selbst, zu seinem Nächsten und zu Gott.

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