Der Mensch hinter der Bombe

Sind Sprengstoffattacken und politische Morde moralisch zu rechtfertigen? Die Esslinger Inszenierung hat am Samstag in Ilshofen in Albert Camus" Schauspiel die menschliche Seite des Terrorismus gezeigt.

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Ein Mann und eine Frau auf der Bühne. Sie stellen eine Gewissensfrage: Ist Töten manchmal gerechtfertigt?

"Regisseur Lutz Gotter hat die Inszenierung unter das Leitmotiv Liebe, Traum und Utopie" gesetzt, das soll beim Zuschauer Hirn und Herz berühren", erklärte die Dramaturgin der Württembergischen Landesbühne Esslingen, Katrin Enders. Sie führte vor Beginn der Aufführung die Besucher im Rathausfoyer in das Stück ein.

Mit einer kuscheligen Wohlfühl-Kulisse - gestaltet wie eine goldene Blase oder eine einladende Musikmuschel - empfing das Bühnenbild von Tilo Steffens das zahlreiche Publikum in der Stadthalle. Die heimelige textile Höhle zeigte die konspirative Wohnung der fünf russischen Anarchisten, die einen Bombenanschlag auf den Großfürsten Sergius planen. Vier Männer, eine Frau, fünf Charaktere, aber alle bereit, die Bombe zu werfen und sogar selber zu sterben für die Idee der sozialen Gerechtigkeit. Aber keiner von ihnen ist wirklich ein eiskalter Mörder, jeder hat seinen schwachen Moment. Janek gleich zu Beginn. Nils Hillebrand verkörpert den jungen Revolutionär, der das Leben liebt und sich einredet, keinen Menschen sondern einen Tyrannen zu töten. Janek versagt, als er die Neffen des Großfürsten mit in der Kutsche sitzen sieht: "Kinder zu töten ist gegen die Ehre!"

Der zweite Anschlag wird geplant, und Alexej verlässt der Mut. "Ich habe mir zu viel vorgenommen", lässt Jochen Neupert ihn resignieren. Frank Erhardt stellt den fanatisch entschlossenen Stepan dar: "Terror ist nichts für zarte Gemüter." Doch in Erinnerung an frühere Qualen sinkt auch er für einen Moment in die Arme von Dora, die sich zwar Janek verbunden fühlt, nun aber Stepan versichert: "Ich liebe auch dich." Bei Nadine Ehrenreich schwankt die Figur zwischen eilfertiger Sekretärin der Terrororganisation und empfindsamer Frau: "Liebe träumt von Erwiderung." Ihr gelingt die wohl eindrucksvollste Szene, als sie erfährt, dass Janek, der die Bombe dann doch geworfen hat, für seine Tat gehängt wurde. Damit ist er nach ihrem Verständnis kein Mörder mehr. Doch ihr mehrfaches triumphierendes "Ja" gerät zum Verzweiflungsschrei.

Dem Ensemble gelang eine eindringliche Aufführung, die vom Publikum mit reichlich Applaus gewürdigt wurde. Mitbeteiligt auch Nils Thorben Bartling als sachlicher Chef der Gruppe, Lothar Bobbe, ein sympathischer Polizeipräsident und Beatrice Boca als versöhnungsbereite Großfürstin. Dietrich Schulz verlieh dem Mitgefangenen Foka wenig Empathie, kann der doch als Henker seine Haftzeit verkürzen und wird somit zum einzigen eiskalten Vollstrecker.

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