Der fünfte Zug aus Hinterwald

Entgegen ihrem Namen bestens informiert ist die Hinterwälder Feuerwehrkapelle. Nach altfränkischem Vorbild erzählen, spielen und besingen die Mitglieder Kuriositäten aus Bühlerzell beim Fasching.

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Leihgaben aus dem Haller Feuerwehrmuseum für den Fasching: Wolfgang Schmid (links) begutachtet einen messingfarbenen Helm, während Michael Straub (rechts) schon den Halsbügel an einem klassisch schwarzen Modell öffnet. Foto: Arslan

Samstagabend, 19 Uhr, Rudolf-Mühleck-Halle. Die Hinterwälder Feuerwehrkapelle hat in einer halben Stunde Hauptprobe. Die Männer kommen zeitig. Sehen aber müde aus. Gestern war Dirndlfasching. Heute früh Aufräumen, heute Mittag Wagenbauen. Das steckt in den Gliedern. Fasching verlangt höchste Einsatzbereitschaft.

Erwin Funk (61) schleppt derweil große Umzugskartons in die Halle. Gefüllt mit Feuerwehrhosen und Uniformröcken. Der Karton mit den Knobelbechern ist schwer. Denn die Schlupfstiefel sind teilweise so alt, dass ihre Ledersohlen noch mit Nägeln und einem hufförmigen Absatzeisen gegen Abnutzung geschützt sind. Der Karton mit den Feuerwehrgürteln ist noch schwerer. Warum, das wird beim Auspacken klar: Es sind Breitgurte aus echtem Leder mit eisernen Ösen und Karabinerhaken - ausgeliehen vom Haller Feuerwehrmuseum.

Kaum einem reicht der Gürtel um die Taille. "Früher waret se halt net so rausgfressa wie ihr", kommentiert Funk mit trockenem Humor die verzweifelte Suche seiner Musiker nach einem passenden Exemplar. Tenorhornist Wolfgang Schmid fehlen 20 Zentimeter zum Gürtelglück. Alle werden nebeneinander gelegt. Der längste passt.

Fündig ziehen sie weiter zum Karton mit den Feuerwehrhelmen. Auch die kommen aus dem Feuerwehrmuseum. Sänger Willi Rieg (65) wird als Dienstältester, wie in den Vorjahren, ein alter Kommandantenhelm mit Rosshaarschmuck verpasst. "Der steht dir ausgezeichnet", kommentiert Bassist Michael Schmid (45).

Mittlerweile hat Hausmeister Uwe Schulz die Mikrofone installiert und wartet auf den Soundcheck. Die Probe kann beginnen. Bemüht, ihre neue Rolle zu verinnerlichen, marschieren die Männer zur Bühne. Sie hinken, schwanken, marschieren übertrieben gestelzt und grinsen dabei frech. Eben der aus Hinterwald stammende fiktive fünfte Zug, ein Trupp, kampferprobt, musikalisch und gut.

Funk bleibt im Zuschauerraum. Er ist der Texter im Hintergrund, auch Ideengeber, Bühnenbildner und Kostümorganisator. Bereits Anfang Dezember waren die Texte fertig, silbengenau auf die verschiedenen Musikstücke umgedichtet. "Wenn ich ein Thema habe, suche ich immer zuerst eine dazu passende Melodie, bevor ich ans Texten gehe", erklärt er den Entwicklungsprozess. Als Beispiel nennt er die Stuttgart 21-Geschichte, die er letztes Jahr auf die Melodie von "Auf der schwäbischa Eisenbahna" in einem langsameren angepassten Bahntempo gesetzt hat.

Er sitze im Wohnzimmer, einen Zettel auf dem Schoß und summe die Melodie so lange vor sich her, bis sich die Worte fast von alleine fänden. Den Schmierzettel tippe er im Arbeitszimmer in den Computer und schicke alles an Michael Straub (23), den musikalischen Leiter der Feuerwehrkapelle.

Straub schreibt mithilfe eines Notensatzprogramms für jedes Instrument die passende Partitur. Anfang Januar geht die fertige Nummer an die Musikanten und Sänger. Bernd Funk (36) ist einer der Sänger. Neben seiner Stimme braucht er heute vor allem das Textblatt. "Ans auswendig Singen denke ich erst kurz vor Schluss", sagt der Guggenchef. Zwei Tage vor dem Auftritt fange er an, singend durchs Haus zu laufen. Kurz nachdem seine Töchter Anna und Amelie den Text drauf hätten, habe auch er es meist geschafft.

Posaunist Patrick Kiesel (22) ist der Erzähler. "Erzählen darf man vom Blatt, da hab ichs deutlich einfacher", freut sich der Maschinenbaustudent. "Du hosch wieder amol da oifachschta Job!", foppt ihn Michael Müller (16) und schultert die große Trommel. Denn aus dem Zuschauerraum kommt das Startsignal zum Probenstart von Erwin Funk.

Gefolgt von einem zaghaften "Bühlerzell, awa!" von seiner eineinhalb jährigen Enkeltocher Lotta. Für sie ist die Hauptprobe die Aufführung. Denn wenn morgen Abend um kurz vor 21 Uhr die Hinterwälder Feuerwehrkapelle auf die Bühne am Programmfasching marschiert, liegt sie schon lang im Bett.

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