Der Begüterte soll nicht zu viel haben

Gedanken zum Sonntag von Dekan Siegfried Jahn.

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Jährlich werden in Deutschland elf Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen. Haben wir in unserem Reichtum noch das rechte Maß?  Foto: 

Unser täglich Brot gib uns heute: Diese Bitte aus dem Vaterunser-Gebet steht am Wochenende in der Mitte des Landesmissionsfestes in Blaufelden. Sie geht uns oft über die Lippen, ohne zu wissen, was wir beten. Was bedeutet sie? Stellen wir dem Reformator Martin Luther diese Frage, so antwortet er: Brot ist "alles, was zu Leibes Nahrung und Notdurft gehört, als Essen, Trinken, Kleider, Schuhe, Haus, Hof, Acker. . .", einfach die wichtigsten Grundlagen, die unser rein physisches Leben ernähren und möglich machen. Und diese Grundlage als Basis für alle einzufordern, ist ein vorrangiges Anliegen für die Kirche Jesu Christi. Denn nicht ein einziges Mal heißt es in diesem Gebet "mein", "mir", sondern immer "uns" und "unser".

Der Mensch wird als ein Geschöpf verstanden, das nur in der Gemeinschaft lebensfähig ist. Es muss uns darum auf den Nägeln brennen, dass jedes Jahr 8,8 Millionen Menschen weltweit, darunter 11 000 Kinder pro Tag, an zu wenig Brot sterben. Und dass in Deutschland wiederum elf Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen werden. Jeder deutsche Einwohner wirft jährlich Nahrungsmittel im Wert von etwa 235 Euro in die Tonne. Würden wir das, wenn es bares Geld wäre, noch tun?

Luther geht mit seiner Antwort über das Leibliche noch hinaus. Auch Menschen gehören zu unserem Leben wie "fromme Kinder, . . .] gut Regiment, gut Wetter, . . .] Friede, gute Freunde, getreue Nachbarn". Mit "Brot" sind auch Rahmenbedingungen gemeint, auf die wir uns verlassen können müssen. Und es sind wichtige Menschen gemeint. Man könnte auch bitten: Unseren täglichen Nachbarn, unsere täglichen Freunde gib uns heute. Unser Leben braucht neben der Stärkung des Leibes auch das Miteinander der Menschen. Auch das dürfen wir Gott bitten, dass er es uns gibt. Denn Gott setzt uns in Gemeinschaft zueinander!

Was aber ist mit "täglich" gemeint? Bedeutet es "heute"? Wenn man der Herkunft dieses Wortes nachgeht, kommt dabei etwas anderes heraus. Das Wort "täglich" kommt im ganzen Neuen Testament nur im Vaterunser vor und bietet keine Anhaltspunkte. Eine Geschichte des Alten Testaments jedoch ist erhellend, nämlich die Speisung mit Manna und Wachteln (2. Mose 16). Jesus scheint sich mit der Bitte um das "tägliche" Brot auf diese Erzählung zu beziehen: Das Volk Israel geht sechs Wochen nach dem Auszug aus Ägypten in den Aufstand. Es bezichtigt Mose, es in die Irre geführt zu haben. Hunger und Entbehrungen jedweder Art scheinen den Menschen den Kopf zu verdrehen und machen in der Rückerinnerung der Israeliten aus der Sklavenzeit in Ägypten eine Oasenzeit. Ein Zeichen dafür, wie stark Hunger Einfluss nehmen kann auf das Denken und Verhalten von uns Menschen! Gott jedoch reagiert auf dieses Murren des Volkes mit einer wundersamen Versorgung: Er ernährt sein Volk mit Manna. Jeder soll täglich sammeln, was er "für den Tag bedarf" (Vers 4). Das also heißt täglich: Es ist keine Zeitangabe im Sinne von heute, sondern eine Mengenangabe: So viel, wie man für den Tag braucht.

Mit diesem kleinen Wort entsteht genau eine Anfrage an unsere Lebenshaltung: Ob nämlich das Maß, mit dem wir unsere Bedarfe beurteilen, nicht völlig überzogen ist. Die Nachkriegsgenerationen unseres Landes sind mit einem Wohlstand aufgewachsen, der seinesgleichen sucht. Und deshalb stellt sich die Frage der Gerechtigkeit bei uns zurecht so deutlich: Ist es denn noch maßvoll, wenn die Managergehälter explodieren und die Mitarbeiterentlassungen nur dazu dienen, den Dow Jones und den DAX an der Börse zu halten!? Ist es denn recht, wenn die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht?

In unserer alttestamentlichen Geschichte heißt es: "Aber als mans nachmaß, hatte der nicht darüber, der viel gesammelt hatte und der nicht darunter, der wenig gesammelt hatte." Es gibt also Grenzen, die mit ihrer Maßhaltung das Leben der Gemeinschaft in Frieden und Gerechtigkeit erhalten: Der Geringe soll nicht zu wenig und der Begüterte nicht zu viel haben. Deshalb müssen wir uns fragen lassen, wo wir stehen. Ob wir noch übrig haben, anderen helfen zu können, wenn unser täglicher Bedarf bereits gedeckt ist. Allzumal dann müssen wir es uns fragen, wenn man unter Brot auch den Glauben an Jesus versteht und er uns die Bitte für das Tägliche in den Mund legt. Ein Leben unter dieser Bitte verschafft der Armut eine Grenze und dem Reichtum ein freigiebiges Maß.

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