Demenz hat vor Elsa Keller nicht haltgemacht

Ein Tier mit G? Die blau geäderten Hände sind zu Fäusten geballt. Sie zittern in ihrem Schoß. Mit G? Die linke Hand wackelt noch stärker. G? Gerade hatten wir einen Fuchs. Was passt zu Fuchs? Fuchs, du hast die. . .? "Gans." Da ist sie endlich, die Gans. Und das Zittern ist weg.

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  • Ein 85 Jahre langes Leben hinterlässt Spuren: Kellers Hände sind meistens zu Fäusten geballt. Gymnastik hilft ihr, sie beweglich zu halten. 1/3
    Ein 85 Jahre langes Leben hinterlässt Spuren: Kellers Hände sind meistens zu Fäusten geballt. Gymnastik hilft ihr, sie beweglich zu halten. Foto: 
  • Fit halten: Keller beim "Glockenläuten" in der "Lichtblick"-Gruppe. 2/3
    Fit halten: Keller beim "Glockenläuten" in der "Lichtblick"-Gruppe. Foto: 
  • Elsa Keller sitzt in ihrem Lieblingssessel im Wohnzimmer ihrer Tochter. Von dort aus sieht sie fern oder beobachtet ihre Tochter bei der Hausarbeit. 3/3
    Elsa Keller sitzt in ihrem Lieblingssessel im Wohnzimmer ihrer Tochter. Von dort aus sieht sie fern oder beobachtet ihre Tochter bei der Hausarbeit. Foto: 
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Es ist Donnerstag und die 82-jährige Elsa Keller sitzt wie jede Woche im "Lichtblick", einer Betreuungsgruppe für demenziell erkrankte Menschen, die zu Hause gepflegt werden. Der Crailsheimerin fällt es schwer, zu verstehen, was die Betreuerinnen von ihr wollen. Den Text eines alten Kinderliedes hat sie aber immer parat.

Ihre Erkrankung begann vor fünf Jahren, als sie ihren ersten Schlaganfall erlitt. Damals lebte sie noch in Rot am See. "Sie lief verwirrt auf der Straße herum, bis ein Bekannter sie gesehen und meinem Bruder Bescheid gesagt hat", erzählt Barbara Löw, Elsa Kellers 52-jährige Tochter. Ihr Bruder, der in Rot am See wohnt, rief sie an: "Da stimmt was nicht." Barbara Löw setzte sich ins Auto und fuhr los. "Wissen Sie, wie das ist, wenn jemand einen Schlaganfall hat? Sie hat durch mich hindurch gesehen." Eine Erinnerung, die bleibt. Elsa Keller kommt ins Krankenhaus. Ihrer Tochter sagt man dort, dass sie sich überlegen müsse, was sie mit ihrer Mutter nach dem Aufenthalt macht.

Was macht man mit einer Frau, die zwar alleine wohnen kann, aber betreut werden muss? Weil sie ihren Tag nicht alleine planen kann. Weil sie Hilfe im Alltag braucht. Barbara Löw hat sich entschieden, ihre Mutter selbst zu pflegen.

Im "Lichtblick", einem sogenannten niederschwelligen Angebot des Crailsheimer Wolfgangstifts, steht Gymnastik auf dem Programm. Ronny Witthuhn, der eine Ausbildung zum Altenpfleger in der Einrichtung der Evangelischen Heimstiftung macht, turnt vor. Die Teilnehmer sollen abwechselnd mit den Beinen aufstampfen und dazu die Arme bewegen. So schnell bricht die Gruppe im Chor mit "Das Wandern ist des Müllers Lust" los, dass schwer zu sagen ist, wer die Assoziation zuerst hatte. Einmal auswendig gelernt, gibt das Gedächtnis die alten Liedtexte nie wieder her - aller Demenz zum Trotz. Die sieben Frauen und zwei Männer recken die Arme nach oben, ahmen das Glockenläuten nach, das viele noch aus ihrer Kindheit kennen. Während einige Anekdoten darüber austauschen, wie die Jungs im Dorf früher im Kirchturm an den Seilen hingen, blickt Elsa Keller verstohlen zu Azubi Ronny hinüber und schaut sich die Bewegungen ab.

Aber der Alltag? Wie bewältigt man ihn mit einer dementen Mutter an seiner Seite? Barbara Löw geht jeden Morgen die paar Meter die Straße runter, zur Wohnung ihrer Mutter, und wirft sie aus den Federn. "Ich sage dann Sätze wie ,Komm, jetzt mal raus aus der Koje! oder ,Du bist ja immer noch in der Falle!, natürlich mit einem Augenzwinkern", erzählt sie am Kaffeetisch bei sich zu Hause. Ihre Mutter sitzt neben ihr und lächelt, als sie das hört, gelöst und unbeschwert. Sobald die Mutter aufgestanden ist, tastet die Tochter kurz die Matratze ab. Sei sie nass, fackele sie nicht lange und wechsele die Laken. Während sie spricht, sieht sie ihre Mutter an und beugt sich ein Stück zu ihr hinüber. "Das ist nicht schlimm", sagt Elsa Keller dann. Und da ist es auch gleich wieder, ihr unbeschwertes Lächeln.

,Natürlich findet sie es nicht schlimm, sie ist ja nicht diejenige, die die Arbeit damit hat - könnte man sagen, wenn man es böse meint. Doch die Realität ist eine andere, eine bessere. Elsa Keller findet es nicht schlimm, wenn das Laken nass ist, weil ihre Tochter es auch nicht schlimm findet. Barbara Löw stellt sich der Situation und macht das Beste daraus. Die Frau mit der blonden Mähne und den graublauen Augen packt zu, wenn es sein muss und lässt locker, wo immer es möglich ist. "Man sollte die Intim- und Privatsphäre dementer Menschen so lange wahren, wie es geht und versuchen, ihre Selbstständigkeit zu erhalten", ist sie überzeugt. "Da muss man sich auch in den Menschen hineinversetzen." Und so geht Elsa Keller immer noch alleine zur Toilette. Ihre Tochter schaut lediglich nach dem Rechten.

Nach Muskel- und Gedächtnistraining geht man im Wolfgangstift zum entspannten Teil über: Kaffeetrinken. Dazu muss die Gruppe in einen anderen Raum, einen Stock tiefer. Die Fahrt mit dem Aufzug dauert lang, er hält immer wieder im falschen Stockwerk. Stress hat hier zum Glück keiner mehr. Unten im Keller führt ein Gang zum Kaffeezimmer. Vorbei am Wäschelabor, dem Elektroraum und einer ausgedienten Badewanne geht es Schrittchen für Schrittchen voran.

Ein entsetzliches Klischee

Im Kaffeezimmer läuft Schlager. Ein entsetzliches Klischee, aber mit dieser Musik sind Elsa Keller und ihre Mitstreiter nun mal aufgewachsen. Die nächste Generation, die sich in diesem Zimmer treffen wird, wird Deep Purple oder die Stones hören. Die übernächste vielleicht Madonna.

Barbara Löw weiß, dass es Menschen gibt, denen es noch schlechter geht als ihrer Mutter. Ein Gedanke, der ihr hilft, den Alltag zu bewältigen. "Wir können gar nicht jammern, sie kann ja noch selbstständig essen", sagt sie. Die 52-Jährige integriert ihre Mutter in ihren Alltag, nimmt sie überall hin mit, zum Einkaufen, zu Arztterminen. Oft ist es stressig: von einem Termin zum nächsten, nach Hause, die Mutter in die Badewanne, Lockenwickler rein, Abendessen kochen, Lockenwickler wieder raus. Einmal im Jahr gibt sie ihre Mutter für drei Wochen in die Kurzzeitpflege des Wolfgangstifts. Das ist der "Urlaub" - für ihre Mutter, aber vor allem auch für sie selbst.

Als sie sie zum ersten Mal in die Kurzzeitpflege geben musste, nach Elsa Kellers zweitem Schlaganfall 2010, habe sie ein schlechtes Gewissen gehabt. Dabei wählen viele pflegende Angehörige diesen Weg, um auch mal uneingeschränkt Zeit für sich selbst zu haben und zur Ruhe zu kommen. "Nach den drei Wochen will sie dann aber wieder heim", erzählt Barbara Löw. Warum? "Weil es mir bei dir so gut geht", sagt Elsa Keller und lächelt, gelöst und unbeschwert.

Im Kaffeezimmer der "Lichtblick"-Gruppe greift Helmut Ruckser, Teilnehmer und ehrenamtlicher Helfer in einem, zu seinem Akkordeon und begleitet die anderen beim Singen. "In München steht ein Hofbräuhaus", das "Kufsteinlied", die Klassiker eben. Elsa Keller schunkelt, wiegt sich im Takt, singt aber nur verhalten mit. Erst bei der Jodelpassage steigt sie richtig ein: "Holara-ri-di-ri-di, holara-di-ro. . ." Zwischendurch lächelt sie gelöst und unbeschwert. Wie das geht, wird sie wohl nie vergessen.

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