Das Leben nach dem Sturm

Drei Monate nach dem Taifun Haiyan herrscht auf den Philippinen noch immer Chaos. Dr. Eva Gellichsheimer half den Menschen auf der Insel Leyte, wenigstens gesundheitlich wieder auf die Füße zu kommen.

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Wind. Viel Wind, der Dächer abdeckt und Palmen zu Boden drückt, als wären sie aus Gummi. Das brachte der Taifun Haiyan. Mit einer Geschwindigkeit von bis zu 380 Kilometern pro Stunde tobte er am 8. November 2013 über die Philippinen hinweg. Besonders schwer traf es die Ostküste der Insel Leyte. Denn dort peitschte der Sturm noch eine Riesenwelle vor sich her. Auch jetzt, drei Monate nach der Katastrophe, herrscht auf Leyte vielerorts noch Chaos. Strommasten hängen schief in der Landschaft. Trümmer liegen herum. Darunter sollen bis heute noch Menschen begraben liegen.

"Am Anfang ist man überwältigt von der Zerstörung. Man realisiert, wie wenig seit dem Taifun passiert ist", erzählt Eva Gellichsheimer. Die Ärztin aus dem Praxicum in Kirchberg war als Katastrophenhelferin in der 200 000-Einwohner-Stadt Tacloban auf Leyte. Die Hilfsorganisation Humedica hat dort nach der Katastrophe das "Mother of Mercy Hospital" übernommen. Dort arbeitete die 30-Jährige vom 15. Januar bis zum 3. Februar mit philippinischen Ärzten und Krankenschwestern sowie "Humedica"-Kollegen .

Obwohl die Bevölkerung nach der Katastrophe von einer Seuche verschont blieb, leiden viele an den Folgen des Taifuns. "Es gibt Verdachtsfälle auf Masern und viele Tuberkulose-Kranke", berichtet Dr. Gellichsheimer. "Eine Patientin war durch die Tuberkulose so abgemagert, dass sie nur noch 29 Kilogramm wog." Die Behandlungen werden durch Spendengelder finanziert. "Viele könnten sich sonst auch keinen Arztbesuch leisten", sagt sie.

Auch das Krankenhaus trägt Spuren des Sturms. Wie beinahe alle Gebäude in Tacloban hat es kein Dach mehr. Strom wird über einen Generator bezogen. Immerhin blieben einige Geräte wie das Röntgen- oder Ultraschallgerät verschont. "Man stellt sich ja vor, dass es fast gar keine medizinische Ausrüstung gibt", erinnert sich die Ärztin.

Dr. Gellichsheimer lebte während ihres Einsatzes in einer Hütte ohne Strom und Wasser. Zum Duschen musste sie Wasser aus einem nahe gelegenen Brunnen holen. Trinken konnte sie das aber nicht. "Das Wasser ist mit Fäkalien verunreinigt", erklärt die Ärztin. Trinkwasser gibt es nur in Kanistern.

Neben der Arbeit im Krankenhaus fuhr die 30-Jährige regelmäßig in entlegene Regionen. "Der Andrang war sehr groß", erzählt sie. An einem Tag behandelte die Ärztin mit einer Kollegin 180 Patienten in sechs Stunden. "Das war schon anstrengend." Allzu sehr habe die Arbeit aber nicht an ihren Kräften gezehrt. "Für mich war es eher belastend, die Zerstörung zu sehen."

Besonders nahegegangen ist Eva Gellichsheimer das Schicksal eines Jungen, der mit einem Augentumor in die Klinik kam. Der Tumor war so weit gewachsen, dass er das linke Auge komplett überwucherte. Aus dem Topf der Notfallhilfe darf kein Geld für sogenannte "planbare Operationen" verwendet werden. In diesem Fall muss Einzelhilfe beantragt werden. "Bei dem kleinen Jungen hat das zum Glück geklappt", freut sich Gellichsheimer.

Doch sie musste auch schon einmal miterleben, wie ein halbseitig gelähmtes Kind ohne Diagnose nach Hause geschickt wurde, weil die Eltern sich die Untersuchung nicht leisten konnten. Ursache für eine solche Lähmung kann beispielsweise Krebs sein. Das war bei einem Hilfsprojekt von "Humedica" in Uganda. Dort arbeitete Gellichsheimer vergangenen September. Wie sie damit klarkommt, manchen Menschen nicht helfen zu können? Eva Gellichsheimer lächelt. Es ist ein trauriges Lächeln. "Das ist schon schwierig." Für die Ärztin ist es selbstverständlich, Menschen zu helfen, die nicht das Glück haben, in einem Land wie Deutschland zu leben, in dem man von Naturkatastrophen weitgehend verschont bleibt und durch das Sozialsystem aufgefangen wird. Für ihren Einsatz in Tacloban hat sie sich extra Urlaub genommen.

"Man bekommt von den Menschen viel zurück", erzählt die 30-Jährige. Manche drückten ihre Dankbarkeit aus, indem sie Gellichsheimer zum Essen einluden. Immer wieder kam sie auch an Plakaten vorbei. "Thank you for your help" (Danke für die Hilfe), stand darauf.

Durch Spenden finanziert

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