Das Leben als Achterbahn: Hilfe für Angehörige psychisch Kranker

Der Angehörigentag in Obersontheim am 15. November beschäftigt sich mit der Pflege psychisch kranker Familienmitglieder. Der Dialog mit anderen Betroffenen kann helfen, sein Schicksal zu ertragen.

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Wenn ein Familienmitglied psychisch erkrankt, bedeutet dies in den meisten Fällen für alle im Familiensystem eine Belastung. Werden die Menschen mit einer psychischen Krankheit von ihren Angehörigen betreut, geraten Familie und Freunde an Belastungsgrenzen. Hinzu kommt, dass das Thema psychische Erkrankungen immer auch mit Schuld, Scham und Ausgrenzung konfrontiert.

Der Weg der Familien, den Erkrankten in einer entsprechenden Einrichtung unterzubringen, ist oft steinig und fast nie gerade. Sie brauchen für den Weg und auch für die spätere Zeit Unterstützung. In Crailsheim gibt es deshalb seit 25 Jahren und in Schwäbisch Hall sogar seit 35 Jahren eine Angehörigengruppe. Seinerzeit von der Caritas eingerichtet und lange Zeit geführt, heute beiderorts vom Sozialpsychiatrischen Dienst betreut.

Der 8. Angehörigentag am Samstag, 15. November, ab 9.30 Uhr bei der Samariterstiftung in Obersontheim (Gaildorfer Straße 31) soll das Jubiläum beider Angehörigengruppen zum Anlass nehmen, sich noch einmal intensiv mit der Situation der Angehörigen von Menschen mit psychischen Erkrankungen zu befassen. Dabei wurde ganz bewusst auf Gespräche zwischen Angehörigen, Patienten und medizinischem Personal gesetzt. In den Gesprächen gehen Psychiatrie-Erfahrene, Angehörige und in der Psychiatrie Tätige jeweils als Experten in eigener Sache aufeinander zu, um voneinander zu lernen.

"Geteiltes Leid ist halbes Leid", sagt Erika S. Ihr Sohn ist heute 51 Jahre alt und arbeitet ehrenamtlich in der Gemeinde als Gärtner. Sie erinnert sich gut an die ersten Jahre, als sie immer noch versucht war, etwas zum Guten für den Sohn und die Familie zu verändern. Mit zwölf Jahren erlitt der Junge einen Autounfall und kam danach nur immer wieder phasenweise auf die Füße.

In den Zeiten dazwischen stellten sich mehr und mehr Psychosen und zwanghaftes Verhalten ein. Einmal ist er auf die eigene Mutter sogar mit einem Küchenhocker losgegangen. "Ich war hilflos, ohnmächtig. Ich wusste einfach nicht mehr, was ich noch machen kann", sagt Erika Scharf. Erst als sie in der Angehörigengruppe merkte, dass es anderen Müttern genauso geht wie ihr, nahmen die Schuldgefühle ab.

Jeden dritten Mittwoch im Monat treffen sich etwa zehn bis zwölf Mütter, Väter und Geschwister von erkrankten Menschen in Schwäbisch Hall. Eine Fachkraft vom Sozialpsychiatrischen Dienst moderiert die Abende. Um Mitsprache der Angehörigen bei der Pflege soll beim Angehörigentag gesprochen werden. Dabei macht Christoph Holl, Pädagogischer Leiter des Samariterstifts Obersontheim deutlich, dass "vor allem, wenn die Patienten volljährig sind, die Angehörigen formal gar kein Mitspracherecht mehr haben, wenn es um die Belange des Patienten geht."

"Das kann eine Mutter nicht verstehen, für sie bleibt das Kind, erst recht, wenn es krank ist, immer Kind", erwidert Ursula Schneider-Eichbaum. Ihr hat es geholfen, zu erfahren, dass andere Mütter wie sie selbst fühlen.

Die Autorin Sabine von Varendorff ist Pressereferentin der Samariterstiftung

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