Das HOHENLOHER TAGBLATT blickt auf das Geschehen am Dienstag zurück

Massenkarambolage auf der A 6: Ex-Bürgermeister, Feuerwehrleute, Rathausmitarbeiter, Bergungsexperten – jeder hat den Unfall bei Ilshofen aus seiner ganz eigenen Perspektive erlebt.

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  • Wie durch ein Wunder ist keiner der Insassen der 19 an der Massenkarambolage beteiligten Pkw schwer verletzt worden, obwohl einige Autos regelrecht zusammengefaltet wurden. 1/3
    Wie durch ein Wunder ist keiner der Insassen der 19 an der Massenkarambolage beteiligten Pkw schwer verletzt worden, obwohl einige Autos regelrecht zusammengefaltet wurden. Foto: 
  • Mühsam arbeiten sich Feuerwehrleute zu eingeklemmten LKW-Fahrern vor. Fotos: Feuerwehr 2/3
    Mühsam arbeiten sich Feuerwehrleute zu eingeklemmten LKW-Fahrern vor. Fotos: Feuerwehr
  • Heiko Sengle hat die Bergung geleitet. Auch der riesige Kran im Hintergrund kam da zum Einsatz. Foto: Sebastian Unbehauen 3/3
    Heiko Sengle hat die Bergung geleitet. Auch der riesige Kran im Hintergrund kam da zum Einsatz. Foto: Sebastian Unbehauen
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Dienstag, 19. Januar 2013 - dieses Datum vergisst Peter Dietz, früherer Bürgermeister von Wallhausen, nicht so schnell. Er ist gerade auf die A 6 aufgefahren, will nach Rosengarten zur Beerdigung von Ex-Bürgermeister Ernst Weidner. Plötzlich ist er von dichtem Rauch umgeben, und dann knallts auch schon vor und hinter ihm. Dietz ist mittendrin in der Massenkarambolage bei Ilshofen, ein Unfall, in den mehr als 30 Fahrzeuge verwickelt sind und bei dem mindestens zwei Menschen umkommen. Das neue Auto von Dietz hat nur noch Schrottwert, er kommt mit dem Schrecken und Rückenschmerzen davon. Dietz bringt sich in Sicherheit und ist dann beeindruckt vom Einsatz der Rettungskräfte. Rund 150 Helferinnen und Helfer sind vor Ort, "da ging alles Hand in Hand und unaufgeregt", ist der Ex-Bürgermeister beeindruckt.

Den Einsatz der Feuerwehren leitet Crailsheims Kommandant Werner Groß. Die Wehren aus Crailsheim und Ilshofen befreien vier in eingedrückten Lkw-Fahrerkabinen eingeklemmte Menschen. In zwei Fällen sind es Bergungen, in zwei Fällen Rettungen. Ein Einsatz ist eine besondere Herausforderung, weil sich Jochen Bolze und Jochen Ekert von der Crailsheimer Wehr mühsam den Weg durch verbogenes Blech zu einem Beifahrer freischneiden und -spreizen müssen. Es dauert fast eine Stunde, bis die beiden erfahrenen Feuerwehrmänner den Mann freibekommen. Mit lebensgefährlichen Verletzungen wird er in eine Klinik geflogen.

Abends, bei der Nachbesprechung des Einsatzes in der Feuerwache in der Gartenstraße, sind die Gedanken der Feuerwehrmänner bei diesem Mann, um dessen Leben jetzt Ärzte kämpfen. Kommandant Groß hat seine Kameraden zusammengerufen, weil er weiß, was in den Stunden danach kommt. Die Bilder vom Unfallort wollen nicht weichen, das Adrenalin im Blut verdrängt die Müdigkeit. Über das Erlebte zu sprechen, hilft bei der Verarbeitung der Eindrücke. Pfarrer Gerhard Heck (Billingsbach) war als Notfallseelsorger schon auf der Autobahn dabei, ist nun auch bei der Nachbesprechung anwesend. Er weiß: Zuhören hilft schon viel. Inzwischen ist auch Stadtbrandmeister Tilman Wagner eingetroffen. Er dankt den Feuerwehrleuten für ihren Einsatz. Auch gestern noch sind die beiden mit dem Einsatz, einem der schwersten in der Geschichte der Crailsheimer Wehr, beschäftigt. Wagner informiert Oberbürgermeister Rudolf Michl. Groß ist vom Südwestrundfunk zum Interview in die "Landesschau" eingeladen worden, fährt nach Stuttgart.

Zu den Helfern am Dienstagmittag gehört auch Uwe Irrgang. Er ist Außendienstmitarbeiter der Güglinger Firma "Weber Hydraulik" und auf der Fahrt nach Nürnberg. Als er auf der Gegenfahrbahn die Unfallstelle sieht, fährt er rechts ran, rennt zu einem Polizeibeamten und sagt ihm, dass er Werkzeug in seinem Fahrzeug hat, das nützlich sein könnte. Die Firma Weber rüstet Feuerwehren mit hydraulischen Rettungsgeräten aus. Der Beamte schickt ihn zur Crailsheimer Feuerwehr, und die nimmt die Hilfe dankend an, zumal Irrgang als Mitglied der Betriebsfeuerwehr von Weber ein Mann vom Fach ist. Irrgang packt Rettungsscheren und -spreizer aus und hilft dann bei der Bergung des besonders schwer eingeklemmten Lkw-Beifahrers. Als am Abend der Einsatz analysiert wird, würdigt Crailsheims Feuerwehrkommandant Werner Groß Irrgangs Engagement. Er habe dazu beigetragen, dass die Wehr schnell Eingeklemmte aus mehreren Fahrzeugen befreien konnte.

Lausig kalt ist es auf der Autobahn, als die Einsatzkräfte stundenlang das Chaos beseitigen. Wohin derweil mit den Unfallopfern, die sich nicht oder nur leicht verletzt haben? Provisorisch werden Zelte aufgestellt, aber eine bessere Lösung muss her. Rolf Dierolf, der stellvertretende Kommandant der Feuerwehr Ilshofen, ruft im Rathaus an: "Wir müssen Leute unterbringen." Das Feuerwehrgerätehaus mit seinem großen Saal bietet sich an - und wird zur Sammelstelle für gestrandete Fahrer. Rathausmitarbeiter besorgen eilig Brezeln, Weckle, Aufschnitt, Kaffee. Helfer von Rotem Kreuz, Technischem Hilfswerk und ein Notfallseelsorger kümmern sich. "Die Leute sollten einfach ein bisschen runterkommen", sagt der Ilshofener Hauptamtsleiter Klaus Blümlein.

Weiterkommen wollen sie aber freilich auch. Das Rote Kreuz hat sie mit kleinen Transportern nach Ilshofen gebracht, dort wird jetzt alles Weitere organisiert. Da sind zum Beispiel zwei Bulgaren auf der Durchreise, die zunächst im Dinkelsbühler Krankenhaus gelandet sind, wieder entlassen wurden und nun ihre fünf Mitreisenden suchen. Da ist ein Allgäuer, dem es einen Leihwagen zu organisieren gilt. Für vier Autofahrer müssen in Ilshofen Zimmer gesucht werden. Das "Park Hotel" ist voll, weil viele Staugeplagte sich für eine Übernachtung entschieden haben. Im Brauereigasthof "Post" wird Blümlein dann fündig. Erst abends um 21 Uhr ist das Gerätehaus wieder leer - und der Hauptamtsleiter froh. Das befürchtete Chaos blieb aus. Blümlein: "Wir haben die Leute als gefasst erlebt."

"Für uns war das auch ein Extremfall", sagt Bergungsleiter Heiko Sengle von der Crailsheimer Firma "Roll Truck Service". "An einem normalen Unfall sind vielleicht einmal drei Lkw beteiligt." Das Unternehmen ist für komplizierte Einsätze zertifiziert, hier sind absolute Experten am Werk. Die schiere Masse zu bergenden Blechs freilich macht es diesmal nötig, mit Kollegen aus Ellwangen und Kupferzell zusammenzuarbeiten. Sengle: "Das hat super funktioniert." Etwa 20 Bergungsfahrzeuge sind im Einsatz, koordiniert wird die Aktion vom Kirchberger Autohof aus. Nach und nach, vorne startend, schleppen die Helfer die verkeilten Vehikel Richtung Wolpertshausen und dort von der Autobahn. Zwei Fahrzeuge sind nicht mehr rollfähig und müssen auf Tieflader verladen werden.

Jetzt stehen alle Unfallfahrzeuge auf dem Gelände der Firma Roll. 6 Uhr in der Früh ist es geworden, bis der Einsatz abgeschlossen war. "Da braucht es qualifizierte, gut motivierte Mitarbeiter", sagt Roll-Geschäftsführer Horst Wagner. "Die haben wir." Gestern nun kommen zahlreiche Fahrer nach Crailsheim, um nach ihren Lkw zu sehen, einige Habseligkeiten mitzunehmen, vor allem aber die Ladung mit Ersatzfahrzeugen abzutransportieren. Die Koordinationsaufgabe für "Roll Truck Service" geht weiter. Und damit nicht genug: "Heute morgen hatten wir schon wieder eine kleine Bergung", sagt Wagner. "Das ist ganz schön kräftezehrend."

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