Das Geschäft mit der Heimat

Was die 68er-Generation noch mit Enge und Spießigkeit verband, ist heute Trend: die Heimat. Der selbstbewusste Crailsheimer trägt eine Kette mit Horaffen-Anhänger, fährt mit CR-Kennzeichen durch die Stadt und liest Regionalkrimis von Wildis Streng.

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  • Im Regionalmarkt Hohenlohe in Wolpertshausen findet man nicht nur das Fleisch des Schwäbisch-Hällischen Landschweins, sondern auch eine Reihe Fanartikel rund um das heimische Borstentier. 1/2
    Im Regionalmarkt Hohenlohe in Wolpertshausen findet man nicht nur das Fleisch des Schwäbisch-Hällischen Landschweins, sondern auch eine Reihe Fanartikel rund um das heimische Borstentier. Foto: 
  • Für Pfarrer Willi Mönikheim ist Heimat nicht zwingend ein Ort. 2/2
    Für Pfarrer Willi Mönikheim ist Heimat nicht zwingend ein Ort. Foto: 
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Solche Ausdrücke von Heimatverbundenheit sind kein Crailsheimer Phänomen. Die Liebe zum Lokalen ist "in". Das ist auch der Wirtschaft nicht entgangen. Das Geschäft mit der Heimat boomt. Das zeigt sich besonders eindrücklich am Beispiel der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall (BESH) und deren Regionalmarkt Hohenlohe in Wolpertshausen. Tausende strömen jede Woche in den Supermarkt, um ein Stück Boeuf de Hohenlohe in der heimatlichen Pfanne brutzeln zu können oder sich das Butterbrot mit ein paar Salamischeiben vom Schwäbisch-Hällischen Landschwein zu belegen.

Fanartikel rund um das Borstentier

Der Trend zur regionalen Kost ist beinahe noch profitabler als die Bio-Welle. 111,6 Millionen Euro Jahresumsatz hat die BESH alleine im vergangenen Jahr erzielt. Wer will, kann das Schwäbisch-Hällische Landschwein sogar auf der Brust spazieren tragen. Denn im Regionalmarkt Hohenlohe erhält man alle möglichen Fanartikel rund um das Borstentier. Von Schildmütze und T-Shirt bis zum Sparschwein reicht das Sortiment.

Einer, der ebenfalls ein gutes Geschäft mit der neuen Heimatliebe macht, ist der Verleger Armin Gmeiner aus Meßkirch, der sich auf die Publikation von Regionalkrimis spezialisiert hat. Eine der Autorinnen seines Buchverlags ist die Crailsheimerin Wildis Streng. Mehr als 5000-mal ist ihr neuester Crailsheim-Krimi "Fischerkönig" über den Ladentisch gewandert. Noch besser verkaufte sich ihr Erstlingswerk "Ohrenzeugen", von dem der Gmeiner-Verlag gerade eine neue Auflage vorbereitet. "Die Menschen lesen diese Romane, um etwas aus der eigenen Region zu erfahren", versucht Verleger Armin Gmeiner den Siegeszug des Heimatromans zu erklären. "Es sind ja nicht nur die Lokalitäten, die man wiedererkennt. Auch Charaktere und Mentalitäten werden in solchen Krimis nachgezeichnet."

Auf die Frage, ob ein Ende des Regionalkrimis in Sicht sei, antwortet Gmeiner: "Wir hatten schon erwartet, dass das Interesse irgendwann zurückgeht. Aber es reißt nicht ab." Der 50-jährige Verleger glaubt jedoch, eine neue Entwicklung ausgemacht zu haben: Historische Krimis mit Lokalkolorit sind laut Gmeiner auf dem Vormarsch: "Die Menschen lernen ihre eigene Geschichte kennen und zwar auf unterhaltsame Art und Weise."

Doch woher kommt sie eigentlich, die neue Heimatliebe? Lange Zeit galt sie als verpönt. Nicht zuletzt, weil die Nationalsozialisten sie für ihre Propagandamaschinerie missbrauchten. Wer sich vor 30 Jahren zur Heimatliebe bekannte, lief Gefahr, in die rechte Ecke gestellt zu werden. Das ist heute anders. Verleger Armin Gmeiner glaubt, in der Globalisierung die Ursache für die Wiederentdeckung des Heimatgefühls erkannt zu haben: "In einer Zeit, in der alles virtueller wird und man die Bezüge verliert, wendet man sich zurück zur Heimat."

Heimat ist ein Sehnsuchtsort

Der Hohenloher Mundartpfarrer Willi Mönikheim hat eine ähnliche Erklärung: "Sobald ich den Fernseher einschalte, werde ich mit den Problemen der Welt konfrontiert. Das weitet den Horizont. Dazu braucht man aber ein Gegengewicht." Und das sei die Verwurzelung im Heimischen.

Bleibt zu klären, was das überhaupt ist, das wir Heimat nennen. Studien zeigen: Wer 100 Leute nach einer Definition fragt, bekommt 100 unterschiedliche Antworten. Wer sich dennoch auf die Suche nach einer allgemeingültigen Definition begibt, stößt immer wieder auf einen: Ernst Bloch. Am Ende seines Werkes "Prinzip Hoffnung" schreibt der Philosoph, Heimat sei das, was "allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war". Dieser Definition zufolge ist Heimat ein Sehnsuchtsort, nach dem jeder sucht und den doch niemand findet. Sie ist ein Konstrukt, mit dem viele Menschen die Gefühle, Gerüche und Geschmäcker der Kindheit verbinden.

Auch für Willi Mönikheim, aufgewachsen auf einem Hof in Ebertsbronn bei Weikersheim und viele Jahre Pfarrer in Gaggstatt bei Kirchberg, ist Heimat nicht zwingend ein realer Ort. "Ich bin nicht nur in einer bestimmten Region aufgewachsen. Heimat ist auch ein Bild, das ich in mir trage", sagt er. Den heimatlich anmutenden Trend zu Dirndl und Lederhose auch auf dem Fränkischen Volksfest in Crailsheim kritisiert der 70-jährige Theologe übrigens: "Das ist eher Konsumverhalten als ein Bekenntnis zur Heimat."

Kolumne: Heimat ist auch da, wo es warm ist

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