Das alte Crailsheim fehlt ihnen

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Sie lieben ihre Heimatstadt, sie sehen aber auch die Schwächen Crailsheims: die Brüder Fritz (links) und Martin Baier, die morgen 85, beziehungsweise 80 Jahre alt werden. Foto: Wolfgang Rupp

Die Stadt ist völlig anders geworden", so lautet die Antwort von Martin Baier auf die Frage, wie es ihm mit seiner Heimatstadt geht. Dem gebürtigen Crailsheimer, der morgen 80 Jahre alt wird, ist kein vorbehaltloses Bekenntnis zum Crailsheim des 21. Jahrhunderts zu entlocken, noch weniger seinem fünf Jahre älteren Bruder Fritz, der ebenfalls morgen Geburtstag hat.

Der ehemalige Leiter des Vermessungsamtes kommt schnell auf die Ansbacher Markgrafen zu sprechen. Zu Zeiten der Markgrafschaft Brandenburg-Ansbach war Crailsheim nach Ansbach die zweitgrößte und auch zweitwichtigste Stadt. Und heute? Ist Crailsheim die drittgrößte Stadt in der Region Heilbronn-Franken. Aber ist sie noch wichtig? Fritz Baier zuckt mit den Achseln. Und sein jüngerer Bruder Martin sieht auch keinerlei Anlass für ein Loblied.

Beide lieben ihre Heimatstadt, daran lassen sie keinen Zweifel. Trotzdem kommt Schönfärberei für sie nicht infrage. Dazu sind der ehemalige Vermessungsdirektor und der frühere Studienprofessor viel zu kritische Geister. Beide haben sich intensiv mit der Geschichte ihrer Heimatstadt befasst, waren als Publizisten tätig, haben das Kulturleben Crailsheims über lange Zeit hinweg bereichert. Das hat aber nicht dazu geführt, dass sie ihre kritische Distanz aufgegeben haben.

Fritz Baier, der zusammen mit seinem Freund Siegfried Baier über Jahrzehnte hinweg die Konzertgemeinde geleitet hat, vermisst auf das Schmerzlichste eine Kulturhalle. Die wollte er im Spitalpark platziert sehen. "Ein idealer Platz", sagt er noch heute und versteht nicht, warum heute der Rand des Volksfestplatzes als Bauplatz für eine Stadthalle herhalten muss. Fritz Baier wird da ganz deutlich: "Eine Katastrophe!"

Crailsheim ist eine attraktive Einkaufsstadt. Bröckelt da nicht schon die Fassade bei dieser Behauptung? Martin Baier, der ehemalige Lehrer an der Kaufmännischen Berufsschule, kennt die Entwicklung des Einzelhandels in Crailsheim wie kein Zweiter. Er verweist auf Zeiten, als es mehr als 60 Geschäfte in der Langen Straße gab, darunter allein sieben Bäcker. Und heute? Was wäre heute noch los in der zentralen Straße Crailsheims, wenn da nicht die einzig dort verbliebene Bäckerei wäre, die einst ihr Bruder Ulrich (der in wenigen Tagen 84 Jahre alt wird) aufgebaut hat.

Der Blick zurück tut Fritz und Martin Baier oft weh, löst zumindest Wehmut aus. Das geht ihnen auch beim Thema Bahn so. Der einst stolze württembergisch-bayerische Grenzbahnhof, der nach ihrer Erinnerung gleich nach den Bahnhöfen in Stuttgart, Ulm und Heilbronn kam, ist auf ein Provisorium aus der Nachkriegszeit geschrumpft. Auch da nimmt Fritz Baier kein Blatt vor den Mund, spricht von einem "Unterständle". Den Neubau eines Bahnhofes, da sind die beiden realistisch, "werden wir nicht mehr erleben". Das gelte im Übrigen auch für eine Kultur- oder Stadthalle.

Wer so lange in Crailsheim lebt, wie die beiden, und wer sich so gut auskennt in der Stadtgeschichte, wie sie, bei dem entwickelt sich trotz aller Heimatliebe auch kritische Distanz. Trotzdem sehen die beiden Brüder auch die Vorteile des neuen Crailsheims: Die Sportstadt mit gleich zwei Mannschaften, die in der zweiten Bundesliga spielen, die Schulstadt mit gleich fünf Gymnasien, die Industriestadt, die vielen Tausend Menschen Arbeit bietet. Aber das Crailsheim ihrer Jugend ist untergegangen. Und das sorgt auch morgen, am Doppelgeburtstag, für ein bisschen Wehmut.

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