Windkraft: Damit nachts die Lichter ausgehen

Neun Bürgermeister setzen sich für eine „bedarfsgerechte Nachtkennzeichnung“ von Windrädern ein. Naturschutzfonds soll Mehrkosten mitfinanzieren.

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Das Blinken von Windrädern könnte nachts auf ein Minimum reduziert werden, wenn die Anlagen nachgerüstet werden.  Foto: 

Beim Thema Windkraft ist es oft so, dass sich der Widerstand erst formiert, wenn die Anlagen gebaut werden und man sie förmlich vor sich stehen sieht – und dann ist es schon zu spät. 234 Unterschriften gegen den Windpark Rechenberg hat die Bürgerinitiative „Gegenwind“ gesammelt. Dort gibt es drei Anlagen. Aber das, was die Bürger fast noch mehr stört, sind die zehn Anlagen, die nicht auf Stimpfacher Gemarkung liegen. Für all diejenigen, die nicht wüssten, um welche Dimension es geht, hat Gemeinderat Peter Bronner folgenden Vorschlag: „Fahrt doch mal da oben hin!“ Bei dem Anblick komme ihm „Frankfurt-Skyline, Manhattan“ in den Sinn. Nicht wenige Bürger fühlen sich geradezu umzingelt – und sie werden das Gefühl nicht los, dass bei 13 Anlagen noch nicht Schluss ist.

„Miteinander schwätzen“

Dementsprechend gut besucht ist die Mai-Sitzung des Stimpfacher Gemeinderats, die Unterschriftenliste steht auf der Tagesordnung. Wie damit umgehen? Ein Antwortschreiben soll es nicht geben, stattdessen ein Gesprächsangebot. „Wir sind eine Gemeinde mit einer überschaubaren Größe. Wir sollten miteinander schwätzen“, sagt Gemeinderätin Isabell Rathgeb. Ihr Kollege Gerold Brenner findet es zwar schade, dass sich erst nach vielen Jahren Widerstand regt, aber er ist „überzeugt, dass keine Entscheidung anders ausgefallen wäre“. Bürgermeister Matthias Strobel erinnert sich an Sitzungen ohne einen Zuhörer, das Thema Windkraft sei „30-mal öffentlich diskutiert“ worden. Gespräch mit der Bürgerinitiative ja, aber es dürfe „keine Grundsatzdiskussion mit der Bürgerschaft“ geben, betont er. Die Gemeinde sei rechtlich nicht zuständig und keine Genehmigungsbehörde.

Weniger Blinken, mehr Akzeptanz

Aber Strobel könnte für mehr Akzeptanz sorgen. Unter seiner Federführung wurde ein fünfseitiges Schreiben an Ministerpräsident Winfried Kretschmann auf den Weg gebracht, das diesem passenderweise bei der Eröffnung des Windparks „Ellwanger Berge“ überreicht wurde. Unterschrieben haben es neben Strobel die Bürgermeister aus Ellwangen, Frankenhardt, Bühlertann, Bühlerzell, Rosenberg, Jagstzell, Ellenberg und Neuler. Gemeinsam fordern sie die Installierung einer „bedarfsgerechten Nachtkennzeichnung“.

Was ist das? Aus Gründen der Luftsicherheit müssen Windräder gekennzeichnet werden. Nachts geschieht das durch rote Blinklichter, ab einer gewissen Höhe mit einer dauerhaft roten Beleuchtung. Sind sie mit einer solchen Nachtkennzeichnung ausgestattet, werden sämtliche Lichter erst aktiviert, wenn sich ein tief­fliegendes Flugobjekt nähert. Die sogenannte Lichtraumverschmutzung könnte so um 95 Prozent reduziert werden, heißt es in dem Schreiben. Das als störend empfundene Blinken würde so auf ein Minimum reduziert.

Die Firma Wind-Energien GmbH, die unter anderem den Windpark Rechenberg betreibt, möchte „in der Raumschaft Virngrund“ eine solche Anlage realisieren. Geschätzte Kosten: 1,2 Millionen Euro. Im Idealfall würden nicht nur ihre 19 Anlagen im Radius von zwölf Kilometern darunter fallen. „Insgesamt könnten an mindestens 33 Windkraft­anlagen im wahrsten Sinne des Worts die Lichter ausgehen“, so formulieren es die neun Bürgermeister.

Strobel geht in der Gemeinderatssitzung noch weiter: Das sei „nicht nur für uns interessant“, sondern „landesweit ein Thema“. Auf die Antwort aus Stuttgart sind nun alle gespannt. Gemeinderat Albert Gräter war bei der Abgabe des Schreibens dabei. Er hat Kretschmann „beobachtet“, wie er sagt. Gräters Eindruck: „Er macht das zur Chefsache.“ Strobel sagt: „Das war jetzt mal ein Aufschlag, den wir gemacht haben. Ich denke, wir können es nur begrüßen, wenn es so kommt.“ Aber: „Das Ganze hängt an der Finanzierung“, betont Jochen Kreidenweiss, technischer Geschäftsführer der Wind-Energien GmbH.

Das erste Mal im Land

Und jetzt kommen wieder die Bürgermeister: „Hier kann und muss die Stiftung Naturschutzfonds des Landes Abhilfe schaffen.“ Ihre Idee und die der Firma „Wind-Energien“: Ein Teil der rund 80.000 Euro, die Anlagenbauer pro Windrad für die „nicht kompensierbare Beeinträchtigung des Landschaftsbildes“ entrichten, könnte für Nachtkennzeichnung verwendet werden. „Alternativ“ wird der Ministerpräsident in dem Schreiben noch gebeten, „eine gesonderte Förderung durch das Land zu prüfen, da es sich bei dieser Anlage um die erste bedarfsgerechte Nachtkennzeichnung von Wind­rädern in Baden-Württemberg handeln würde“.

ENBW ist einen Schritt weiter

Das stimmt so nicht ganz. Die ENBW ist in Langenburg schon einen Schritt weiter, befindet sich „in der Abstimmung mit dem Hersteller“, wie Jörg Busse, Pressesprecher Region Nord, bestätigt. In Langenburg geht es um zwölf Anlagen, die eine bedarfsgerechte Nachtkennzeichnung bekommen sollen. Für die ENBW ist das eine Premiere, und wäre es auch fürs ganze Land. Die Kosten liegen in dem Fall zwischen 400.000 und einer Million Euro. „Eher oben“, sagt Busse. Die Frage ist nun die: Warum macht die ENBW das, ohne die Frage nach der Finanzierung aufzuwerfen? Eine Antwort könnte sein: Es muss ja nicht bei zwölf Anlagen Schluss sein.

Drei Widersprüche gingen nach Angaben des Regierungspräsidiums (RP) Stuttgart gegen den Windpark Rechenberg mit seinen drei Anlagen ein. Mittlerweile sei ein Widerspruch zurückgenommen worden. Das Land­rats­amt Schwäbisch Hall legte dem RP die Widersprüche am 20. Januar vor. „Es gibt aktuell vier, und es sind noch welche in Vorbereitung“, heißt es dagegen bei der Rechenberger Bür­gerinitiative „Gegenwind“. „Richtig ist, dass in einem der beiden Widerspruchsverfahren der Einwand der sogenannten Umzingelung vorgetragen wurde“, schreibt das RP, und: „Im Widerspruchsverfahren wurde die Nichtdurchführung einer Umweltverträglichkeitsprüfung gerügt. Diese vorgebrachten Einwände werden derzeit auf Rechtmäßigkeit überprüft.“ Ungeachtet der Widersprüche könnten die Anlagen im Juni in den Regelbetrieb gehen, heißt es beim Betreiber. js

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Kommentare

30.05.2017 12:30 Uhr

Windräder um Rechenberg

Vom Gemeinderat hieß es aus Rechenberg, Schade, dass sich jetzt erst Widerstand gegen die Windräder formiert. Von einem anderen heißt es, dass der Gemeinderat eh nicht zuständig ist. Habe ich doch gedacht, das Gemeinderäte sich selbst danach erkundigen können, was den Menschen bewegt!

Niemand ist zuständig für die Windräder, noch nicht einmal Herr Kretschmann, der nicht nach Rechenberg gekommen ist. Er fand es schöner den Quatsch in Ellingen einzuweihen. Weil niemand zuständig ist, fallen die Windräder aus den Himmel auf uns herab.
Am 01. Mai dieses Jahres haben wir mal wieder so viel Windstrom gehabt, dass dieser für 40 Millionen
Euro ins Ausland verschenkt werden musste. Das hat uns zusätzlich 40 Millionen €uro gekostet. Wären die Räder in Rechenberg und Umgebung nicht gebaut, hat wir sicherlich ein Paar Milliönchen gespart.
Alle Windräder bei uns in der Gegend sind sinnlos, weil sie keinen Beitrag zur Energieversorgung beitragen und CO2 können sie auch nicht einsparen.

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