Däumling an der Somme

Im Jahr 2006, 90 Jahre nach der Schlacht an der Somme, hat der aus Oberrot stammende Autor Kurt Oesterle das französische Dorf Thiepval besucht. Dort kämpfte und überlebte sein Großvater Friedrich Oesterle.

|
Vorherige Inhalte
  • Eine typische Arbeit der Pioniere im Ersten Weltkrieg: Sie bauen eine Pontonbrücke. Kurt Oesterles Großvater hat ab 1915 als Pionier am Krieg teilgenommen. Dieses Bild hat der Bühlertanner Josef Boy (1898 - 1956) aufgenommen. Weitere Fotos von Boy sind derzeit in der Ausstellung "Herzliche Grüße vom Schlachtfeld . . ." im Freilandmuseum Wackershofen zu sehen. 1/4
    Eine typische Arbeit der Pioniere im Ersten Weltkrieg: Sie bauen eine Pontonbrücke. Kurt Oesterles Großvater hat ab 1915 als Pionier am Krieg teilgenommen. Dieses Bild hat der Bühlertanner Josef Boy (1898 - 1956) aufgenommen. Weitere Fotos von Boy sind derzeit in der Ausstellung "Herzliche Grüße vom Schlachtfeld . . ." im Freilandmuseum Wackershofen zu sehen.
  • Zelte und Soldaten beim Schlachtfeld an der Somme: "Martinswald, aber ohne Bäume" ist auf der Rückseite des Fotos vermerkt. Fotos: Nachlass Josef Boy 2/4
    Zelte und Soldaten beim Schlachtfeld an der Somme: "Martinswald, aber ohne Bäume" ist auf der Rückseite des Fotos vermerkt. Fotos: Nachlass Josef Boy
  • "Die Erbschaft der Gewalt" nennt Dr. Kurt Oesterle seinen Vortrag über Familien- und Weltgeschichte. Privatfoto 3/4
    "Die Erbschaft der Gewalt" nennt Dr. Kurt Oesterle seinen Vortrag über Familien- und Weltgeschichte. Privatfoto
  • 4/4
Nächste Inhalte

Kurt Oesterle hat seinem Großvater Friedrich Oesterle, wie auch seiner Großmutter und seinen Eltern, ein literarisches Denkmal geschaffen. Friedrich Oesterle erscheint und äußert sich, namenlos, in Oesterles Romandebüt "Der Fernsehgast", und, unter anderem Namen, im kürzlich erschienenen Roman "Der Wunschbruder".

Thematisch haben die Romane wenig miteinander zu tun. Dennoch gehören sie zusammen. Sie werden vereint durch die Protagonisten, Oesterles Familie, das Spiel mit der Erinnerung, das dörfliche Milieu - beide Romane sind auch Porträts der Gemeinde Oberrot.

Der Schreinermeister Friedrich Oesterle wird als bedächtiger und ausgleichender Kopf beschrieben, friedfertig, aber politisch wach: "er hetzte weder gegen Völker noch Personen und wurde (ein linker) Sozialdemokrat", schreibt Oesterle in der Reportage "Wo der Krieg zum Weltkrieg wurde", die er mittlerweile zu einem Vortrag mit dem Titel "Die Erbschaft der Gewalt. Mein Großvater als Soldat im Ersten Weltkrieg und was meinem Vater und mir daraus erwuchs" umgearbeitet hat.

2006 hat Kurt Oesterle Thiepval besucht, ein Dorf in der Picardie, das vor allem in Großbritannien ein Synonym für die Katastrophe des Ersten Weltkrieges und der Schlacht an der Somme geblieben ist. Englische und irische Einheiten starben zu Zehntausenden beim Versuch, die "Thiepval Ridge" einzunehmen, eine ausgeklügelte Festung, bestehend aus Bunkern, Gräben, Schutz- und Lagerräumen, Lazaretten und unterirdischen "Fortifikationen", die bis zu tausend Mann fassten.

Auch sein Großvater, der seit 1915 als Pionier am Krieg teilnahm, dürfte an dieser Festung mitgearbeitet haben, vermutet Oesterle. Konkrete Nachrichten über die Kriegserlebnisse des Großvaters sind allerdings rar. Friedrich Oesterle wählte eine "verkindlichte" Form, um vom Krieg zu berichten: Er formte Märchen, die er zuerst seinen Söhnen, später dem Enkel erzählte - als Däumlinge, die sein Ohr bewohnten, wurden die kleinen Zuhörer zu Akteuren eines Abenteuers.

Einen "Versuch" nennt Oesterle seinen Vortrag. Es ist der Versuch, individuelle Familiengeschichte in die heutige Erkenntnislage zum Ersten Weltkrieg einzubetten. Dass sein Großvater traumatisiert aus den Gräben zurückkam, steht außer Frage, Friedrich Oesterles Umgang mit seinen Kriegserfahrungen aber war wohl eher untypisch. Er sei seinen Traumata mit Vernunft begegnet, vermutet Oesterle, und diese Vernunft machte Friedrich Oesterle unempfänglich für die Heilsversprechungen der Nationalsozialisten.

Anders seine Söhne, die stramme Nazis wurden. Einer blieb im Krieg, der andere, Kurt Oesterles Vater, musste auf die denkbar schlimmste Weise lernen, dass er sich auf einem Irrweg befunden hatte. 18-jährig, erinnert sich Kurt Oesterle, habe ihn sein Vater für seine "Beichte" beiseite genommen, um ihn gegen politische Irrtümer zu impfen.

"Die Erbschaft der Gewalt" kann als Anhang zu "Der Wunschbruder" gelesen werden, als ergänzende Information. Gleichzeitig macht der Text deutlich, wie die Erfahrungen dieses ersten großen Krieges die folgenden Generationen bis heute geprägt haben. "Dieser Krieg", zitiert Oesterle einen französischen Veteranen, "hat uns für Generationen gezeichnet . . . all diese Schreckvisionen, die er rund um uns heraufbeschworen hat, dieses barbarische Mann-gegen-Mann, all diese flammenden Nächte, wir werden das eines Tages in den Augen unserer Söhne wiederfinden."

Info Der Vortrag "Die Erbschaft der Gewalt" kann auf www.kurt-oesterle.de/texte.php nachgelesen werden. In der Veranstaltungsreihe "Literatur live" ist Kurt Oesterle am Donnerstag, 12. Februar 2015, in Hall zu Gast. Ab 19.30 Uhr wird der gebürtige Oberroter in der Osianderschen Buchhandlung aus seinem Buch "Der Wunschbruder" lesen.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Grimmer im HT-Interview: „Viel Zeit zum Freuen bleibt nicht“

Der neue Crailsheimer Oberbürgermeister Dr. Christoph Grimmer spricht über Ehrgeiz, die geplante Verschlankung des Gemeinderats und seine Vision für eine nachhaltige Innenstadt-Belebung. weiter lesen