Dabei sein ist alles

"Ich häkele." Wer das noch vor kurzem von sich behauptete, wurde skeptisch angeschaut. Seit dem Mützenkult "myboshi" ist Häkeln in. Und besonders flotte Häklerinnen dürfen gar an einer WM teilnehmen.

|
Anja Ebel aus Mainhardt häkelt im Textilhaus Pasler-Rau. Foto: Sonja Alexa Schmitz

Die wahnwitzige Zeit von acht Minuten hat im vergangenen Jahr die Siegerin der Häkel-Weltmeisterschaft vorgelegt. So lange brauchte sie, um ein 50-Gramm-Knäuel Wolle zu verhäkeln. "Das war eine Asiatin, sie hatte eine besondere Technik", bemerkt Anja Ebel.

Sie hat sich gemeinsam mit Elke Kübler im Vorentscheid, im Handarbeitsladen Pasler-Rau in Mainhardt, qualifiziert. In vielen deutschen Handarbeitsstuben wurde am Tag des Vorentscheids gehäkelt, was das Zeug hält. Jeweils die zwei Besten reisen am 8. Februar nach Zirndorf bei Nürnberg. Dort werden in einem Einkaufszentrum hunderte Frauen auf das Startzeichen warten.

Viele von ihnen tragen Mützen von "myboshi". Diese Marke sorgt seit einiger Zeit für Bewegung in der Handarbeitsszene. Zwei junge Männer entdeckten auf einer Japanreise das Häkeln für sich: Nachdem sie andauernd von Asiaten auf ihre "Boshi" - japanisch für Mütze -, angesprochen wurden, machten sie ein Geschäft daraus.

"Ich häkelte seit der Grundschule nur hin und wieder mal ein Puppenkleid. Dann hat mein Sohn angefangen zu jonglieren und ich wollte ihm Jonglierbälle häkeln", erzählt Anja Ebel. Dann erfuhr sie von "myboshi" und natürlich wollte sie, die gerne via Videokanal "Youtube" neue Häkelmuster anguckt, auch das ausprobieren. Sie schaute sich dort ab, wie Ohrringe, Schals, Ringe und Blumen gehäkelt werden. "Ich gucke mir auch Anleitungen auf arabisch oder asiatisch an", erzählt sie lachend. Bei Handarbeiten funktioniert die Völkerverständigung.

Seitdem sie weiß, dass sie zur WM fährt, häkelt sie verstärkt, um zu üben. Zu Weihnachten hat sie ihrer gesamten Verwandtschaft Mützen angefertigt. Aber sie trainiert nicht auf Zeit. Das kommt erst später, wenn der große Tag näher rückt. Dann nimmt sie sich ihre Sechser-Nadel, das Knäuel Wolle, stoppt die Zeit und los gehts. Da ist dann Konzentration gefragt. Jede Masche muss gezählt werden, damit es mützenähnlich wird. Um Schönheit geht es bei der WM aber nicht. Wenn das Knäuel aufgehäkelt ist, hat man das Ziel erreicht. Eine Mütze ist dann noch nicht fertig. Anja Ebel schaffte das Knäuel im Vorentscheid in 24 Minuten. Dass sie nicht an die Siegerzeit rankommen kann, ist ihr bewusst und auch gar nicht ihr Ziel. "Ich mache das aus Spaß. Es zählt der olympische Gedanke", sagt sie augenzwinkernd. Generell findet sie die Idee einer WM, die es in diesem Jahr zum zweiten Mal gibt, "total witzig". Das sei eine tolle Werbung für Handarbeiten. "Es holt das Häkeln aus seiner vergessenen Ecke heraus."

Mit "myboshi" wurde das Selbermachen Kult. Viele hat das Fieber gepackt, sie hängen wortwörtlich an der Nadel. "Wir sind süchtig", sagt eine der Frauen, die in das Handarbeitsgeschäft Pasler-Rau zum Handarbeitsnachmittag gekommen ist. Fünf weitere häkeln dort bunte Knäuel einer noch unerkennbaren Bestimmung entgegen. "Häkeln verbraucht 100 Kalorien in der Stunde", behauptet eine der Frauen. Lauter gute Gründe, zur Häkelnadel zu greifen.

Anja Ebel ist Grafik-Designerin. Nach Feierabend sitzt sie auf dem Sofa, der Fernseher läuft und wenn der Film zu Ende ist, ist auch schon wieder eine neue Boshi fertig. Zur WM wird sie mit einem Knäuel heller Wolle fahren, denn mit der fällt das genaue Hinschauen leichter. Die Sechser-Nadel ist vorgeschrieben. "Mit der versucht man natürlich, möglichst große Maschen zu machen", verrät sie. Je eher die Wolle am Ende ist, desto schneller kann man die Arme in die Höhe reißen und hoffen, dass die Asiatin nicht schon längst auf dem Siegertreppchen auf ihre Verfolger wartet.

Zusammen handarbeiten
Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Grimmer im HT-Interview: „Viel Zeit zum Freuen bleibt nicht“

Der neue Crailsheimer Oberbürgermeister Dr. Christoph Grimmer spricht über Ehrgeiz, die geplante Verschlankung des Gemeinderats und seine Vision für eine nachhaltige Innenstadt-Belebung. weiter lesen