Crailsheimer Lichter sind nicht ausgegangen

Kreisreform: Der Landkreis Crailsheim hatte nach Ansicht von Stadtarchivar Folker Förtsch keine Überlebenschancen – Das HT dokumentiert seine Rede zum Stadtfeiertag in Auszügen.

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    Wo einst die Verwaltung des Landkreises Crailsheim residierte, werden heute Steuererklärungen bearbeitet und wird Recht gesprochen. Im ehemaligen Landratsamt sind heute Finanzamt und Amtsgericht untergebracht. Foto: 
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Die Verwaltungsreform in Baden-Württemberg liegt in ihren Hauptelementen, der Gemeindereform und der Kreisreform, inzwischen 40 Jahre zurück. Dennoch zeigt vor allem die Kreisreform, mit deren Inkrafttreten am 1. Januar 1973 der eigenständige Landkreis Crailsheim seine Existenz beendete, bis heute ein nicht geringes emotionales Potenzial.

Die Eingliederung der Stadt in den vergrößerten Landkreis Schwäbisch Hall ist für viele Crailsheimerinnen und Crailsheimer gleichbedeutend mit einem massiven Verlust an Selbstbestimmung und Identität. Für viele steht die Kreisreform in direkter historischer Kontinuität zur so nicht stattgefundenen, aber in der lokalen Traditionspflege weiterhin wirkungsmächtigen Stadtbelagerung von 1379/80. Allerdings mit dem entscheidenden Unterschied, dass damals die Crailsheimer die Belagerer abweisen konnten, hier aber, in den 1970er-Jahren, die Haller "siegreich" waren und, um in der Terminologie zu bleiben, die Crailsheimer Feldzeichen ins neue Landratsamt nach Schwäbisch Hall verschleppten.

Die Einschätzung, dass Crailsheim seit der Kreisreform von Hall dominiert werde, dass es, wie mir von einem unserer Archivbenutzer vor wenigen Tagen gesagt wurde, nur noch ein "Anhängsel von Schwäbisch Hall" sei, diese Einschätzung ist bei nicht wenigen Jagststädtern verbreitet.

Wenigstens in dem Punkt Autokennzeichen ist ja nun eines der Crailsheimer Feldzeichen zurückgewonnen worden und die Zeit vorbei, als "das SHA auf den Autos als Zeichen der Eroberung verstanden wurde" - endlich ein wenig Balsam auf die seit 1973 depressive Seele des traditionsbewussten Crailsheimers (. . .).

Im Bereich Hohenlohe sah das "Denkmodell" der CDU/SPD-Landesregierung von 1969 eine Neuordnung in einem Großkreis vor: Der vorgeschlagene Landkreis setzt sich zusammen aus den Mittelbereichen SHA, CR, GAIL und KÜN. Er hat 197 800 Einwohner auf 2046 Quadratkilometer Fläche. Die Mittelbereiche KÜN, GAIL und SHA sind eng miteinander verflochten. Sie sind übereinstimmend in ihren übergeordneten Arbeits- und Verwaltungseinrichtungen nach Westen orientiert. (. . .) Für den Mittelbereich CR trifft dies allerdings nicht in diesem Maße zu. Zweifellos bestehen aber auch Verflechtungen zwischen CR und SHA, sodass aus regionaler Sicht die Zusammengehörigkeit des Raumes nicht bestritten werden kann. (. . .) Im Interesse einer Stärkung des anzustrebenden Überzentrums im Raum Aalen wäre alternativ eine Zuordnung des Mittelbereiches CR zum neuen Landkreis AA denkbar (. . .).

Bezüglich des Kreissitzes legt das "Denkmodell" fest: Als Kreissitz wird Schwäbisch Hall vorgeschlagen. Es hat als Behördensitz im Raum Hohenlohe übergeordnete Bedeutung und stellt für alle Mittelbereiche das nächstgelegene größere Zentrum dar.

Das "Denkmodell" krempelte die bisherige Kreislandschaft in Hohenlohe völlig um. Aus den bisherigen fünf selbstständigen Kreisen sollte ein Großkreis Schwäbisch Hall entstehen. Die im "Denkmodell" angesprochene Alternative für Crailsheim, ein Anschluss an Aalen, spielte in der Folge allerdings keine große Rolle mehr (. . .).

Die Organe des Landkreises Crailsheim lehnten das "Denkmodell" einmütig ab und forderten mit Nachdruck die Erhaltung eines selbstständigen Landkreises. Ihre Argumentation: Crailsheim drohe neben dem Landratsamt der Verlust weiterer Behörden (Gesundheitsamt, Veterinäramt, das Schulamt, das Landwirtschafts- und Vermessungsamt, eventuell sogar die Forstämter, das Flurbereinigungs- und das Finanzamt) und damit eine gravierende Einbuße an Zentralität. Eine gravierende Folge sei der Bevölkerungsschwund (befürchtet wurden bis zu 3000 Einwohner).

Damit verbunden sei insgesamt eine erhebliche Schwächung des ländlichen Raumes im Nordosten des Landes. Nach der Auflösung des Landkreises sei man insbesondere gegenüber den benachbarten bayerischen Gebieten nicht mehr konkurrenzfähig. Wenn das "Denkmodell" Wirklichkeit würde, so entstehe "ein völlig unübersichtliches Kreisgebilde", in dem "die viel gepriesene Bürgernähe und Überschaubarkeit der Verwaltung" zu Fremdwörtern würden.

Verlust des Kreissitzes "von zweitrangiger Bedeutung"

Am schnellsten auf die Veröffentlichung des "Denkmodells" reagierte übrigens der Crailsheimer Gemeinderat. Noch vor der offiziellen Vorstellung des Modells fasste das Gremium eine Entschließung, die mit keinem Wort die Zukunft des bisherigen Landkreises Crailsheim erwähnt, sondern kurz und klar einen einzigen Punkt formuliert, nämlich dass für den Sitz des Landratsamts im neuen Großkreis die Stadt Crailsheim "als optimale Lösung" gelten müsse. Für die Bewohner der Stadt Crailsheim, so Bürgermeister Zundel, sei der Verlust des Kreissitzes "von zweitrangiger Bedeutung", da Crailsheim ohnehin bald Große Kreisstadt werde (. . .).

Es gab also in Crailsheim keine einheitliche Marschrichtung. Während Landrat Ansel und der Kreistag alles daransetzten, den bestehenden Landkreis zu erhalten, und daher das "Denkmodell" schon vom Ansatz her ablehnten, unterstützte Bürgermeister Zundel im Grundsatz die Zielsetzung der Kreisreform, nämlich größere Verwaltungseinheiten zu schaffen. Er war auch nicht gegen einen Großkreis in Hohenlohe, forderte aber mit Nachdruck den künftigen Kreissitz für Crailsheim. Über die Frage der richtigen Strategie gab es teilweise heftige Auseinandersetzungen: Während Ansel und der Kreistag einen Kreissitz Crailsheim in einem Großkreis ins Land der Utopie verwiesen, war Zundel davon überzeugt, dass die Erhaltung eines eigenständigen Landkreises Crailsheim keine Chance mehr hätte und man alle Anstrengungen auf die Erlangung des Kreissitzes verwenden sollte.

Hohenloher Tagblatt an der Spitze des Protestes

Es stellt sich also die Frage, ob dieses Gegeneinander der wichtigsten Crailsheimer Kommunalpolitiker die Karten Crailsheims im Poker um die Kreisreform nachteilig beeinflusste. Und es stellt sich die noch grundlegendere Frage, ob eine der beiden Strategien - die von Ansel oder Zundel - denn tatsächlich eine realistische Perspektive haben konnte, von der Landesregierung und vom Landtag aufgegriffen und umgesetzt zu werden (. . .).

In Crailsheim mobilisierte der Entwurf der Landesregierung die politischen Parteien und die gesellschaftlichen Organisationen. An die Spitze der Protestbewegung setzte sich das HOHENLOHER TAGBLATT. Die Lokalzeitung initiierte eine Unterschriftenaktion, die am 13. August 1970 begann. Dafür wurde in der Zeitung ein Fragebogen abgedruckt, der nicht nur wissen wollte, ob man für "den Fortbestand des Kreises Crailsheim in seiner jetzigen Gestalt" eintrete, sondern auch, um entsprechend politischen Druck zu erzeugen, ob man bereit sei, "den für die Auflösung verantwortlichen Parteien die politische Quittung zu geben".

"CR die Verwaltung, SHA das Museum"

Nach Ablauf der Aktion nach gut einer Woche lagen 5570 Unterschriften vor. 5483 Einsender und damit mehr als 98 Prozent der Abstimmenden und circa zwölf Prozent der Wahlberechtigten des Landkreises votierten für den Erhalt. Auf den Stimmzetteln wurden nicht nur Kreuzchen gemacht, sondern vielfach auch Kommentare abgegeben, die anschaulich Volkes Stimme zum Ausdruck brachten. So war auf einem Zettel zu lesen: "CR die Verwaltung, SHA das Museum" und auf anderen: "Wir fordern ein eigenes Bundesland Franken! Fort von Stuttgart!" oder: "Lieber bayerisch als hällisch". 4336 Einsender, knapp 78 Prozent also, drohten mit politischen Konsequenzen.

Apropos "bayerisch": Eine besondere Form des Protestes kam aus einigen grenznahen Gemeinden des Landkreises Crailsheim: Bei einer Auflösung des Landkreises drohten sie mit ihrem Weggang nach Bayern. Im August 1970 war es zunächst Unterdeufstetten, dessen Gemeinderat einstimmig beschloss, in diesem Falle "den Antrag auf Aufnahme in den Freistaat Bayern zu stellen".

Der Vorstoß hatte einen ganz praktischen Hintergrund: Um auf das Landratsamt zu kommen, müssten die Unterdeufstettener künftig 53 Kilometer fahren, während die Entfernung zur bayerischen Kreisstadt Dinkelsbühl nicht einmal zehn Kilometer betrage. Dem Beispiel Unterdeufstettens folgten weitere zwölf grenznahe Gemeinden: Gammesfeld, Hausen am Bach, Hengstfeld, Lautenbach, Leukershausen, Leuzendorf, Mariäkappel, Marktlustenau, Matzenbach, Michelbach/Lücke, Reubach und Spielbach. So einfach war die "Flucht" über die Landesgrenze jedoch nicht. Und als auch in Bayern eine Kreisreform durchgeführt wurde, die den Kreissitz nach Ansbach verlegte, war von diesen Vorhaben nicht mehr viel zu hören.

Das schärfste Schwert im Kampf um den Erhalt des Landkreises stellte die Gründung des "Aktionskreises für den Erhalt des Landkreises Crailsheim" dar. Die Initiative dazu ging Mitte September 1970 vom Kreisverband der Gewerbevereine, dem heutigen Bund der Selbstständigen, aus. Dessen Vorsitzender war damals HT-Mitverleger Rolf Wankmüller aus Gerabronn.

Offiziell gegründet am 3. Oktober 1970, traten dem Aktionskreis die Kreisverbände von CDU (Hermann Opferkuch), SPD (Rudolf Golly) und FDP (Julius Habermeier), ebenso die Kreisorganisationen der Bauern, des Gewerbes und der Handwerkerschaft bei. Die wichtigste Initiative des Aktionskreises bestand in einer gemeinsam mit allen Kreisgemeinden organisierten Volksabstimmung. Am 13. Dezember 1970 waren alle wahlberechtigten Bürgerinnen und Bürger des Kreises aufgerufen, zwischen zwei Varianten zu wählen. Sie konnten ihr Kreuz machen unter dem Satz "Ich bin für die Erhaltung des Landkreises Crailsheim", oder sie konnten votieren für "Ich bin für die Eingliederung des Landkreises Crailsheim in den von der Landesregierung geplanten Großkreis Schwäbisch Hall".

Das Ergebnis übertraf alle Erwartungen der Initiatoren: Über 76 Prozent der Wahlberechtigten, also über 35.000 Kreisbewohner, gingen zur Wahlurne - und damit mehr als bei jeder Kommunalwahl. 98 Prozent von ihnen sprachen sich für den Erhalt des Kreises Crailsheim aus. Das Ergebnis lieferte dem Aktionskomitee ein wichtiges neues Argument: Die Kreisbevölkerung lehne die Pläne zur Kreisreform in ihrer ganz überwältigenden Mehrheit ab. Jede andere Entscheidung stelle eine "Missachtung des Volkswillens" dar und sei "undemokratisch" (. . .).

Doch der Protest konnte die Pläne der Landesregierung nicht vereiteln. Am 22. und 23. Juli 1971 passierte das Kreisreformgesetz den Landtag. Danach trat die Kreisreform mit Stichtag 1. Januar 1973 in Kraft. 28 bisherige Landkreise verschwanden von der Landkarte Baden-Württembergs, darunter der Landkreis Crailsheim.

Entscheidender Nachteil für Crailsheim

Hätte es, rückblickend gesehen, eine Chance für den Erhalt eines eigenständigen Landkreises Crailsheim gegeben? Aus meiner Sicht eher nein (. . .). Die Durchführung der Kreisreform war in der entscheidenden Phase auch ein politischer Poker zwischen den Regierungsparteien. Und hier gab es für Crailsheim einen entscheidenden Nachteil: Während des gesamten Entscheidungsprozesses saß weder in der Landesregierung noch in den Regierungsparteien irgendein Vertreter Crailsheims. Wenn man die Prozesse und Verhandlungen Revue passieren lässt, die zur Kreisreform von 1973 führten, muss man feststellen, dass es eine realistische Chance für die Erhaltung eines eigenständigen Landkreises Crailsheim wohl nicht gegeben hat (. . .).

Heute, 40 Jahre nach Inkrafttreten der Kreisreform, kann man getrost feststellen, dass die Abgesänge auf die Stadt und ihr Umland verfrüht waren. Natürlich: Der Verlust des Kreissitzes war und ist bis heute eine bedeutende strukturelle Einbuße für die Stadt. Doch schon 1970 hat Innenminister Krause angemerkt, dass "Zentralität und Attraktivität einer Stadt" nicht allein und wohl nicht einmal in erster Linie durch Behördensitze bestimmt werden, sondern "viel mehr (. . .) von Industrieansiedlung, von den Bildungseinrichtungen und von den Einrichtungen im sozialen Bereich, im Gesundheitswesen, von den Einrichtungen für Erholung und Freizeit" - und vom kulturellen Leben, könnte man ergänzen (. . .).

Bleibt abschließend festzuhalten: Trotz des Kreisverlustes hat Crailsheim sich in den zurückliegenden 40 Jahren sehr positiv entwickelt und auch seine Zentralitätsfunktion für das Umland bewahren können. Und auch in den nächsten Jahren und Jahrzehnten hängt die Zukunftsfähigkeit die Stadt nicht an der Frage, ob es hier ein Landratsamt gibt oder nicht.

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