Berliner Modell: Tag für Tag weniger Mama

Der erste Tag im Kindergarten ist für Kinder und Eltern ein einschneidendes Erlebnis. Das Kind verbringt Zeit in einem aufregenden Reich, in dem Eltern nicht mitmachen dürfen. Das ist ein wichtiger Schritt auf dem langen Weg des Großwerdens.

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  • Bunte Perlen auffädeln ist - neben Schaukeln - eine von Lillys Lieblingsbeschäftigungen im Kindergarten. Die Zweijährige lernt an der Seite von Kindheitspädagogin Julia Vogt jeden Tag etwas Neues kennen. Fotos: Christine Hofmann 1/2
    Bunte Perlen auffädeln ist - neben Schaukeln - eine von Lillys Lieblingsbeschäftigungen im Kindergarten. Die Zweijährige lernt an der Seite von Kindheitspädagogin Julia Vogt jeden Tag etwas Neues kennen. Fotos: Christine Hofmann
  • Lilly kann es kaum erwarten, dass Mama Grit Sieron ihr die Hausschuhe angezogen hat - sie will spielen. 2/2
    Lilly kann es kaum erwarten, dass Mama Grit Sieron ihr die Hausschuhe angezogen hat - sie will spielen.
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Freudestrahlend marschiert Lilly an der Hand ihrer Mama Grit Sieron auf ihren kleinen Beinchen zur Kindergartentür. Stolz hat sie die Tasche mit dem Vesper umgehängt.

"Hallo, kleine Lilly", wird die Zweijährige von den größeren Kindern freundlich begrüßt. Zielstrebig steuert Lilly auf ihren Platz an der Garderobe zu. Er ist mit einem Blumensymbol markiert, das hat sie sich an ihrem ersten Tag im Kindergarten "Pusteblume" im Crailsheimer Stadtteil Tiefenbach selbst ausgesucht. Die Ungeduld ist dem jüngsten Kind in der zweigruppigen Einrichtung deutlich anzumerken: Lilly kann es kaum erwarten, Jacke und Stiefel auszuziehen und mit Erzieherin Julia Vogt in den Gruppenraum zu den anderen Kindern und den vielen Spielsachen zu gehen. Schnell noch ein Küsschen von Mama und ohne einen Blick zurück marschiert Lilly los.

"Wenn ein Kind so gerne in den Kindergarten geht, fällt der Abschied natürlich leicht", sagt Grit Sieron, die sich gleich auf den Weg zur Arbeit macht und ihre kleine Tochter erst am Nachmittag wieder abholen wird. "Vom ersten Tag an geht Lilly gern in den Kindergarten. Abschiedsschmerz oder Tränen gab es noch nie", berichtet die 34-Jährige. Das ist nicht immer so. Für viele Kinder ist die erste Zeit im Kindergarten zwar mit Vorfreude, aber auch mit Ängsten verbunden. "Kindergartenkind zu werden bedeutet einen großen Einschnitt", weiß Kindergartenleiterin Angelika Hintermaier. Plötzlich ist alles neu: Die Umgebung, die Erzieherinnen, jede Menge neuer Kinder und unbekanntes Spielzeug. Dazu gibt es noch einige Regeln, die es zu Hause nicht gibt - und das Wichtigste: Es gibt hier keine Mama. Manche Kinder begeben sich mit freudiger Neugierde in das Abenteuer Kindergarten, andere sind zurückhaltend und brauchen die Unterstützung eines vertrauten Elternteils.

Die Crailsheimer Kindergärten praktizieren daher eine zwei- bis vierwöchige Eingewöhnungsphase nach dem sogenannten Berliner Modell. "Mit diesem Modell haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht. Die Mama verbringt zuerst gemeinsam mit ihrem Kind Zeit im Kindergarten und zieht sich dann schrittweise zurück. So wird das Kind nicht der Mutter entrissen und es hat Zeit, eine Bindung zu den Erzieherinnen aufzubauen", erklärt Angelika Hintermaier.

Einem Kind mit Krippenerfahrung wie Lilly bereitet so ein Neustart in der Kindertagesstätte keine Probleme. "Wenn ein Kind drei Jahre zu Hause bei der Mutter war, ist der Prozess der Ablösung natürlich nicht so leicht - weder für das Kind noch für die Mutter", meint die Erzieherin, "manchmal beobachten wir sogar, dass es den Eltern schwerer fällt ihr Kind loszulassen." Doch wenn die Eltern über Wochen jeden Tag gemeinsam mit ihrem Kind Zeit im Kindergarten verbringen, bekommen sie einen guten Einblick, und es wächst die Überzeugung, dass ihr Schützling hier gut aufgehoben ist.

Vom ersten Tag an haben die Kindergartenkinder Lilly liebevoll in ihre Gemeinschaft aufgenommen. Sie kümmern sich hingebungsvoll um die Neue, holen ihre Trinkflasche, wenn sie Durst hat und bringen ihr einen Stuhl für den Morgenkreis. Zwei Vorschulkinder haben eine Patenschaft für die Zweijährige übernommen. "Die Kinder laden Lilly öfter zum Mitspielen ein, aber das ist ihr meist noch zu viel. Sie ist noch in der Phase, wo sie viel beobachtet, alles kennenlernt und sich an den Erzieherinnen orientiert", berichtet Angelika Hintermaier.

Lillys Bezugsperson ist Kindheitspädagogin Julia Vogt. Sie schaut mit der Zweijährigen Bilderbücher an, malt mit ihr und hilft ihr beim Auffädeln von Perlenketten. "Freundschaften mit Gleichaltrigen gibt es bei Zweijährigen noch nicht. Lilly interessiert sich aber bereits für die anderen Kinder und kennt schon ihre Namen", erzählt Julia Vogt, und ergänzt: "Richtig viel Spaß hat sie beim Aufräumen und wenn wir nach draußen in den Garten gehen. Die Schaukel ist Lillys Lieblingsplatz."

Tipps zur Vorbereitung auf den ersten Tag im Kindergarten

Den Kindergarten gemeinsam besichtigen. Bei der Anmeldung können Eltern und Kind bereits einen ersten Eindruck von den Räumen bekommen und die Erzieherinnen kennen-lernen.

An Schnuppernachmittagen darf im Kindergarten schon einmal Probe gespielt werden.

Zu Hause über den Kindergarten sprechen und dem Kind erzählen, was es dort alles machen kann.

Eine Kindergartentasche besorgen, in der das Vesper Platz findet und vielleicht noch ein kleiner Tröster wie ein Kuscheltier oder bei kleinen Kindern der Schnuller.

Zeit nehmen für die Eingewöhnungszeit: Zwischen zwei und vier Wochen dauert in der Regel die schrittweise Abnabelung von den Eltern. Danach kennt sich das Kind schon gut in der neuen Einrichtung aus - und hat Vertrauen zu den Erzieherinnen und zu den anderen Kindern gefasst. Und auch die Eltern wissen, dass ihr Kind hier gut aufgehoben ist.

 

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