Bei reichsweiter Aktion verschleppt

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  • Im frühen 20. Jahrhundert waren die Händler noch mit Pferdewagen unterwegs. Im Bild die Familie Johann Müller aus Wildenstein. Foto: Archiv Jakob Kronenwetter 1/3
    Im frühen 20. Jahrhundert waren die Händler noch mit Pferdewagen unterwegs. Im Bild die Familie Johann Müller aus Wildenstein. Foto: Archiv Jakob Kronenwetter
  • Anton B. ist kurz vor seinem 36. Geburtstag im KZ Dachau umgekommen. Foto: Archiv Jakob Kronenwetter 2/3
    Anton B. ist kurz vor seinem 36. Geburtstag im KZ Dachau umgekommen. Foto: Archiv Jakob Kronenwetter
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Der 27. Juni 1938 war ein Schicksalstag für drei Familien von fahrenden Händlern aus Unterdeufstetten. Unter diesem Datum ist in den Akten des Konzentrationslagers Dachau der Zugang von drei Männern registriert, deren Namen auf Wunsch ihrer Angehörigen hier nur abgekürzt wiedergegeben werden. Der 35-jährige Anton B., der 59-jährige Max W. und der 28-jährige Wilhelm P. überlebten das Nazireich nicht. Anton B. starb am 14. März 1939 in Dachau, während Max W. und Wilhelm P. eine Woche später in das Konzentrationslager Mauthausen in Österreich überstellt wurden, wo auch sie umgekommen sind.

Der 73-jährige Händler Bruno H., ebenfalls aus Unterdeufstetten, wurde zwei Jahre später verhaftet, vermutlich weil er homosexuell war. Am 10. Februar 1941 wurde sein Zugang in Dachau registriert, am 5. Juli wurde er in das Konzentrationslager Buchenwald gebracht, von wo er nicht mehr zurückgekommen ist. Schließlich traf es Johannes H., einen 38-jährigen Händler aus Wildenstein, der am 6. Dezember 1942 in das Konzentrationslager Natzweiler gebracht wurde. Ihn verzeichnen die Akten unter dem 13. März 1944 als "vermisst".

Die fünf Männer waren Jenische, und das war ihr einziges Verbrechen. Sie waren Nachfahren der Menschen, die sich im 17. und 18. Jahrhundert im Gebiet der heutigen Gemeinde Fichtenau niederließen. Die Grundherren von Unterdeufstetten, Matzenbach, Unterdeufstetten und Lautenbach waren nach dem Dreißigjährigen Krieg darauf aus, mit einer gezielten Ansiedlungspolitik ihre entvölkerten Dörfer wieder zu beleben. Allerdings überließen sie ihren neuen Untertanen kein Ackerland, mit dem sie ihre Existenz hätten bestreiten können. Diese verlegten sich daher auf den Handel, stellten Tonwaren, Siebe, Bürsten und Pinsel her, die sie als Hausierer in ganz Deutschland und in den Nachbarländern verkauften.

Neben der bäuerlichen Bevölkerung, von der sie ausgegrenzt wurden und von denen sie sich abgrenzten, entwickelten sich die Jenischen - die Herkunft des Begriffs ist unklar - zu einer eigenen sozialen Gemeinschaft mit einer eigenen Sprache, dem Jenischen.

In der NS-Zeit waren die Jenischen Verfolgungen ausgesetzt wie Sinti und Roma. Die Schikanen richteten sich gegen "Zigeuner, Zigeunermischlinge und nach Zigeunerart umherziehende Personen", wie die Formulierung in einem Erlass Heinrich Himmlers von 1938 lautete, und waren damit eben auch auf fahrende Händler gerichtet.

Nachdem sie ab 1937 jederzeit in "Vorbeugehaft" genommen werden konnten, wurden als "Asoziale" oder "Arbeitsscheue" diffamierte Sinti, Roma und Jenische wurden im Juni 1938 bei der Aktion "Arbeitsscheu Reich" zu Tausenden in Konzentrationslager verschleppt - darunter drei der fünf NS-Opfer aus dem heutigen Fichtenau.

Die fünf Männer waren nicht die einzigen Jenischen von dort, die unter dem NS-Regime litten. Jakob Kronenwetter, ein jenischer Händler aus Unterdeufstetten, der sich seit vielen Jahren mit der Geschichte der Jenischen befasst, weiß von zwei Männern aus seinem Heimatort, die zwangssterilisiert wurden - einer von ihnen vermutlich, weil er einen Sprachfehler hatte.

Dass am Montag auf dem Friedhof in Unterdeufstetten ein Mahnmal für die jenischen NS-Opfer enthüllt wird, geht auf die Initiative des Jenischen Bunds in Deutschland und Europa zurück, der seit 2007 an den jährlichen Gedenkfeiern des Landtags teilnimmt. Dessen Bundessekretär Timo Adam Wagner sieht in der Gemeinde Fichtenau ein gelungenes Beispiel für die Integration der Jenischen.

Für Jakob Kronenwetter, der mehrere Bücher über die jenischen Händler geschrieben hat, wird der Montag ein besonderer Tag. "Ich empfinde Genugtuung und Freude darüber, dass an die vergessenen jenischen Opfer erinnert wird", sagt Kronenwetter, der morgen 66 Jahre alt wird.

Das Mahnmal weist auf Wunsch der Angehörigen die Namen der Opfer nicht aus. Ihre Familiennamen finden sich allerdings auch nebenan auf dem Kriegerdenkmal. Und das wirft ein auffallendes Schlaglicht auf die Ereignisse: Während die einen Jenischen in den Konzentrationslagern umgebracht wurden, sind ihre Brüder, Vettern oder Schwäger an der Front verblutet.

NS-Opfer fast in jeder zweiten jenischen Familie Gedenkfeier in Matzenbach Zur Person vom 25. Januar 2014
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