Ausstellung dokumentiert Geschichte der Hessentaler Fassfabrik

Die Ausstellung in der ehemaligen Zwangsarbeiterbaracke im Hohenloher Freilandmuseum ist unter großem Publikumsinteresse eröffnet worden. Die einstigen Bewohner schufteten in der Fassfabrik Kurz. Mit Bildergalerie.

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Museumsleiter Michael Happe (links) und Landrat Gerhard Bauer bei der Ausstellungseröffnung. Viele Schulklassen sollen die Baracke im Freilandmuseum besuchen. Weitere Bilder online unter www.hallertagblatt.de  Foto: 

Es ist windig und kalt. Ein Zug rattert vorbei. "Da kann man sich das Leben in einer solchen Baracke ohne Isolation anschaulich vorstellen", meint Professor Thomas Schnabel, Leiter des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg, bei der Ausstellungseröffnung in Wackershofen. Vergangenen Sonntag frösteln über 120 Eröffnungsgäste vor dem schlichten Zweckbau zwischen Kassengebäude und der Außenstelle des Feuerwehrmuseums.

Erst Zwangsarbeiter, später Gastarbeiter untergebracht

Michael Happe, Leiter des Hohenloher Freilandmuseums, betont: "Freilichtmuseen haben die Aufgabe, die Lebensverhältnisse der Menschen in früheren Zeiten zu erforschen und zu präsentieren". Für viele der rund 2100 Zwangsarbeiter während des Zweiten Weltkriegs in Schwäbisch Hall gehörten die behelfsmäßigen, einfachen Bauten zum harten Alltag dazu. 1943 wurden die Reichsarbeitsdienst-Baracken für Zwangsarbeiter auf dem Gelände der Fassfabrik Kurz in Hessental aufgestellt. Nach 1945 wurden sie zum neuen Zuhause für Heimatvertriebene und boten später auch Gastarbeitern ein Dach über dem Kopf.

Die gesamte regionale Bau- und Nutzungsgeschichte am Hessentaler Karl-Kurz-Areal kann in ihren Facetten in der neuen Dauerausstellung nachvollzogen werden. Rund 15 Jahre dauerte es vom Abbau 2001 noch unter dem ehemaligen Museumsleiter Albrecht Bedal bis zur gelungenen Präsentation im Freilandmuseum.

Mehr als eine Stunde gehen die fünf Grußworte bei der Eröffnung. Man freut sich besonders über die gute Kooperation der beiden Museen, der Stiftungen, der Helfer und der anwesenden Politiker: allen voran Konsul Marcin Król aus dem polnischen Generalkonsulat in München. Saxophonklänge lockern die Atmosphäre.

Durch alle drei, erst für die Ausstellung verbundenen Zimmer zieht sich an der Nordseite die Geschichte der Haller Fassfabrik von ihrer Gründung 1890 bis zur Insolvenz 1998. Dutzende Besucher beugen sich lesend über die Dokumente auf den Pulttischen. "Ich komme wieder, wenn weniger los ist", resigniert Lena Brandner aus Heilbronn.

Die Geschichte der Zwangsarbeiter, die beengt bei oft extremen Temperaturen in den Baracken lebten, steht im Mittelpunkt der Ausstellung. Mobiliar sei nicht vorhanden, "da wir Geschichte konstruieren, nicht rekonstruieren", erläutert die Ausstellungsleiterin Professor Paula Lutum-Lenger. Der Bau wurde zuletzt als Lager genutzt, nur deshalb blieb er erhalten.

Die Gegenüberstellung der Innen- und der Außenperspektive des Zwangsarbeiter-Lebens erfolgt durch Zitate und Bilder. Die Akten der Schutzpolizei und das Firmenarchiv selbst sind Quellen für die persönlichen Sprüche an den Fenstern und den Pfeilern. "Das System schuf den Rahmen, die Menschen füllten ihn aus", erklären die Historiker vom Haus der Geschichte die unterschiedlichen Schicksale zwischen Mitleid, Ausbeutung und Tod.

Der Ansatz der Ausstellung, die gemeinsame Geschichte von Einheimischen und Fremden zu erzählen, ist aktuell. Lexika wie "Russisch auf Baustellen" oder "Wörterbuch für Ostarbeiter" erleichterten die Zusammenarbeit und Verständigung. In der Fassfabrik Kurz arbeiteten rund 350 Ausländer, die meisten kamen aus Frankreich, Russland, der Ukraine und Polen. "Die einfachen Holzschuhe waren so unbequem, dass man lieber barfuß zur Arbeit ging", erzählt der wissenschaftliche Volontär und Kurator Rainer Linder vom Alltag. Das beweist auch ein Foto an der Wand: Die Arbeiter tragen ihre hölzernen Schuhe über der Schulter.

"Ich hoffe, dass viele Schulklassen hier hereingeführt werden", wünscht sich der pensionierte Lehrer Martin Wiederholl. "Man sieht, wie es war", lobt er die Ausstellung. Er war selbst bis 1960 in einer der Baracken bei der Fassfabrik Kurz zuhause. Wiederholl deutet auf das Foto eines überfüllten Güterzug-Waggons an der Wand: "So sind wir aus Ungarn angekommen."

Eine der nächsten Aufgaben wird es sein, Infomaterial für Schulen zusammenzustellen, wie Museumsleiter Michael Happe erzählt. Den Katalog zur Ausstellung gibt es im Museumsshop zu kaufen. "Ich find' sie hochinteressant" lobt der Haller Franz Mühleck die Ausstellung. Es sei toll, dass man den Mut gehabt habe, sich an diese dunkle Zeit zu erinnern.

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