Aus einem etwas anderen Dorf

Wie aus einem Schlosscafé ein Studio werden kann, zeigte sich gestern in der Gemeinde Kreßberg. Der Deutschlandfunk sendete live vom Tempelhof. Das Thema, natürlich: die dort lebende Gemeinschaft.

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In der Sendung "Länderzeit" ging es in lockerer Runde um "selbstbestimmtes Zusammenleben". Zieht man die Nachrichten ab, blieben rund 70 Minuten reine Sendezeit. Zwischendurch sprangen immer wieder Kinder durch die Reihen, in den Pausen dampfte die Kaffeemaschine. Moderator Jürgen Wiebicke meldete sich "aus einem etwas anderen Dorf". Seine Gesprächspartner: Rebecca Nagel, Maria Keil, Peter Ammon, Agnes Schuster und Roman Huber. Den Blick von außen lieferten Kreßbergs Bürgermeister Robert Fischer und der frühere stellvertretende Bürgermeister Reinhold Kett.

"Hier wird mit neuen Lebensformen experimentiert", sagt Wiebicke. Und zwar ohne religiöses und politisches Dogma. Die Gemeinschaft Tempelhof wurde 2010 von 20 Münchnern ins Leben gerufen, unter ihnen auch Schuster und Huber. Sie übernahmen das ehemalige Kinderheim im Teilort Tempelhof samt Ländereien. Hubers "größte Sorge war die, dass ich in der Pampa versaure", gibt er zu. Heute nutze er hier mehr von dem Angebot als weiland in München.

Mittlerweile gehören 90 Erwachsene und 30 Kinder zur Gemeinschaft. Darunter konnte sich der Bürgermeister "erst nicht richtig was vorstellen". Aber nach den ersten Gesprächen war klar: "Das sind Menschen mit Ideen." Der Tempelhof ist für Fischer "ein interessantes Experimentierfeld für die Demokratie". Für Bettina Köster, die in dieser "Länderzeit" beim Deutschlandfunk für den Außeneinsatz verantwortlich zeichnet, ist das Schlosscafé ein "Ersatz für die Dorfkneipe, wie man sie von früher kennt". Sie hat auf dem Gelände "auffallend viele Väter mit Kindern" ausgemacht. "Das Leben wird wertvoller, wenn man es mit Menschen teilt", findet Stefan Schmidt, der in einem von Kösters Beiträgen auftaucht.

Auf dem Tempelhof gibt es aber auch so etwas wie Nestflucht. Rebecca Nagel ist mit 18 eine der jüngsten Bewohner. "Es mangelt an Jugendlichen", sagte sie, "zum Austausch." Leider zögen im Alter von 16, 17, 18, 19, 20 viele weg. Für Maria Keil, mit 72 eine der ältesten Bewohner, ist es "eine Kunst hier alt zu werden". Die Dynamik überall dabei zu sein, könne sie nicht mehr bringen, sagt Keil. Muss sie ja auch nicht. Aber sie könne ihr Leben maßschneidern. Was dabei hilft? "Du musst immer wieder das Herz aufmachen." Natürlich haben sie auf dem Tempelhof nicht auf alle Fragen eine Antwort. Aber: "Als Gemeinschaft ist man klüger als der klügste Einzelne", so sagt es Huber. Rente ist ein großes Thema und die Frage "Wie kann man gut alt werden?". Huber hält in Zusammenarbeit mit der Gemeinde auch eine Tagespflegeeinrichtung für denkbar.

Und was denken die Hörer? Dass einige falsche Vorstellungen vom Tempelhof haben, wird an der Frage "Ist das Handy erlaubt?" deutlich. Einer hält das Ganze für "ein tolles Avantgarde-Projekt für gesellschaftliche Umbrüche, die notwendig werden. Ein Projekt, in dem die menschliche Vernunft sich wieder erhoben hat und eine bessere Welt vorgelebt wird." Ein anderer zweifelt daran, "wenn innerhalb des Systems eine andere Lebensform in der großen Mehrheitsgesellschaft gelebt wird". Das sei "wie der Kampf einer Mücke gegen einen Elefanten". "Eine Mücke kann richtig was bewirken", betont Roman Huber. Sie könne ihn - wie neulich erst wieder geschehen - zum Beispiel vom Einschlafen abhalten.

Info Der Beitrag zum Nachhören

findet sich natürlich auch im Internet unter www.deutschlandfunk.de (--> Hören --> Mediathek).

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