Aus Dornröschenschlaf erweckt

Über 50 Jahre hat das Aushängeschild des Braunsbacher Gasthofes Löwen vor sich hingerostet. Dann hat Wirtin Heike Philipp es aus dem Dornröschenschlaf erweckt. Die Restauration markiert einen Neuanfang.

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Vor einer Woche: "Wegen Umbau bis 31. Januar geschlossen", steht auf einem Aufsteller vor dem Gasthof "Zum Löwen" am Marktplatz. Seit gestern hat der Gasthof wieder geöffnet. Zwischenzeitlich gab es einen Wechsel an der Spitze: Seit 1. Januar hat Heike Philipp den Löwen von ihren Eltern übernommen und führt ihn nun gemeinsam mit ihrem Partner Thomas Hopf. Im Frühjahr soll das in fünfter Generation bewirtschaftete Familienunternehmen auch wieder mit einem eisernen Aushängeschild glänzen. Ein Schild, das bereits im Jahr 1911 die Fassade zierte, im Jahr 1955 von Heike Philipps Großvater restauriert wurde und dann aus ungeklärten Gründen nicht am Gebäude, sondern im Hinterhof landete. "In all den Jahren wäre es mehrmals beinahe in den Container gewandert", weiß Heike Philipp. Die 30-Jährige entdeckte das Schild aus Eisen und Schwarzblech im Jahr 2009. Es lag zusammengeklappt auf dem Boden. Trotzdem war es ihr zum Wegwerfen zu schade. "Heike hat es gerettet", sagt ihr Partner Thomas Hopf (36) lächelnd.

"Das Schild wurde um das Jahr 1850 hergestellt", leitet Restaurator Klaus Hub aus Künzelsau anhand des einfachen Blechschnitts und der Machart ab. Interessant ist, dass das Wirtshausschild des Geislinger Ochsen im gleichen Stil gefertigt wurde. "Das muss der selbe Schlosser gewesen sein", vermutet Hub, der seit 20 Jahren Restaurator ist. Er bessert aber nicht nur Schilder auf, sondern auch Bauwerke und deren Einrichtung, Gemälde, Skulpturen, Altäre, Möbel und Porzellan. Vor einiger Zeit hat er zum Beispiel die Gemäldesammlung auf Schloss Stetten überholt und deren Wert für die Versicherung geschätzt. "Gerade noch rechtzeitig, denn kurz darauf wurden bei einem Brand einige Werke beschädigt."

Im September 2012 begann Restaurator Hub mit seiner Arbeit am Wirtshausschild. Nach einem Foto hat er das Original rekonstruiert: Sonne, Blume, Stern, eine Frau mit einem silbernen Blütenstrauß, ein Fisch mit Zähnen. "So eine verrückte Zusammenstellung habe ich noch nie gesehen", erzählt Klaus Hub lachend. Der Zustand des Schilds war kritisch: das Material war verrostet, der Löwe verbogen, ein Stern fehlte und die Farbe war nicht mehr zu sehen.

Der Restaurator arbeitet mit Spezialisten wie Schreinern, Holzbildhauern und Schlossern zusammen. Auch im Fall des Schildes nahm er die Hilfe eines Experten in Anspruch: Schlosser Wolfgang Unrat aus Niedernhall glich das Blech auf seiner Richtbank aus und ergänzte die fehlenden Applikationen.

Danach machte der Restaurator dem Rost mit Draht- und Schleifbürsten den Garaus. "Für Sandstrahlen wäre das dünne Schild zu empfindlich gewesen." Damit es mindestens für die nächsten 30 Jahre seine Farbe behält, trug Hub drei Mal das "beste Rostschutzmittel der Welt" auf. Was wie eine Wunderkur klingt, ist hochgiftig. Für das Arbeiten mit der so genannten Bleimennige braucht er eine Genehmigung. Als Gefahrengut wird das Mittel zu ihm transportiert. "Viele Maler sind früher an Bleimennige gestorben."

Zu Beginn seiner Arbeit steht die Farbabtreppung mit dem Skalpell. Wie ein Chirurg legt er eine Farbtreppe frei, um zu sehen, wie das Schild im Original lackiert war. Verarbeitet wurden Blattgold und -silber. Eine filigrane Arbeit, denn Blattgold hat eine Stärke von einem Zehntausendstel Millimeter. Was Gold werden soll, wird Gelb gestrichen und mit einem Anlegeöl eingepinselt. Dann heißt es, den richtigen Zeitpunkt abzupassen. "Wenn ich mit dem Finger übers Öl fahre und es pfeift, muss es schnell gehen." Das Gold muss auf dem Öl halten, darf aber nicht "ersaufen".

Im Frühjahr wollen Heike Philipp und Thomas Hopf das Wirtshausschild an die Fassade anbringen, die in Grau und Weiß gestrichen wird. Auch wurde die Metzgerei stärker an die Wirtschaft angedockt. Wo früher die Theke war, können nun in lockerer Atmosphäre Mittagsgerichte verzehrt werden. Frischwurst gibt es bis auf weiteres keine mehr. "Die Gastwirtschaft rückt in den Vordergrund", erklärt Heike Philipp.

Vor acht Jahren lernten sich die Küchenmeisterin und der Koch in Berlin kennen. Sie sammelten Berufserfahrung auf Sylt, in Shanghai, München und Hamburg. Seit drei Jahren sind sie in Braunsbach. "Heikes Eltern haben uns eine solide Basis übergeben", sagt Thomas Hopf, der in Gaildorf geboren wurde.

Tradition soll im Löwen fortgeführt werden. Deshalb wurde auch der historische Schriftzug im Wirtshausschild, "Schuhmacher 1955", erhalten. Schuhmacher ist der Name der früheren Wirtin Doris, Heikes Mutter. "Im Löwen hilft die ganze Familie mit", sagt Heike Philipp.

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