Auf den Spuren des Seelchens

Gerade war die letzte Führung, jetzt wird noch alles winterfest gemacht. Dann kehrt wieder Ruhe ein im Brüchlinger Wald. Das verwunschene Waldhaus bei Langenburg versinkt in einen Winterschlaf.

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    Mit einem Agnes-Günther-Schrein: Heide Ruopp im alten Dekanatsgarten in Langenburg.
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"Das ist mein Traum", sagt Heide Ruopp vom Langenburger Geschichtsverein, als sie durch den Brüchlinger Herbstwald stapft. "Agnes-Günther-Führungen durch die Natur."

Als sie am Waldhaus ankommt, steht dort Fritz Abel und recht das Herbstlaub zusammen. Mit dem Schlepper ist er aus Atzenrod herübergetuckert und macht die übliche Runde. Haben die Wildschweine gesuhlt? Ist alles beim Rechten? Und fast möchte man meinen, die letzten Besucher der Saison störten ihn. Doch dann erzählt er, wie die Atzenroder Jugend früher zum Waldhaus geschlichen ist. "Wir haben halt gewusst, wo der Schlüssel versteckt war", verrät er. Er erinnert sich, dort schöne Stunden verbracht zu haben.

In den 1960er-Jahren hat Abel das verfallende Haus sogar einmal fotografiert. "Damals war der Fotoapparat neu. Da hat man halt rumprobiert", sagt Abel und grinst verschmitzt. Das Foto ist heute ein Glück für den Geschichts- und Kulturverein Langenburg, der sich dem Erhalt des Waldhauses verschrieben hat.

Bevor der Verein tätig wurde, war das Waldhaus mehr und mehr in einen Dörnröschenschlaf verfallen. Die Freiwilligen hoben das Haus an, sanierten das Gebälk, schleppten Ziegel, schnitten Büsche frei, legten einen Sitzplatz an. Und warum das alles? Weil das Waldhaus eine wichtige Rolle im Agnes-Günther-Roman spielt. Weil dessen Hauptfigur, das Seelchen, dort glückliche Stunden verlebte. Und weil es dort - mehr wollen wir aber nicht verraten - von der Schwiegermutter angeschossen wurde.

Wer mit Heide Ruopp auf den Spuren des Seelchens unterwegs ist, kommt deshalb auch hier am Waldhaus vorbei und an anderen Schauplätzen des Romans - zum Beispiel an den "Lichten Eichen", einem jahrhundertealten Wald für die Schweinemast.

Ein paar knorrige Baumriesen stehen noch am Weg, der nun wieder als Allee erfahrbar ist. "Die Bäume haben meine Männer wieder freigeräumt", sagt Heide Ruopp. Mit "meine Männer" meint sie die vielen freiwilligen Helfer wie zum Beispiel Fritz Abel, die dazu beigetragen haben, dass das Waldhaus heute wieder aussieht wie früher - so wie es Agnes Günther, die ehemalige Dekansfrau von Langenburg, beschrieben hat.

Der Roman heißt "Die Heilige und ihr Narr" und erscheint aktuell in der 145. Auflage - eine stolze Summe. Die Anzahl der gedruckten Exemplare beträgt wohl rund 1,7 Millionen. Der Bestseller gehört damit zu den erfolgreichsten deutschen Büchern. Dieses Werk, vor gut 100 Jahren geschrieben, ist ohne Langenburg und ohne Hohenlohe nicht denkbar. Denn die Dichterin besang ihre Heimat detailgetreu und mit großer sprachlicher Schönheit. Damit habe sie Langenburg ein literarisches Denkmal gesetzt, betont Heide Ruopp.

Auch andere Stellen in der Stadt erinnern an Agnes Günther. Die alten Gärten am Südhang neben dem Rosengarten zum Beispiel, die heute in Verlängerung des Schlosscafés mehr zu ahnen als zu sehen sind. Hier kann man den schönen Blick auf Bächlingen und ins herbstlich gefärbte Jagsttal genießen.

"Hier", sagt Heide Ruopp und zeigt auf eine Bank, "genau hier war der Garten des alten Langenburger Dekanats." Dort musste sich Agnes Günther ein Jahr lang nach einer Tuberkulose bei einer Liegekur erholen. "Hier hat sie den Roman ersonnen", erklärt Ruopp. Monatelang muss ihr Blick ins Tal geschweift sein, in die entfernten Wälder. Hier ließ sie ihre Seele - und das Seelchen - schweifen.

Und deshalb träumt Heide Ruopp von Agnes-Günther-Führungen in Langenburg, bei denen all diese Orte erwandert werden. Vom Garten unterhalb des Pfarramts über die Lindenbastion am Schloss bis hinüber in den Brüchlinger Wald. Doch erst wieder im nächsten Jahr. Denn jetzt ist am Waldhaus Winterruhe.

Führungen zum Waldhaus

Langenburg-Führungen kann man buchen bei der Touristeninformation der Stadt Langenburg (www.langenburg.de), unter kulturverein-langenburg.de oder per E-Mail an ruopp-langenburg@gmx.de. Agnes-Günther-Führungen hinaus ins Waldhaus gibt es erst wieder im nächsten Jahr, Teilnehmerzahl: mindestens 20 Personen. Jeden ersten Sonntag der Monate Mai bis Oktober kann man sich aber zu einer Sammelführung anmelden. Beginn: 13.30 Uhr, Ende circa 17 Uhr - inklusive englische Tea-Time im Waldhaus. uts

SWP

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